Die Basler Herbstmesse gehört zu den grössten Jahrmärkten Europas. Jedes Jahr lockt sie eine Million Besucher an. Wie schafft sie es, ihre Anziehungskraft auch nach einem halben Jahrtausend zu bewahren?
30.10.2026, 05.30 Uhr
6 Leseminuten
Seit 1471 findet die Basler Herbstmesse jedes Jahr im Herzen der Stadt statt. Eine Drohnenaufnahme zeigt das Riesenrad auf dem Münsterplatz im Jahr 2024.
Georgios Kefalas / Keystone
An diesem Samstag macht sich Florian von Bidder um 11 Uhr 45 im Turm der Martinskirche in Basel bereit. Draussen ist der Platz vor der Kirche voll mit Menschen. Es ist der 24. Oktober, und bald wird von Bidder die 555. Ausgabe der Basler Herbstmesse einläuten. Er öffnet eines der kleinen Fenster im Kirchturm und blickt auf die Uhr. Der Basler Regierungspräsident Conradin Cramer hält noch seine Rede. Er habe versprochen, sie spätestens um 11 Uhr 57 zu beenden, sagt Florian von Bidder.
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Von Bidder ist 53 Jahre alt und trägt Anzug und Krawatte. Das Amt des Messeglöckners hat er seit vier Jahren inne. Um das Einläuten der Herbstmesse zu feiern, diesen wichtigen Brauch, hat von Bidder eine Handvoll Gäste in den Kirchturm eingeladen. Die Stimmung ist ausgelassen.
Florian von Bidder.
CH Media
Als draussen die Worte des Regierungspräsidenten pünktlich verstummen, lehnt sich Florian von Bidder aus dem Fenster. Er winkt der versammelten Menge mit einem schwarzen Handschuh zu. Die Menschen schauen zu ihm hoch, jubeln und klatschen.
Der Fingerhandschuh ist von Bidders Lohn für seine Tätigkeit als Messeglöckner. Den linken Handschuh bekommt er jeweils zum Einläuten. Den rechten Handschuh gibt es erst zwei Wochen später, wenn die Messe endet. Der Brauch soll sicherstellen, dass von Bidder auch zum Ausläuten der Basler Herbstmesse wieder im Turm erscheint.
Florian von Bidder tritt vom Fenster zurück und zieht sich den Handschuh über. Jetzt beginnt die Arbeit. Eine Viertelstunde lang zieht er an den Seilen der Glocken und läutet die Messe ein. So will es die Tradition. Die Glocken erklingen, die Basler Herbstmesse hat begonnen.
Die Basler Herbstmesse bietet Spektakel für Jung und Alt. Der Münsterplatz am Eröffnungssamstag 2025.
Andreas Schwald / CH Media
Ein Teil der Basler Identität
Die Basler Herbstmesse ist die grösste Vergnügungsmesse der Schweiz, einer der grössten Jahrmärkte Europas, ein kulturelles Basler Urgestein. Ihre Geschichte reicht bis ins 15. Jahrhundert zurück. Begonnen hat die Messe aus einer wirtschaftlichen Krise heraus. Der Jahrmarkt sollte der Stadt Basel zum Aufschwung verhelfen. Im Jahr 1471 garantierte der damalige Kaiser Friedrich III. aus dem Hause Habsburg der Stadt Basel das Messeprivileg – und zwar «für alle Zeiten». Im selben Jahr fand die erste Basler Herbstmesse statt.
Mehr als 500 Jahre später ist die Herbstmesse Teil der Basler Identität. Jedes Jahr findet sie Anfang November mitten in der Stadt, verteilt auf sieben Plätze, statt. Rund 460 Essensstände, Verkäufer, Bahnbetreiber, Spielgeschäfte bieten Waren, Kulinarik und Spektakel an. Rund eine Million Besucherinnen und Besucher werden erwartet. Die Basler Herbstmesse existiert zwischen Verkauf und Vergnügen – und zwischen Nostalgie und Neuheit.
Ein Mädchen fährt mit einem Pferdekarussell am Barfüsserplatz im Jahr 1944. Ähnliche Karusselle gibt es auf der Herbstmesse auch heute noch.
Walter Studer / Photopress-Archiv / Keystone
Die Geschichte der «dicken Berta»
Franz Baur hat die Basler Herbstmesse jahrzehntelang miterlebt. Als kleiner Junge besuchte er die Messe, später übernahm er das Amt des Glöckners. 33 Jahre lang läutete Baur die Herbstmesse ein, bevor er das Amt nach der Herbstmesse 2022 an Florian von Bidder übergab. Heute ist Baur 84 Jahre alt, und wenn er über die Herbstmesse spricht, versinkt er in Erinnerungen. Es gibt vor allem eine Geschichte, die ihn bis heute nicht loslässt: jene der «dicken Berta».
Franz Baur.
CH Media
Als Baur noch ein kleiner Bub war, gab es während der Herbstmesse in der Nähe des Messeplatzes einen Wohnwagen. Wer Eintritt bezahlte, konnte dort die «dicke Berta» treffen. Baur kratzte das Taschengeld zusammen. Die «dicke Berta» sei eine Frau gewesen, die mehr als 200 Kilogramm gewogen habe, erinnert sich Baur. Sie sagte ein paar Sätzchen auf – ihren Namen, ihr Gewicht, ihren Geburtsort. «Sie hat alles von sich erzählt, und ich habe gestaunt», sagt Baur. «Heute wäre das undenkbar.»
Die Angebote der Herbstmesse haben sich gewandelt. Doch einige Dinge aus Baurs Kindheit haben überdauert. Die Messespezialität «Magenmorsellen», kleine quadratische Zuckerplättchen, versetzt mit unterschiedlichen Aromen, Gewürzen und Kräutern, sei früher als Heilmittel gegen Magenbeschwerden vermarktet worden. Heute werden sie als Süssigkeiten auf der Messe beim Petersplatz verkauft.
