Der andere Blick

Hatice Akyün, Berlin

Das bisschen Deutschsein ist doch nicht so schlimm: Warum der Begriff Integration in die Irre führt und Assimilation nicht verteufelt werden sollte

Nicht die kulturelle Herkunft entscheidet über Zugehörigkeit, sondern die Bereitschaft, sich auf die Werte des Landes einzulassen, in dem man hoffentlich gerne lebt.

21.10.2026, 18.00 Uhr

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Türkische Gastarbeiterkinder in den siebziger Jahren im Ruhrgebiet

Türkische Gastarbeiterkinder in den siebziger Jahren im Ruhrgebiet

Imago Stock&people

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Dass aus Gastarbeitern im Laufe der Jahrzehnte Bürger Deutschlands geworden sind, war weder von den damaligen Bundesregierungen noch von den Gastarbeitern selbst so vorgesehen. Am Dienstag, 65 Jahre nachdem das deutsch-türkische Anwerbeabkommen zwischen Deutschland und der Türkei unterzeichnet worden war, hat Bundeskanzler Friedrich Merz bei einem Festakt daran erinnert, dass diese Menschen «die industrielle Substanz Deutschlands» mit aufgebaut haben.

Dass Menschen mit türkischen Wurzeln immer noch darlegen müssen, ob sie dazugehören, ist ein Missstand, für den beide Seiten Verantwortung tragen. Auf der einen Seite hat Deutschland sich viel zu lange geweigert, sich als Einwanderungsland zu verstehen, obwohl es das längst war.

Auf der anderen Seite haben Zuwanderer kostbare Zeit damit vergeudet, herauszufinden, als was sie denn genau gesehen werden möchten. Es wurde darüber gestritten, was Integration eigentlich bedeutet.

Keine neuen Begriffe

Der Begriff selbst ist das Problem. Integration klingt nach einem Prozess, bei dem sich zwei Seiten aufeinander zubewegen. Wenn es darum geht, warum Integration nicht funktioniert, wird das Bild der Einbahnstrasse bemüht, denn Integration könne ja nur zweispurig gelingen. Die Mehrheitsgesellschaft muss sich also öffnen und die Minderheit sich einbringen. Auch wenn das auf den ersten Blick klug klingt, war es doch nicht mehr als Wunschdenken.

Die entscheidende Frage wurde nicht gestellt: Wie wollen wir eigentlich miteinander leben? Sie wurde dadurch verwischt, dass der Begriff Integration hin und her definiert wurde, statt dass eine konkrete Vorstellung skizziert wurde, wie das Zusammenleben aussehen soll.

Eine freiheitliche, liberale Gesellschaft braucht keine neuen Begriffe, sondern Regeln und ein Mindestmass an gemeinsamen Überzeugungen. Dazu gehören, wie es Bundeskanzler Merz in seiner Rede klargemacht hat, die Gleichberechtigung von Frauen und Männern und der Respekt vor anderen Lebensentwürfen, die nicht die eigenen sind. Es ist traurig, dass diese Selbstverständlichkeiten nach 65 Jahren immer noch gesagt werden müssen.

Viele verstehen es als Zwang, die eigene Herkunftskultur aufzugeben, und brandmarken es als Assimilation. Ein Begriff, den der türkische Präsident Erdogan in einer Rede von 2008 als «Verbrechen gegen die Menschlichkeit» bezeichnete. Wenn Assimilation aber nicht als Verzicht verstanden wird, sondern als ein Gefühl, sich dem Land zugehörig zu fühlen, in dem man gerne lebt, bekäme das Wort eine positive Konnotation.

Im Alltag würde es zum Beispiel bedeuten, traditionelle Rollenbilder zu hinterfragen und zu akzeptieren, dass andere keiner Religion angehören oder ihren Glauben anders ausleben. Sich also auf gemeinsame Regeln verständigen, die für alle gelten.

Nicht immer steckt Integration drin

Es ist nichts Schlimmes daran, sich ein Stück weit an die Lebensweisen der Gesellschaft anzupassen, in der man ja freiwillig lebt. Natürlich sind das Erlernen der Sprache, der Bildungsaufstieg und ein Arbeitsplatz wichtige Indikatoren der Zugehörigkeit. Im Alltag gelten jedoch andere Regeln: Sprich zu Hause, welche Sprache du möchtest, aber bringe deinen Kindern bei, dass «Jude» kein Schimpfwort ist. Koche, was du möchtest, und pflege deine Traditionen, aber verachte niemanden, der anders lebt und glaubt als du.

Als der fünfzigste Jahrestag des Anwerbeabkommens gefeiert wurde, spielte der Fussballprofi Mesut Özil noch für die deutsche Nationalmannschaft. Er galt damals als Beispiel für eine gelungene Integration. Merz würdigt heute die Biontech-Gründer Özlem Türeci und Ugur Sahin. Es zeigt, wie selbstverständlich Menschen mit türkischen Wurzeln zum wirtschaftlichen Leben Deutschlands gehören. Aber gerade der Fall Özil macht deutlich, dass nicht immer Integration drinsteckt, wo Integration draufsteht. Özils Nähe zu Erdogan und seine Sympathien für die Grauen Wölfe stehen vielmehr für Desintegration als für Integration.

Und was lernen wir nun aus 65 Jahren deutsch-türkischer Einwanderung? Ein bisschen Deutschsein ist gar nicht schlimm. Wenn man es zulässt, ist es sogar eine Bereicherung für das eigene Leben. Assimilation sollte deshalb nicht länger als Schreckgespenst behandelt werden, sondern als etwas, das erstrebenswert ist.

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Unsere Autorin weiss, wovon sie spricht. Sie ist in Duisburg-Marxloh aufgewachsen, einem Stadtteil mit sehr vielen Ausländern. Mittlerweile ist sie selber Migrantin.

Source: Neue Zürcher Zeitung · Hatice Akyün, Berlin

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