Das Ende jahrzehntelanger Dominanz: Warum Österreichs einstige Volksparteien immer weiter abstürzen
Einst teilten sich SPÖ und ÖVP verlässlich 90 Prozent der Wählerschaft, doch das Fundament der beiden Traditionsparteien erodiert seit Jahren. Lässt sich der Niedergang aufhalten?
03.11.2026, 05.30 Uhr
6 Leseminuten
Zur Feier am 1. Mai auf dem Wiener Rathausplatz marschieren die Gewerkschaften auf. Ihre Bedeutung ist in den letzten Jahrzehnten geringer geworden.
Lisa Leutner / Reuters
In der Krise besinnt sich die Sozialdemokratische Partei Österreichs (SPÖ) auf ihren Verkaufsschlager. Unter dem Motto «Wien schafft Zuhause» haben die Genossen zu einem Quartierfest beim Liebknecht-Hof geladen, einem Gemeindebau. Mit seinen Spitzbögen und den schmalen Fenstern ist er ein typisches Beispiel für die in den 1920er Jahren errichteten städtischen Wohnanlagen. Wien wollte damit die katastrophalen Lebensbedingungen nach dem Ersten Weltkrieg verbessern.
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Die Sozialwohnungen wurden zum Erfolgsprojekt des «Roten Wien» der Zwischenkriegszeit. Es ist eine Tradition, die bis heute fortbesteht. Die Hauptstadt Wien ist mit ihren 220 000 Gemeindewohnungen die grösste Immobilienbesitzerin Europas.
Für die Sozialdemokraten sind die Gemeindebauten identitätsstiftend. Wie die meisten ist auch der Liebknecht-Hof mit einer Hinweistafel zur Errichtung versehen. Sie nennt die Baujahre 1926 und 1927 und den damaligen Bürgermeister Karl Seitz. Vor dem Gebäude haben die Genossen ein paar Festbänke und einen Infostand aufgebaut. Man begrüsst sich traditionell mit «Freundschaft». Aus dem Lautsprecher dröhnt ein Falco-Hit. «Der geht immer», sagt eine Funktionärin.
Seit Kreisky geht es mit der SPÖ stetig bergab
Der Chef der SPÖ Meidling Jörg Neumayer verteilt Flyer in Form eines Schlüssels. Über den aufgedruckten QR-Code kann man die eigene Miete mit der in anderen europäischen Städten vergleichen. Durchschnittlich koste eine Wohnung von 70 Quadratmetern in Wien rund 780 Euro, heisst es da. In Paris und Barcelona sind es laut den Daten knapp 2200 Euro, in Berlin 1300 Euro und selbst im nahen Budapest 1000 Euro. «Es gibt weltweit nichts Vergleichbares», sagt Neumayer über den Wiener Wohnbau. Delegationen aus ganz Europa kämen, um sich das anzusehen, sagt Neumayer. Seine Partei habe in Wien soziale Gerechtigkeit geschaffen und es zu einer der lebenswertesten Städte der Welt gemacht. Deshalb sei sie hier auch immer noch stark.
Tatsächlich regieren die Sozialdemokraten Wien seit mehr als hundert Jahren, unterbrochen nur 1934 bis 1945 vom Austrofaschismus sowie von der Nazi-Zeit. Im Arbeiterbezirk Meidling erreichten sie bei der Gemeinderatswahl im letzten Jahr über 40 Prozent der Stimmen. Auf Bundesebene sieht es aber anders aus. Bei der Nationalratswahl 2024 wurde die SPÖ erstmals überhaupt nur drittstärkste Kraft und verzeichnete mit 21 Prozent ihr historisch schlechtestes Resultat. Inzwischen liegt sie in den Umfragen sogar nur noch bei rund 14 Prozent. Kürzlich musste deshalb der Parteichef Andreas Babler, einst ein Hoffnungsträger der europäischen Linken, seinen schrittweisen Rückzug anmelden. Seine Nachfolge soll nächstes Jahr bei einem Parteitag geklärt werden.
Am Quartierfest in Meidling sind die Turbulenzen kein grosses Thema, wohl aber die Probleme, die derzeit Regierungsparteien europaweit belasten: Teuerung, Migration, hohe Energiekosten. Zwei Rentnerinnen nehmen den angebotenen Kaffee und den Krapfen gerne, schimpfen aber, dass die Partei gar nichts mehr für die eigenen Leute tue. Man könne sich nichts mehr leisten. Vor allem das Abonnement für den öffentlichen Verkehr sei eine Belastung, klagt eine. «Ich war schon immer eine Rote durch und durch», sagt die Frau in breitem Wienerisch. «Aber seit Bruno Kreisky ist nix Gscheites mehr nachgekommen.»
