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Das Geschäft mit dem Weltuntergang: Luxusbunker und Survival-Workshops für eine verängstigte Gesellschaft
Die geopolitische Unsicherheit verstärkt in der Bevölkerung den Wunsch, für den Ernstfall gewappnet zu sein. Prepping ist auf dem Weg aus der Nische. Auch in der Schweiz verzeichnen Unternehmen steigende Umsätze.
Valentina Rötheli01.11.2026, 05.30 Uhr
6 Leseminuten
Der Bund empfiehlt mindestens neun Liter Wasser pro Person als Notvorrat sowie Lebensmittel für rund eine Woche.
Dwight Eschliman / NMBE
Beim Notvorrat 33 von 100 Punkten, 39 bei der Handlungsfähigkeit, 30 bei der Sicherheit. Die Kursteilnehmerin hat eine Beratung zur Krisenvorsorge besucht und getestet, wie gut sie selbst im Ernstfall gerüstet ist. Ein paar Vorräte, eine Stirnlampe und Kerzen hat sie zu Hause. Ein «Anfang», sagt Lukas von Wartburg von SWISS OWL, der die Beratung anbietet. Für den Krisenfall brauche es aber deutlich mehr: literweise Wasser, physische Landkarten, Batterieradio. Die Teilnehmerin wohnt mit ihrem Partner in der Stadt. «Wo Sie wohnen, ist es im Ernstfall am problematischsten», sagt von Wartburg. «Haben Sie einen Zufluchtsort ausserhalb der Stadt?»
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Weltuntergangsszenarien und Notvorräte wurden lange vor allem mit Sonderlingen in Verbindung gebracht. Prepper wurden belächelt als skurrile Gemeinschaft aus bärtigen Männern oder Staatsverweigerern. Doch das ändert sich gerade. Das Sicherheitsgefühl in der breiten Bevölkerung hat unter der Pandemie, Kriegen und KI-Untergangsszenarien gelitten. In einer Umfrage der Militärakademie der ETH Zürich gaben dieses Jahr 86 Prozent der Befragten an, dass sich die Lage verschlechtert habe. Die Unsicherheit befeuert die Umsätze in einer Branche, die mit Bunkern, Notvorräten und Überlebenskursen Geschäfte macht. Das Phänomen Prepping – Englisch für vorbereiten – ist auf dem Weg aus der Nische.
Amerikanische Luxusbunker mit Spa und Pool
In den USA boomt das Geschäft mit dem Weltuntergang, vor allem in der Tech-Bubble im Silicon Valley. Der Meta-Gründer Mark Zuckerberg baut auf Kauai, der kleinsten der vier Hauptinseln Hawaiis, einen autarken Wohnkomplex für geschätzte 270 Millionen Dollar. Bill Gates soll laut Gerüchten in all seinen Häusern Bunker eingebaut haben. Und Jeff Bezos hat ein Haus auf Indian Creek, einer 300 Hektaren grossen künstlichen Insel in Florida. Schwer zugänglich und strengstens überwacht.
Es sind nicht nur eine Handvoll Milliardäre, die sich protzige Bunkeranlagen bauen. Laut einer Umfrage der Finanzplattform Finder haben im Jahr 2023 74 Millionen Amerikaner rund 11 Milliarden für die Krisenvorsorge ausgegeben.
«Sichern Sie Ihren Platz im Bunker, um jede Katastrophe zu überleben», schreibt die Firma Vivos Global Shelter Network auf ihrer Website. Im Vivos xPoint, einem alten Militärbunker im amerikanischen Gliedstaat South Dakota, können sich Interessierte ein Plätzchen für 25 000 bis 200 000 Dollar sichern. Mit «essenziellen Überlebensfähigkeiten», beispielsweise als Arzt, soll es Rabatt geben. Vivos macht aus dem grauen, ungemütlichen Bunker ein Luxusprodukt. Spa, Gym und Pool inklusive.
Visualisierung des Vivos-xPoint-Luxusbunkers: Bar, Billardtisch und Ledersofa.
Vivos
Wein und Gold im Brünig-Massiv
Wie steht es in der Schweiz mit Luxusbunkern? Sie ist seit dem Kalten Krieg ein Bunkerland. In rund 370 000 privaten und öffentlichen Schutzräumen gibt es Platz für fast die ganze Bevölkerung. Das ist weltweit einzigartig. Auch Angebote für Superreiche gibt es.
Im Brünig-Bergmassiv befindet sich eine Anlage mit unterirdischem Schiessstand, Restaurant und Sprengstofflager, erbaut von der Gasser Felstechnik AG. Neu sollen riesige Tresore dazukommen. Brünig Mega Safe heisst das Projekt. Geplant ist ein Tunnelsystem, bestehend aus Hochsicherheitszellen mit konstanter Temperatur. Darin sollen vermögende Kunden ihr Gold, ihre Autos oder ihre edlen Weine sicher versorgen können. Zwanzig Quadratmeter Lagerraum kosten gut eine halbe Million Franken.
Im Brünig Mega Safe lagern Kunst, Gold oder Luxusautos im Felsmassiv.
PD
Es muss nicht gleich ein Bergmassiv sein. Auch die Nachfrage nach klassischen Schutzkellern in Privathäusern nimmt zu. Das beobachtet Andreas Schwertfeger von der G. Bühler GmbH, einem Schweizer Bauunternehmen für Schutzräume. Es gebe viele alte Häuser mit Luftschutzkellern, die die Sicherheitsanforderungen nicht mehr erfüllten. Viele Eigenheimbesitzer möchten ihre Schutzräume wieder funktionstüchtig machen. Das ist teuer. Eine neue Panzertüre kostet zwischen 10 000 und 20 000 Franken. Die Lüftung 4000 bis 5000 Franken. Dazu kommen Kosten für die Einrichtung wie Betten oder Trocken-WC.
