Der andere Blick
von Susanne Gaschke, Berlin
Junge Leute haben jedes Recht, für ihre Anliegen zu demonstrieren. Doch ihr Protest ist intellektuell dürftig
Am Wochenende gingen junge Menschen auch in Deutschland auf die Strasse. Wofür wissen sie selber nicht so genau.
02.11.2026, 17.44 Uhr
4 Leseminuten
Bildung statt Bomben: eine «Gen Z regelt»-Demonstration in Köln.
IMAGO/Markus Matzel
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In der deutschen Öffentlichkeit scheint ein weitreichender Konsens darüber zu bestehen, dass Jugendproteste wie kürzlich in Berlin, Frankfurt oder Stuttgart prinzipiell eine feine Sache seien. Und dass es eine Schande wäre, wenn die kostbaren Anliegen der jungen Menschen durch die Trittbrettfahrerei gewalttätiger Chaoten und Palästinafahnenschwenker diskreditiert würden.
Grundsätzlich stimmt es natürlich, dass das Demonstrationsrecht in jedem Fall zu schützen ist, egal, für welchen Fug oder Unfug Leute auf die Strasse gehen. Aber ebenso grundsätzlich darf man der Meinung sein, dass die gegenwärtige Schülerbewegung beispiellos infantil auftritt. Man darf das sogar sagen. Aber nur wenige tun es.
Viele Erwachsene in Politik und Medien scheuen offenbar anstrengende Konflikte mit den Nachwuchsrebellen – und biedern sich lieber an, ganz im Sinne des in der deutschen Vergangenheit vielfach missbrauchten Satzes: «Wem die Jugend gehört, dem gehört die Zukunft.»
Dabei hätten die Protestierenden, die das politische Streitgeschäft schliesslich erst üben, langfristig mehr von argumentationsstarkem Widerspruch als von repressiver Toleranz für ihre halbgaren Verlautbarungen. Niemand lernt, wenn ihm ständig auf die Schulter geklopft wird. Menschen entwickeln sich in der – selbstredend höflichen – Auseinandersetzung.
Quengelige Kindergarten-Kommunikation
Deshalb wäre es fair, den Anführern zu sagen, wie albern bereits der Kampagnenname «Gen Z regelt» wirkt. Oder der populäre Slogan «it’s giving zukunftsangst». Beide Formulierungen sollen vermutlich zeigen, dass die Social-Media-Generation auf etwas so Spiessiges wie Grammatik pfeift. Und dass sie Denglisch kann. Aber die Grenzen einer klaren Sprache markieren leider allzu oft auch die Grenzen des Denkens und Verstehens.
Ebenfalls nach Kindergarten-Kommunikation klingt es, wenn der (selbstverständlich nur mit dem Vornamen bekannte) Aktivistensprecher «Steve» den deutschen Bundeskanzler in Interviews anquengelt wie früher Mama und Papa vor dem Eisgeschäft: Man werde so lange weitermachen, bis Friedrich Merz endlich zuhöre. Im Vergleich zu diesem Spielplatz-Trotz erreichte ein Plakat mit der Aufschrift «Reiche Eltern für alle», das ein Demonstrant am Wochenende in Frankfurt herumtrug, schon fast kabarettistisches Niveau.
Wie sieht es neben der Form mit den Inhalten aus? Mit den Sorgen «der» jungen Menschen, die das öffentlichrechtliche Fernsehen unermüdlich im Kollektivsingular beschwört, obwohl es sich bei den Demonstranten um eine Teilgruppe, eine Minderheit des durchaus pluralistischen bundesdeutschen Nachwuchses handelt?
