Der Bund muss seine Pflichtlager für Kerosin öffnen. Nun drohen auch beim Heizöl Engpässe

Viele Hauseigentümer haben ihre Tanks wegen der hohen Preise nicht ausreichend gefüllt. Doch wegen des Niedrigwassers auf dem Rhein können die Händler nur begrenzt Nachschub beschaffen. Jetzt warnen sie vor einer Zuspitzung der Lage in den kommenden Wochen.

07.11.2026, 21.57 Uhr

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Das grösste Tanklager der Schweiz in Mellingen (AG) dient auch als Pflichtlager für Benzin, Diesel und Heizöl.

Das grösste Tanklager der Schweiz in Mellingen (AG) dient auch als Pflichtlager für Benzin, Diesel und Heizöl.

Keystone

Einst war hier eine grüne Wiese am Waldrand, im Frühling übersät mit gelbem Löwenzahn. Heute ragen am Rand des mittelalterlichen Städtchens Mellingen im Aargau gewaltige Stahltanks in die Höhe, manche so hoch wie ein achtstöckiges Wohnhaus. Die vor über fünfzig Jahren errichtete Anlage ist das grösste Tanklager der Schweiz, eine eiserne Reserve für schlechte Zeiten.

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Und sie ist so notwendig wie schon lange nicht mehr. Seit September musste der Bund bereits viermal Bezüge aus den Mineralöl-Pflichtlagern bewilligen, um die Versorgung sicherzustellen. Zuletzt war diese Woche das Flugpetrol betroffen. Weil Lieferungen aus dem Ausland ausfallen oder sich verspäten, drohen an den Flughäfen Zürich und Genf Engpässe.

Lage beim Heizöl «sehr angespannt»

Doch Probleme gibt es nicht nur beim Kerosin. In seiner neusten Lagebeurteilung warnt der Bund auch wegen der Versorgung mit Benzin und Heizöl. Sie sei zwar gesichert, aber angespannt. Beim Heizöl bezeichnet er die Situation gar explizit als «sehr angespannt». In der Schweiz heizt noch immer jedes dritte Wohngebäude mit Öl.

Die Lage könnte sich schon bald zuspitzen. Andreas Flütsch, Chef des Mineralölhändlers Migrol, warnt vor Schwierigkeiten, falls die Nachfrage in den nächsten Wochen kräftig anziehen sollte. Ein Wintereinbruch oder weiter sinkende Heizölpreise könnten einen solchen Nachfrageschub auslösen. «In einem solchen Szenario wären wir darauf angewiesen, dass in Abstimmung mit dem Bund auch auf die Heizöl-Pflichtlager zurückgegriffen werden kann», sagt er. Auch der Händler Agrola meint warnend, bei Diesel und Heizöl bestehe «das Risiko einer Versorgungsgefährdung in den kommenden Wochen».

Das Hauptproblem liegt beim Nachschub aus dem Ausland. Seit Wochen führt der Rhein wenig Wasser, weshalb Frachtschiffe nur noch einen Teil ihrer üblichen Ladung transportieren können oder teilweise gar nicht mehr ablegen. Migrol-Chef Flütsch sagt, er habe in seiner rund dreissigjährigen Laufbahn in der Mineralölbranche noch nie eine derart langanhaltende Einschränkung der Rheinschifffahrt erlebt.

Zugsausfälle und Baustellen

Die Importeure versuchen deshalb, die fehlenden Mengen über die Bahn und andere Wege zu transportieren. Doch auch dort gibt es Engpässe. Laut einer Sprecherin der SBB fehlen vor allem in Deutschland Kapazitäten auf den Bahnstrecken. Hinzu kommen Baustellen und Betriebsstörungen, die zu Zugausfällen führen.

Andrea Studer, Direktorin der Pflichtlagerorganisation Carbura, erwartet erst dann eine nachhaltige Entspannung, wenn anhaltende Niederschläge die Wasserstände des Rheins wieder steigen lassen. Sollte es hingegen zu zusätzlichen Ausfällen im Bahnverkehr oder zu Problemen bei europäischen Raffinerien kommen, würde das die Versorgung weiter erschweren.