Auch für die Luxusvariante scheint es in der Schweiz einen Markt zu geben. «Bei einigen Kunden geht es in Richtung Festungsbau», sagt Schwertfeger. Diese hätten oft unrealistische Vorstellungen. Sie wollten auch im Notfall auf nichts verzichten. Er müsse dann jeweils vermitteln, dass die Sicherheit vor dem Komfort komme. Das stosse manchmal auf Unverständnis.
Die Schweiz setzt auf Eigenverantwortung
Während einige Bürger Hunderttausende Franken ausgeben, um für den Krisenfall gewappnet zu sein, vernachlässigen andere selbst die einfachsten Vorkehrungen. Der Bund empfiehlt mindestens neun Liter Wasser pro Person. Zudem Lebensmittel für rund eine Woche, darunter Teigwaren, Kaffee oder Konserven. Ein batteriebetriebenes Radio und eine Taschenlampe. Und Hygienemasken, Medikamente, Bargeld.
Nur zirka die Hälfte der Schweizer Bevölkerung hält sich heute an diese Vorgaben. Das zeigen Untersuchungen des Bundes von 2024. Bei der privaten Vorratshaltung bestehe noch Verbesserungspotenzial, schreibt das Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung (BWL) auf Anfrage der «NZZ am Sonntag». Versorgungsunterbrüche sollten laut BWL eigentlich selbständig überbrückt werden. Das Schweizer System setzt auf die Eigenverantwortung. Ausharren, Radio hören und Notvorräte essen.
Notvorrat und Überlebenstraining für Normalsterbliche
Dafür braucht es keine speziellen Angebote. Wasserflaschen, Konservendosen und Batterien gibt es im Supermarkt. Und trotzdem boomt das Geschäft mit Notvorräten und Überlebenskursen.
Bei SWISS OWL verdopple sich der Umsatz von Jahr zu Jahr, sagt der Geschäftsführer Lukas von Wartburg. Von der Prepper-Szene grenzt er sich ab, seine Kunden seien «ganz normale Schweizer». «Wir sind nicht im Geschäft mit dem Weltuntergang», sagt von Wartburg. Doch für welchen Ernstfall möchten seine Kunden gerüstet sein?
Notvorrat Classic-2-Paletten – Jahresversorgung für CHF 11 900.
PD
Die meisten stellten sich unter einer Krisensituation das Falsche vor. Es gehe nicht darum, sich vor einem Angriffskrieg wie in der Ukraine zu schützen. Sondern eher um ein Szenario, in dem der Strom für ein paar Tage ausfalle. Der Bund stuft ein flächendeckendes Blackout als eines der grössten und realistischsten Sicherheitsrisiken der Schweiz ein. Kommunizieren mit dem Handy – ginge nicht mehr. Bezahlen mit dem Wallet – auch nicht. Heizung, Wasserpumpe, Licht. Alles ist auf Strom angewiesen.
Für die Beratungen verlangt SWISS OWL 200 Franken für zwei Stunden online, 600 Franken für vier Stunden vor Ort. Dazu gibt es einen Gutschein für den Online-Shop. In diesem bietet SWISS OWL das Familienpaket Classic – 1 Monat Versorgung für 4 Personen – für 1199 Franken an. Es enthält Haferflocken, getrocknete Gemüsemischungen, Kichererbsen oder Vollmilchpulver. Soll das Paket gluten- oder laktosefrei sein, kostet das nochmals 100 Franken mehr. Oder man lässt sich gleich zwei ganze Paletten liefern. 11 900 Franken reichen für ein ganzes Jahr. Er wolle zur Schweizer Resilienz beitragen, sagt von Wartburg. Er gibt aber auch zu, dass sich damit gut Geld verdienen lässt.
Einen anderen Ansatz verfolgt Gion Saluz. Er bietet mit seinem Unternehmen Swiss Survival Training Kurse zum Überleben in der Natur an. Er sehe, dass die Nachfrage nach seinen Save-your-Life-Kursen in den letzten Jahren gestiegen sei. Von der Hausfrau über den Geschäftsmann bis zur Uno-Mitarbeiterin, sie alle kämen zu ihm. Sie wollten lernen, wie sie im Katastrophenfall in der Natur überleben könnten.
Der Wochenendkurs kostet 580 Franken. Die Teilnehmenden lernen, wie man einen Fluchtrucksack, im Englischen besser bekannt unter dem Namen Bug-out-Bag, packt. Oder welche Naturkräuter im Wald essbar sind. Wem das zu viel Pfadilager-Atmosphäre ist, kann eine Privatberatung buchen. Saluz verrechnet dafür mindestens 1950 Franken Tagespauschale, je nach Ort kommen die Kosten für die Anreise dazu.
Eine Marktlücke für Produkte, die es nicht braucht
Der Bund hat nichts gegen die Angebote einzuwenden, im Gegenteil. Das BWL schreibt auf Anfrage: «Wer sich stärker absichern will oder sogar autark sein will, stört die etablierten Krisenstrukturen nicht.»
Krise und Weltuntergang lassen sich im Zeitalter der sozialen Netzwerke aber auch gut ausschlachten. Auf Instagram hat Billy Morris über eine Million Follower. «Wenn die Gesellschaft untergeht, würdest du überleben?», fragt Morris in einem Post. Und das Unternehmen Stand-by Supply schreibt: «Warte nicht, bis die Gestelle leer sind, um dir zu wünschen, du hättest dich vorbereitet.» Bei den meisten solchen Posts gibt es einen direkten Link zu Online-Shops. Die Angst vor dem Weltuntergang ist ein gutes Geschäft geworden.
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Valentina Rötheli
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