Der andere Blick

Der Kaiser ist nackt: Eine Bilanz nach sechs Jahren Trump

Trumps Macht beruht auf der Wucht seiner Inszenierung. Mit Provokationen überwältigt er die Welt. Doch etwas ist stärker als alle Show.

06.11.2026, 05.30 Uhr

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Donald Trump hat sich zur medialen Kunstfigur stilisiert. Gekonnt spielt er mit den Ängsten seiner Gegner.

Donald Trump hat sich zur medialen Kunstfigur stilisiert. Gekonnt spielt er mit den Ängsten seiner Gegner.

Ben Jared / Getty

Macht fasziniert die Menschheit und stösst sie zugleich ab. Und nirgends auf der Welt ist sie so konzentriert und permanent präsent wie an der Pennsylvania Avenue in Washington.

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Wer im Oval Office sitzt, wird zur Projektionsfläche der ganzen Welt. Darauf beruht der Nimbus des «mächtigsten Mannes der Welt». In Wahrheit ist er so mächtig nicht, denn die amerikanische Verfassung ist ein Kunstwerk der Gewaltenteilung.

Eine Anfängerfrage im Politologiestudium lautet, an welchem Fluss das mächtigste Parlament sitze. Es ist nicht die Themse, nicht die Spree, schon gar nicht die Seine und auch nicht die Aare. Es ist der Potomac.

Im Einzelnen heisst das: ein vom Volk direkt gewählter Präsident, der aber einem feindlich gesinnten Kongress gegenüberstehen kann. Zwei Kammern des Parlaments mit zum Teil sich überlagernden, zum Teil klar getrennten Kompetenzen – ohne Fraktionszwang und mit unüberbietbarem Selbstbewusstsein. Fünfzig Gliedstaaten mit weitreichenden Gesetzgebungsrechten. Dazu eine starke Justiz mit dem Supreme Court an der Spitze.

Putscht der Präsident gegen die Verfassung?

Regieren in dem System ist ein Albtraum, bestehend aus Abstimmungsniederlagen, kräfteraubenden Kompromissen und gerichtlichen Blockaden.

Nur die im Oval Office verdichtete Aura der Macht verhindert, dass die Amerikaner wie in Hans Christian Andersens Märchen «Des Kaisers neue Kleider» beständig ausrufen: «Der Kaiser ist nackt!»

Wichtiger als die flüchtige Macht ist daher ihre Inszenierung. Keiner hat das besser erkannt als der Showman Donald Trump.

Nichts hasst er so sehr wie Verlierer, und ein nackter Kaiser ist der grösste Verlierer. Daher erzeugt seine Propagandamaschine in Endlosschleife den gegenteiligen Eindruck.

Seine derbe Sprache, gespickt mit Invektiven und Beleidigungen, seine Grosssprecherei und Unberechenbarkeit dienen dem einzigen Zweck, alle Blicke auf Trump zu ziehen. Souverän ist in seiner Welt, wer die Aufmerksamkeit kontrolliert. Gekonnt spielt er mit den Ängsten seiner Gegner.

Der Taschenspielertrick funktioniert. Atemlos fragt sich das Publikum in der amerikanischen Provinz wie in den europäischen Hauptstädten, was der Wahnsinnige im Weissen Haus als Nächstes plane.

Die Überwältigungstaktik wirkt sogar jetzt noch, in der Mitte der zweiten Amtszeit, in der Trump unweigerlich zur lahmen Ente wird. Jetzt beginnt der Kampf um die Nachfolge, und normalerweise richten sich alle Augen nur noch auf dieses Spektakel. Der Präsident wird innenpolitisch zum Statisten degradiert.

Hinzu kommt, dass die Demokraten die Mehrheit in beiden Kammern des Parlaments errungen haben. Die Wähler bestraften Trumps durchzogene Leistung mitleidlos. Die Checks and Balances des US-Systems arbeiten entgegen allem Unkenrufen zuverlässig. Der Kaiser ist jetzt noch ein bisschen nackter.

Doch die mediale Kunstfigur Trump schafft es immer noch, die Aufmerksamkeit für sich zu vereinnahmen.

Unendlich viel Tinte wurde vergossen mit Spekulationen, ob er eine Niederlage bei den Midterms akzeptieren würde (er tat es anstandslos). Dem werden Mutmassungen folgen, ob er in zwei Jahren freiwillig aus dem Weissen Haus auszieht oder ob er eine dritte Amtszeit beansprucht. Putscht Trump gegen die Verfassung? Nichts ist schöner als der Grusel in der Geisterbahn am Potomac.

Die schnöde Wirklichkeit sieht anders aus. Aus gutem Grund hat der Präsident keinen direkten Einfluss auf die Organisation der Wahlen. Alle Versuche Trumps, sich diesen doch zu verschaffen, scheiterten. Eine Mehrheit der Gliedstaaten weigerte sich, dem Justizministerium die Wahlregister zu überlassen. Die Gerichte schlugen bisher alle Klagen der Regierung dagegen nieder.

Der Supreme Court verhinderte, dass Trump die Kontrolle über die Briefwahl übernehmen kann. Schliesslich lehnte der Senat eine Verschärfung der Ausweispflicht ab. Auch damit hatte das Weisse Haus versucht, sich Einfluss auf das Wahlverfahren zu erschleichen.

