Datenanalyse
Zug enteilt, Zürich stagniert – das zeigt ein neues Wirtschafts-Ranking der Kantone
Welche Kantone sind reich, welche wachsen besonders stark? Das Bundesamt für Statistik hat dazu neue Zahlen berechnet. Es gibt überraschende Aufsteiger.
31.10.2026, 05.30 Uhr
4 Leseminuten
Das Bundesamt für Statistik hat neue Zahlen zur Wirtschaftskraft und zum Wachstum der Kantone berechnet.
Illustration Jasmin Hegetschweiler / NZZ
Die Schweiz gehört zu den reichsten Ländern der Welt. Doch hinter der gesamtstaatlichen Fassade verbergen sich grosse Unterschiede. Manche Kantone haben eine viel grössere Wirtschaftskraft als andere. Und einige wachsen viel langsamer als der Rest.
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Wie gross die Unterschiede sind, zeigen neue Daten des Bundesamts für Statistik (BfS). Es hat die Zahlen zum Bruttoinlandprodukt (BIP) in den Kantonen grundlegend revidiert und auf eine neue Basis gestellt. Zahlreiche Kantone stehen dadurch in einem anderen Licht da.
Ein Blick auf die neue Methode lohnt sich. Mit ihr lasse sich die wirtschaftliche Wertschöpfung direkter den Standorten zuordnen, an denen sie tatsächlich entstehe, schreibt das BfS. Früher haben die Statistiker zuerst für die Grossregionen der Schweiz die Wirtschaftsleistung geschätzt und diese je nach Arbeitsplätzen in einer Branche auf die Kantone aufgeteilt. Jetzt verwendet das BfS einen Bottom-up-Ansatz: Die kantonalen BIP werden nicht mehr geschätzt, sondern direkt aus den Daten der lokalen Unternehmen berechnet.
1. Wer sind die Aufsteiger und die Absteiger?
Die neue Methode führt zum Teil zu grossen Verschiebungen. Zu den Aufsteigern gehört beispielsweise Basel-Stadt. Das BIP des Kantons fällt um 30 Prozent höher aus als in der alten Berechnungsart. Dies, weil vor allem das Gewicht der Pharmaindustrie besser sichtbar wird und klar dem Kanton zugerechnet werden kann.
Die Wirtschaftsleistung der Kantone Genf und Zug wird um fast 50 Prozent nach oben revidiert. Die grösste Rolle spielen dabei Handelsfirmen wie die Rohstoffhändler: Sie haben meist eine relativ kleine Zahl an Arbeitsplätzen, erwirtschaften aber eine hohe Wertschöpfung. In den neuen BIP-Zahlen wird dies erkennbar.
Unter den Aufsteigern befinden sich auch überraschende Namen wie der Kanton Schaffhausen. Sein BIP wird um fast 50 Prozent nach oben gestuft. Das sei auf die Konzentration besonders produktiver Wirtschaftszweige und die Bedeutung Schaffhausens als Wirtschaftszentrum der Ostschweiz zurückzuführen, schreibt das BfS.
Plötzlich unter den wirtschaftsstärksten Kantonen der Schweiz befindet sich Neuenburg. Sein BIP-Plus beträgt 46 Prozent. In den Daten wird jetzt wohl die Rolle Neuenburgs als Standort für die Uhren- und Mikrotechnik-Industrie besser erfasst.
Es gibt jedoch auch Absteiger: Für 18 der 26 Kantone hat das BfS die lokale Wirtschaftsleistung nach unten korrigiert. Die Anpassungen fallen in der Regel gering aus und haben verschiedene Gründe. Am grössten ist das Minus im Kanton Tessin mit 20 Prozent.
2. Welches sind die wirtschaftsstärksten Kantone?
Das beste Mass für die Wirtschaftskraft eines Kantons ist das kantonale BIP pro Einwohner. Beim gesamtschweizerischen Ranking für das Jahr 2024 stehen Zug und Basel-Stadt einsam an der Spitze.
