Der Abgewählte soll hoch hinaus: Trump denkt an Orban als Uno-Generalsekretär
Die Uno tut sich schwer, eine Nachfolge von Generalsekretär António Guterres zu bestimmen. Laut dem «Wall Street Journal» wollen die USA den ehemaligen Ministerpräsidenten von Ungarn nominieren.
28.10.2026, 05.30 Uhr
3 Leseminuten
Der amerikanische Präsident Donald Trump und der damalige Ministerpräsident von Ungarn, Viktor Orban, nehmen am Gründungsanlass des «Board of Peace» am Weltwirtschaftsforum in Davos teil. Am 22. Januar 2026.
Jonathan Ernst / REUTERS
Die Uno sucht dringend einen neuen Generalsekretär. Der Portugiese António Guterres, der seit 2017 die Weltorganisation leitet, tritt Ende Dezember ab. Die Empfehlung für den Nachfolger wird in geheimen Probeabstimmungen der fünfzehn Mitgliedstaaten des Sicherheitsrats ermittelt und dann der Generalversammlung zur Bestätigung vorgelegt. Bisher sind sechs Runden im Sicherheitsrat gescheitert, weil angeblich zwei Länder die Favoritin blockierten – die frühere Vizepräsidentin von Costa Rica, die 70-jährige Rebeca Grynspan.
Optimieren Sie Ihre Browsereinstellungen
NZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.
Bitte passen Sie die Einstellungen an.
Im Rennen befinden sich derzeit sieben offizielle Kandidaten, darunter der argentinische Diplomat Rafael Grossi, der die Internationale Atomenergie-Organisation als Generaldirektor leitet, oder die frühere Aussenministerin von Guyana, Carolyn Rodrigues. Gemäss dem traditionellen Rotationsprinzip stehen Kandidaten aus Lateinamerika und der Karibik im Vordergrund.
Doch laut dem «Wall Street Journal» haben die USA jemanden ganz anderen im Sinn: den rechtskonservativen ehemaligen Ministerpräsidenten Ungarns, Viktor Orban. Die Zeitung beruft sich in ihrem Leitartikel auf Quellen aus drei Ländern. Offenbar hat die Trump-Regierung Orban ermutigt, sich für das Amt zu bewerben. Zitiert wird auch ein anonymer Vertreter des US-Aussenministeriums. Demzufolge habe Orban bereits acht Stimmen im Uno-Sicherheitsrat auf sicher, zwei weitere Stimmen seien in Reichweite, berichtet das «Wall Street Journal». Auch die Vetomächte Russland und China würden die Kandidatur stützen. Bestätigt sind diese Informationen nicht.
Orban sah die Uno als Feind
Es wäre ein erstaunliches Comeback für Orban, dessen Fidesz-Partei am 12. April gegen die Tisza-Partei des Oppositionsführers Peter Magyar eine Wahlschlappe einsteckte und nach sechzehn Jahren zunehmend autoritärer Regierung aus dem Amt vertrieben wurde. Der rechtskonservative Politiker ist ein enger Verbündeter der Trump-Regierung. Präsident Trump nannte ihn einen «wahren Freund» und unterstützte seine Wiederwahl; Vizepräsident J. D. Vance reiste kurz vor den Wahlen nach Ungarn, um Orban zur Seite zu stehen. Auf der Website von Trumps «Board of Peace» ist Orban im Mitgliederverzeichnis immer noch als Premierminister Ungarns vermerkt.
Präsident Trump steht dem Multilateralismus und der Uno skeptisch gegenüber. Kurz nach seinem Amtsantritt kritisierte er die Institution als «schlecht geführt». Die Uno habe «grosses Potenzial», müsse «sich aber zusammenreissen». Er beendete die Zusammenarbeit mit dem Uno-Menschenrechtsrat, stoppte die Unterstützung des Hilfswerks für palästinensische Flüchtlinge UNRWA und stellte die Kulturagentur Unesco unter Beobachtung. Orban stellte die Uno in Wahlkämpfen sogar als Feind der Nation dar, mit dem Slogan: «Ungarn entscheidet, nicht die Uno!» Er warf der Organisation vor, Ungarn die Aufnahme von Migranten aufzwingen zu wollen.
Orban scheint laut dem «Wall Street Journal» dem Vorschlag gegenüber offen zu sein. Russland hat bisher keine Stellung bezogen. Der Kreml-Sprecher Dmitri Peskow sagte unverbindlich, Moskau würde eine formelle Kandidatur prüfen. Eine solche sei nicht Gegenstand des Telefongesprächs zwischen Putin und Trump am 9. Oktober gewesen, fügte er hinzu.
Ablehnende Reaktionen
Andere Stimmen reagierten befremdet auf die Idee einer Uno-Kandidatur Orbans. Der polnische Premierminister Donald Tusk, ein Orban-Gegner, nahm laut «Politico» den Vorschlag der USA belustigt auf: «Erst vor kurzem war er ein angeblicher Kandidat für das Amt des EU-Kommissions-Präsidenten.» Auch der ukrainische Aussenminister äusserte sich ablehnend.
In den USA meldeten sich vereinzelte skeptische Stimmen. «Eine schreckliche Wahl», kommentierte der gemässigte Republikaner Don Bacon den Bericht des «Wall Street Journal». Die Mitglieder der Chefredaktion der Zeitung kommentierten in ihrem Leitartikel, dass sie sich keine Illusionen über den Zustand der Uno machen würden: «Die Vereinten Nationen bekämen einen Chef, dessen Niveau dem Tiefstand entspricht, auf den die Organisation an ihrem New Yorker Hauptsitz längst gesunken ist.»
Wenn Orban als Sprengkandidat für das Amt des Generalsekretärs nominiert wird, wäre seine Wahl alles andere als sicher. Dazu braucht es nicht nur die Zustimmung von mindestens neun der fünfzehn Mitgliedstaaten des Sicherheitsrats. Das Veto einer einzigen der fünf Vetomächte kann die Wahl verhindern. Ob Grossbritannien und Frankreich Orban durchwinken würden, ist zweifelhaft. So oder so bahnt sich aber eine chaotische Besetzung der Uno-Spitze an.
Passend zum Artikel
Source: Neue Zürcher Zeitung · Isabelle Jacobi
At a glance
- Topic
- World
- Country
- 🇨🇭 CH
- Publisher language
- DE
- Added to Allnira