Ihre Sorgen und Ängste sind höchst widersprüchlicher Natur. Schülersprecher oder Jungredaktorinnen, die für ihre Altersgenossen das Wort ergreifen, betonen meist, nicht «jammern» zu wollen. Um dann umgehend in Gejammer darüber auszubrechen, wie brutal ihre (abschätzig «Boomer» genannten) Eltern angeblich die Zukunft verfrühstückten. Womit die Boomer-Kinder angesichts eskalierender Staatsschulden nicht einmal ganz unrecht hätten. Doch im selben Atemzug fordern die Jugendbewegten mehr teuren Klimaschutz und verwahren sich gegen jedwede Deckelung von Sozialleistungen.
Die Generation Zukunftsangst fürchtet sich vor Krieg, was angesichts der wachsenden Bedrohung durch ein unberechenbares Russland durchaus vernünftig scheint. Aber darum kümmern, dass keiner von ihnen «gezwungen wird, in einem Krieg zu sterben», wie ein junger Mann es vor einem ZDF-Mikrofon äusserte, müssen sich wohl irgendwelche anderen Leute. Denn «Aufrüstung» und Wehrpflicht lehnen die «Regler» von der Gen Z ab. Dass der Krieg, wenn er kommt, zu jedem kommt, ob er sich verteidigt oder nicht, scheint für diese Art Kriegsgegner schon zu hohe Philosophie zu sein: Krieg nicht zu wollen, reicht ihnen.
Am dringlichsten rufen deutsche Schüleraktivisten – in Anlehnung an ihre Krawallvorbilder aus Frankreich – nach einer «besseren» Bildung. Nicht nur angesichts der jüngsten Pisa-Ergebnisse wäre ihnen da uneingeschränkt zuzustimmen. Doch was bedeutet «besser» konkret? Und wären die Gen-Z-Vertreter tatsächlich bereit, mit unbequemen Konsequenzen dieses «Besseren» zu leben?
Es ist nicht die Schuld heutiger Schüler und Studenten, dass eine linksideologische Politik das einst leistungsfähige deutsche Schul- und Hochschulwesen in einen Zustand nivellierter Dysfunktionalität getrieben hat. Dafür können sie ihre Achtundsechziger-Grosseltern und postmodern verwirrten Eltern völlig zu Recht attackieren. Doch wenn die Jüngeren im Ernst eine bildungspolitische Wende erzwingen wollten, müssten sie die Kritik an ihren Altvorderen vollständig neu ausrichten. Müssten aufhören, deren Klischees nachzubeten. Und vermutlich einige ungewohnte Gedanken denken.
Bildung ist unbequem
Sie müssten beispielsweise begreifen, dass es – nicht nur, aber auch – Mitschüler ohne Deutschkenntnisse sind, die den Durchschnitt Pisa-relevanter Lernfortschritte nach unten drücken.
Begreifen, dass man «Wohlstand» nicht wie ein Menschenrecht einfordern kann, wenn mehr als die Hälfte eines Jahrgangs auf Universitäten drängt, um dort mit mässigem Interesse Fächer zu studieren, die kaum ein Arbeitgeber braucht. Während zugleich viele einen Aufstieg im Handwerk, das händeringend Auszubildende sucht, für unter ihrer Würde halten.
Diejenigen, die skandieren, dass sich ihre «Leistung» gefälligst lohnen solle, müssten die Möglichkeit in Betracht ziehen, auf dem Gymnasium wieder vollständige Romane zu lesen, nicht nur Pixibuchausgaben der Weltliteratur. Müssten akzeptieren, dass sechs Stunden Bildschirmzeit pro Tag einfach nicht drin sind, wenn es darum gehen soll, Mathematik oder Physik einigermassen zu begreifen.
Wer sich gegen ältere Leute zur Wehr setzen will, deren Politik er für verantwortungslos hält, muss sich mit deutscher Geschichte, mit dem politischen System und der Funktionsweise der Wirtschaft auskennen – und zwar nicht auf Tiktok-Niveau. Sondern gründlich. Sich anzustrengen, sich auszukennen, sich niemals aus Trägheit dumm zu stellen – das bedeutet Bildung.
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Susanne Gaschke
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