Die Gewaltenteilung erfüllt ihren Zweck, und die amerikanische Demokratie beweist ihre Vitalität. Blamiert haben sich am Wahlabend hingegen die vermeintlichen Experten, die bereits über ein autoritäres Regime schwadronierten. Sie sind der Propaganda der Demokraten auf den Leim gegangen.

Das Märchen vom bösen Superman Donald Trump hält sich jedoch hartnäckig.

Die Medien adeln seine Amtszeit mit dem Etikett «Trumpismus», als habe er aus einer in sich stimmigen Ideologie eine nicht minder kohärente Strategie abgeleitet.

Dabei hat sich kaum ein anderer Präsident so sehr von günstigen Gelegenheiten und plötzlichen Eingebungen treiben lassen. Obwohl er versprochen hatte, die USA aus den Händeln im Nahen Osten herauszuhalten, stürzte er sich kopfüber in den Iran-Krieg.

Entgegen der Ankündigung eines harten Kurses gegenüber China trifft er in diesem Jahr vier Mal den chinesischen Führer Xi Jinping – so oft wie kaum einen anderen Staatschef.

Nichts blieb übrig vom Maulheldentum Trumps, er werde die Inflation besiegen. Wegen des Kriegs am Golf klettern die Preise. Das robuste Wirtschaftswachstum wird vom KI-Boom angetrieben, während sich in anderen Branchen die Firmenpleiten häufen. Das Silicon Valley prosperiert, die Main Street blutet.

Auch sein Versprechen, mit der illegalen Migration ein für alle Mal aufzuräumen, erfüllt er trotz dem martialischen Gebaren der Einwanderungsbehörde ICE nicht. Hier bremsten die Gerichte und der Aufschrei der öffentlichen Meinung den Tatendrang.

Nur die Zölle sind eine echte Herzensangelegenheit des Protektionisten Trump.

Die Maga-Bewegung wird zerfallen

Wie man aus dem eklektischen Regierungshandeln einen schlüssigen «Trumpismus» herauszulesen vermag, ist ein Rätsel. Am Ende bleibt nur Trumps Überwältigungstaktik. Doch die ist Form und kein Inhalt.

Auch seine Maga-Bewegung dürfte sich nach dem Ende der Amtszeit allmählich auflösen. Keine der populistischen Strömungen, welche die Republikanische Partei periodisch befallen, hielt sich wirklich lange. Das galt für die Tea Party wie schon für das Goldwater Movement in den sechziger Jahren.

Blickt man zurück, gehört Trump gewiss nicht zu den innenpolitisch mächtigsten Präsidenten. Dieser zweifelhafte Titel gebührt am ehesten dem Demokraten Franklin Roosevelt, der die bis heute anhaltende Ära des Big Government einleitete. Auch Lyndon Johnson war sehr erfolgreich darin, der Bundesregierung Kompetenzen zuzuschanzen. Er tat dies eher leise, mit Sozialprogrammen und Subventionen.

Diejenigen Präsidenten aber, die am vehementesten ihre Amtsbefugnisse auszuweiten versuchen, sehen ihr Erbe am gründlichsten geschleift. So erging es Richard Nixon, so wird es Trump ergehen. Amerika ist nun einmal kein guter Ort für eine Imperial Presidency.

Wie alle seine Vorgänger muss sich auch Trump im Herbst seiner Macht die Frage stellen, was er in der verbleibenden Zeit sein will: der Bürgermeister von Washington oder der König der Welt.

In Washington ist für ihn nicht mehr viel zu gewinnen. Die Demokraten werden seine letzten Jahre in ein tristes juristisches Geplänkel verwandeln. Statt ihre Vision für Amerika aufzuzeigen, werden sie die – durchaus berechtigten – Vorwürfe des Amtsmissbrauchs und der Korruption bewirtschaften.

Aussenpolitisch jedoch vermag der Kongress den Spielraum des Präsidenten nicht ernstlich einzuengen.

Hier setzt Trump in seiner zweiten Amtszeit auch die deutlichsten Akzente. Entgegen allen Vorhersagen knickte er vor den Zwischenwahlen nicht ein, sondern hält den Druck auf Teheran hoch.

Der Krieg ist keine Eintagsfliege, er wird den Nahen Osten umgestalten. Dank alternativen Transportrouten verliert Iran sein Erpressungspotenzial in der Strasse von Hormuz und wird weiter isoliert. Seine Hilfstruppen – der Hizbullah und die Hamas – sind nur noch ein Schatten ihrer selbst. Die Huthi allein bieten keinen gleichwertigen Ersatz. Zugleich entstehen neue regionale Bündnisse, während Israel nach der Vormachtstellung greift.

Dieser Präsident interessiert sich für den Nahen Osten und China. Für Europa interessiert er sich nicht. Verständlicherweise regen sich die Europäer darüber auf, doch sie müssen in ihrer Machtlosigkeit die längerfristigen Konsequenzen bedenken.

Die altvertraute transatlantische Routine kehrt nicht zurück. Aus der Wertepartnerschaft wird ein Zweckbündnis. Wer immer auf Trump folgt, wurde nicht mehr im Kalten Krieg sozialisiert. Damals stand Europa für die USA im Zentrum. In Zukunft ist es nur noch ein Schauplatz unter anderen.

Eines sollte die Achterbahnfahrt mit Trump uns gelehrt haben: Ein Präsident kann alle Aufmerksamkeit binden, aber gegen die geschichtlichen Triebkräfte, gegen das, was der Historiker Fernand Braudel die «longue durée» genannt hat, ist er machtlos.

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Eric Gujer

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