In Zug liegt das BIP pro Kopf bei 318 000 Franken. In der Stadt Basel beträgt es 300 000 Franken. Die beiden Kantone lagen schon vor der Datenrevision vorne. Nun ist ihr Abstand zur restlichen Schweiz nochmals grösser geworden.
Zug und Basel-Stadt dürften zu den reichsten Regionen der Welt gehören. Das liegt vor allem an der hohen Produktivität der ansässigen Unternehmen. Auch die lokale Bevölkerung profitiert davon: Die Löhne sind überdurchschnittlich hoch, dank den Firmen fliesst viel Steuergeld in die Staatskasse.
Neben Zug und Basel sticht die Westschweiz als wirtschaftliches Kraftzentrum heraus. Der Kanton Genf liegt auf Rang 3 mit einem kantonalen Pro-Kopf-BIP von 165 000 Franken. Neuenburg platziert sich auf Rang 5 (143 000 Franken) und die Waadt auf Rang 7 (95 000 Franken). Die guten Platzierungen sind Ausdruck davon, dass die Romandie in den letzten Jahren einen wirtschaftlichen Boom erlebt hat.
In der Deutschschweiz platziert sich Schaffhausen neu auf Rang 4. Der Kanton Zürich folgt auf Rang 6 mit einem Pro-Kopf-BIP von 103 000 Franken. Die vergleichsweise schlechte Platzierung des Kantons Zürich mag überraschen, da er häufig als Wirtschaftszentrum der Schweiz gesehen wird.
Schweizweit am geringsten ist die Wirtschaftskraft pro Kopf in den ländlich geprägten Kantonen Uri und Appenzell Ausserrhoden mit je 55 000 Franken.
3. Welche Kantone sind am stärksten gewachsen?
Das BfS hat die Daten zu den kantonalen BIP bis ins Jahr 2011 zurück neu berechnet. Das erlaubt einen frischen Blick auf die Frage, welche Kantone in den Jahren von 2011 bis 2024 wirtschaftlich besonders stark gewachsen sind. Laut dem BfS sind die Daten provisorisch, da im kommenden Jahr noch detailliertere Analysen vorgenommen werden.
Auch beim Wirtschaftswachstum schlägt der Kanton Zug alle anderen. Seit 2011 hat das kantonale BIP pro Kopf um 66 Prozent zugenommen. Der Anstieg ist wesentlich auf die Datenkorrektur zurückzuführen. Das gilt auch für Basel-Stadt und Schaffhausen, deren BIP pro Kopf in den vergangenen eineinhalb Jahrzehnten um 56 beziehungsweise 58 Prozent gewachsen ist. Zum Vergleich: Für die gesamte Schweiz lag das Pro-Kopf-Wachstum zwischen 2011 und 2024 bei 17 Prozent.
Zu den Regionen mit dem stärksten Wachstum gehört die Innerschweiz. Neben Zug ist die lokale Wirtschaftsleistung ebenfalls in den Kantonen Schwyz (+39 Prozent), Nidwalden (+33 Prozent) und Luzern (+24 Prozent) überdurchschnittlich stark gewachsen.
Zudem hat sich die Westschweiz gut entwickelt. Die Wachstumszahlen sind besonders für die Kantone Genf, Waadt und Neuenburg nach oben revidiert worden. Sie erzielten ein Pro-Kopf-Wachstum von jeweils mehr als 25 Prozent.
Es gibt aber auch wachstumsschwache Kantone. Zu ihnen gehört ausgerechnet der vermeintliche Wirtschaftskanton Zürich. Das Pro-Kopf-BIP hat von 2011 bis 2024 nur um 2 Prozent zugenommen.
Damit liegt Zürich auf dem drittletzten Platz in der Schweiz. Noch schlechter lief es im Kanton Aargau und im Kanton Freiburg, deren Pro-Kopf-BIP sogar leicht geschrumpft ist.
Insgesamt zeigen die Daten das Bild einer Schweiz, die sich wirtschaftlich sehr unterschiedlich entwickelt. Manche Kantone und Regionen haben in den vergangenen eineinhalb Jahrzehnten einen Boom erlebt, während andere stagnierten.
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Matthias Benz
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