Beim Heizöl kommt ein weiterer Umstand hinzu. Viele Hauseigentümer haben ihre Tanks vor diesem Winter noch nicht im üblichen Umfang aufgefüllt. «Die Füllstände in den privaten Heizöltanks haben im Oktober leicht angezogen, liegen aber weiterhin unter dem langjährigen Schnitt», heisst es bei Coop Pronto. Laut Migrol lag der schweizweite Heizölabsatz Ende September rund 30 Prozent unter dem Vorjahresniveau.

Der Grund für das Zögern der Kunden ist der Heizölpreis. Laut dem Preisindex von Migrol hat er sich seit Anfang Jahr etwa verdoppelt. Viele Kunden haben darum ihre Tanks nur zum Teil gefüllt oder mit der Bestellung ganz abgewartet, weil sie auf sinkende Preise hoffen.

Mögliche Lieferengpässe

Damit ist eine ungünstige Konstellation entstanden. Sollten angesichts des anstehenden Winters nun zahlreiche Hauseigentümer gleichzeitig Heizöl bestellen, muss die Branche kurzfristig zusätzliche Mengen beschaffen. Doch das ist wegen der eingeschränkten Importmöglichkeiten schwierig. Gleichzeitig muss jede einzelne Bestellung per Tanklastwagen ausgeliefert werden. Bei einem plötzlichen Nachfrageschub könnte deshalb auch die Verteilung innerhalb der Schweiz ins Stocken geraten.

Noch können die Händler ihre Kunden beliefern. Bei Agrola werden Bestellungen laut einem Sprecher derzeit innerhalb der üblichen Fristen erledigt. Auch der Migrol-Chef Flütsch zeigt sich zuversichtlich, selbst eine erhöhte Nachfrage bewältigen zu können. Allerdings schliesst er vereinzelte Lieferengpässe nicht aus, falls die Bestellungen stark zunehmen und sich die Versorgungslage nicht verbessert. Coop Pronto hält bei einer überdurchschnittlichen Nachfrage ebenfalls längere Lieferfristen für möglich.

Die angespannten Transportverhältnisse wirken sich auch auf die Heizölpreise aus. Laut Migrol und Coop Pronto schlagen die höheren Fracht- und Logistikkosten bereits durch. Wie sich die Preise in den kommenden Wochen entwickeln werden, lässt sich laut den Händlern allerdings nicht seriös vorhersagen. Denn bei der Preisbildung spielen neben der Logistik auch die internationalen Ölpreise, die Raffineriekapazitäten und die Wechselkurse eine wichtige Rolle.

Trotz den wiederholten Engpässen sehen weder der Bund noch die Mineralölbranche Anlass, das Pflichtlagersystem auszubauen. Eine Erhöhung der vorgeschriebenen Reserven sei derzeit kein Thema, erklärt ein Sprecher des Bundesamtes für wirtschaftliche Landesversorgung (BWL). Die Pflichtlager seien gerade dafür geschaffen worden, vorübergehende Versorgungslücken zu überbrücken. Die Erfahrungen aus bisherigen Krisen zeigten, dass sich solche Engpässe in der Praxis oft länger überbrücken liessen als rechnerisch vorgesehen – etwa weil nur ein Teil der Importe durch Pflichtlagerbestände ersetzt werden müsse oder der Verbrauch wegen höherer Preise sinke.

Auch die Carbura-Direktorin Andrea Studer sieht keinen Reformbedarf. Die Schweiz verfüge über genügend Lagerkapazitäten, zudem seien die Transportwege ausreichend diversifiziert.

Noch reichen die Reserven in den grossen Tanklagern wie jenem in Mellingen aus, um die Engpässe zu überbrücken. Ganz ohne Vorsichtsmassnahmen geht es freilich auch aus Sicht des Bundes nicht. Sollte sich die Versorgungslage über längere Zeit verschärfen, wären weitere Eingriffe denkbar. Das BWL hat dafür laut seinem Sprecher bereits Massnahmen wie Sparappelle und Temporeduktionen auf den Autobahnen vorbereitet.

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Jürg Meier

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