Nostalgie am Petersplatz
Am Nachmittag des ersten Messetags schlendern Paare und Familien an den Verkaufsständen rund um den Petersplatz vorbei. Dort steht auch der Stand von «Stern’s Magenmorsellen». Die Zuckerplatten sind hinter der Glasscheibe fein säuberlich aufgestapelt und nach Farben sortiert. Die weissen schmecken nach Pfefferminze, die roten nach Erdbeere, die braunen nach Schokolade. Die Süssigkeit werde nur an der Basler Herbstmesse und am Weihnachtsmarkt angeboten, sagt die Verkäuferin. Das Rezept ist geheim – seit mehr als 125 Jahren.
Rund um den Petersplatz zeigt sich die traditionelle Seite der Basler Herbstmesse. In der Mitte des Platzes fasziniert das doppelstöckige Pferdekarussell Kinder und ihre Eltern. Am «Hääfelimärt» bieten zahlreiche Stände handgemachte Keramikwaren an, im «Handwerkerdörfli» zeigen Drechsler, Weber und Glaskünstler ihre Arbeit.
Wer sich mehr Tempo und Nervenkitzel wünscht, findet das auf der anderen Seite des Rheins. Vom Petersplatz können Besucher via Brücke dorthin gelangen – oder die Fähre über den Fluss nehmen.
Etwas für die Mutigen
Die Überfahrt mit der Fähre dauert ein paar Minuten und kostet zwei Franken. Bereits auf dem Wasser sind Schreie zu hören vom Kasernenareal. Auf dem Platz im Kleinbasel reihen sich Bahnen und Spielgeschäfte aneinander. Als die Sonne langsam untergeht, versammeln sich dort Gruppen von jungen Menschen.
Auf dem Kasernenareal steht eine der diesjährigen Neuheiten an der Basler Herbstmesse: der «Invader». Acht Franken kosten drei Minuten auf dem rasanten Rundfahrkarussell. Vor der Bahn haben sich Schaulustige versammelt. Die Mutigen unter ihnen steigen in die Gondeln. Kurze Zeit später werden sie in den offenen Sitzen zu dramatischen Klängen und Strobo-Effekten im Kreis und gleichzeitig um die eigene Achse geschleudert. Die Passagiere kreischen.
Auf dem Kasernenareal ist es laut. Die Musik ändert sich alle paar Schritte, und die Lichter sind grell und flimmern. Doch sobald man den Platz verlässt, ebben die Reize ab, und die Menschenmenge verteilt sich in den Strassen von Basel.
Die Herbstmesse wirkt wie ein Mosaik aus vielen kleinen Messen. Zwischen den einzelnen Plätzen ist es ruhig – bis sich die Besucher wenige Gehminuten später vor der nächsten Attraktion und zum Geruch gebrannter Mandeln wieder versammeln.
Die flimmernden Lichter einer Bahn im Jahr 2007: Wer Nervenkitzel sucht, wird an der Basler Herbstmesse fündig.
Karin Hofer / NZZ
Das Ende der «Fressmeile»
Für die beliebten Messeplätze gab es in diesem Jahr fast 1000 Bewerbungen. Wachsen soll die Messe dennoch nicht. Es gebe in Basel keine weiteren Plätze, die sich eignen würden, schreiben die Verantwortlichen. Daher sei auch keine Ausweitung geplant.
Die Basler Herbstmesse gehört sowieso in die Innenstadt. Für die Messeglöckner Florian von Bidder und Franz Baur ist es das Geheimnis des Erfolgs. Doch die Stadt Basel verändert sich. Das spürt auch eine besonders beliebte Ecke am Messeplatz – die sogenannte «Fressmeile».
Kurz nach 20 Uhr regulieren Sicherheitsmitarbeiter den Besucherstrom beim Eingang zur «Fressmeile». Wer durchwill, muss anstehen. Mehr als ein Dutzend Essensstände stehen hier dicht an dicht. Es gibt Würste, Steinpilzsuppe, gebratenen Reis, Cocktails, Knoblauchbrot.
Auf der Basler Herbstmesse gibt es rund 460 Angebote, verteilt auf sieben Messeplätze. (Bild: 2022)
Raphael Alù / CH Media
Es ist das erste Mal, dass die Organisatoren zu dieser Massnahme greifen, um den Andrang bei der «Fressmeile» zu kontrollieren. Gleichzeitig wird sie in dieser Form das letzte Mal stattfinden. Grund dafür: Das Parkhaus nebenan wird abgerissen. Wie es im nächsten Jahr weitergeht, ist noch unklar.
«Ein Anker für Basel»
Eine Stadt müsse sich entwickeln, und Plätze müssten saniert werden, sagt der Messeglöckner Florian von Bidder. Doch er hofft, dass dabei auch an die Herbstmesse gedacht wird. «Die Messe ist ein wichtiger Anker für Basel und die Gesellschaft.»
Florian von Bidder wird weiterhin dazu beitragen, dass das Brauchtum an der Basler Herbstmesse lebt. Zum Ende der Messe wird er wieder die steilen Treppen zum Turm der Martinskirche hinaufsteigen. Dort wird er den rechten Fingerhandschuh erhalten. Und dann wird er die Basler Herbstmesse ausläuten. So will es die Tradition.
Die Herbstmesse ist heute Teil der Basler Identität. Jedes Jahr Anfang November befindet sich die Stadt für zwei Wochen im Ausnahmezustand.
Joël Hunn / NZZ
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Lucia Grassi
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