Der längstdienende Bundeskanzler Kreisky ist der Säulenheilige der SPÖ, der die Partei in den siebziger Jahren in drei Wahlen zu einer absoluten Mehrheit führte. Seither geht es langsam, aber stetig bergab. Ein charismatischer Staatsmann wie Franz Vranitzky konnte daran ebenso wenig ändern wie der Machttaktiker Werner Faymann, zwei langjährige Kanzler.
Das zeigt, dass die Figur an der Spitze keine entscheidende Rolle spielt – zumal die andere einstige Grosspartei Österreichs, die konservative Volkspartei (ÖVP), mit etwas mehr Auf und Ab dasselbe Problem hat. Auch sie lag bis Ende der achtziger Jahre stets bei deutlich über 40 Prozent der Stimmen. Zusammen kamen SPÖ und ÖVP über Jahrzehnte auf rund 90 Prozent. 2024 waren es dagegen weniger als die Hälfte der Stimmen, und mit der FPÖ gewann erstmals eine andere Partei die Wahl.
Auch die ÖVP brach dramatisch ein, konnte aber immerhin einen historischen Tiefpunkt vermeiden. In gegenwärtigen Umfragen liegt aber auch sie zuweilen unter 20 Prozent. Zudem droht sie in den ab nächstem Jahr anstehenden Regionalwahlen Bundesländer zu verlieren, in denen noch vor einigen Jahren alles andere als ein «schwarzer» Landeshauptmann undenkbar gewesen wäre. Auch bei den Konservativen wächst deshalb die Unruhe. Dass Bundeskanzler Christian Stocker die Konservativen in die nächste Wahl führt, gilt als fraglich. Eine «Obmanndebatte», wie die SPÖ sie gerade führte, dürfte der ÖVP mittelfristig ebenfalls bevorstehen.
Mehr Konkurrenz und weniger Stammwähler
Müsste man den Anfang des Niedergangs der beiden einstigen Grossparteien an einem Datum festmachen, läge dieses vierzig Jahre zurück. 1986 übernahm mit Jörg Haider der «Vater» des europäischen Rechtspopulismus die Macht in der FPÖ. Unter dem charismatischen Volkstribun begann der Aufstieg der zuvor akademisch geprägten Deutschnationalen zu einer Partei für die Masse. Im gleichen Jahr gelang zudem den Grünen erstmals der Einzug ins Parlament, die fortan vor allem in progressiven, städtischen Kreisen Erfolge feierten.
Laurenz Ennser-Jedenastik, Politologe an der Universität Wien.
PD
Dieses breitere Angebot traf auf eine strukturelle Veränderung für die beiden Volksparteien: Ihre Kernwählerschaft wurde schlicht kleiner. Die stetig sinkende Zahl der Bauern wie auch der Katholiken spürt die ÖVP, den Rückgang an Industriearbeitern und Gewerkschaftern die SPÖ. Diese Gruppen hätten eine hohe Milieu-Anbindung gehabt, also verlässlich dieselbe Partei gewählt, erklärt der Politikwissenschafter Laurenz Ennser-Jedenastik. Schwindet diese Anbindung, werde das System dynamischer. Die Menschen wechselten die Parteien zwar nicht beliebig, aber es kämen mehrere infrage. Dann entschieden kurzfristige Faktoren wie eine Person oder die Wirtschaftslage, sagt Ennser-Jedenastik.
Mit dieser Entwicklung, die derzeit etwas verzögert auch in Deutschland erfolge, befinde sich Österreich im europäischen Mainstream, sagt der Professor der Universität Wien. Die Fallhöhe sei hier aber besonders gross, weil die Dominanz von Christlichdemokraten und Sozialdemokraten über Jahrzehnte so stark gewesen sei.
Die FPÖ liegt bei fast 40 Prozent
Typischerweise könne ein Wechsel an der Parteispitze die Tendenz nicht ändern, erklärt Ennser-Jedenastik. Ausnahmen gibt es – etwa den früheren Kanzler Sebastian Kurz. Nachhaltig waren die damaligen ÖVP-Erfolge aber nicht, wie sich nun zeigt. Als Gegenbeispiel führt der Politologe den FPÖ-Chef Herbert Kickl an, der als Person nicht populär ist wie einst Kurz. Dennoch verzeichnen die Rechtspopulisten unter ihm derzeit rekordhohe Umfragewerte von fast 40 Prozent.
Die Partei profitiert davon, dass sie bei wichtigen Themen – der Migration, dem Krieg in der Ukraine oder vor einigen Jahren der Pandemiepolitik – als einzige eine dezidiert andere Position einnimmt. So sei sie für Vertreter dieser abweichenden Haltung die einzige Alternative, sagt Ennser-Jedenastik. Dazu kommt das Dilemma, dass ÖVP, SPÖ und die Liberalen (Neos) eine heterogene Koalition bilden mussten, um Kickl von der Macht fernzuhalten. Das zwingt die drei Parteien zu Kompromissen, die ihre eigenen Positionen verwässern, was wiederum der Opposition Unzufriedene zutreibt.
Ennser-Jedenastik sagt, es gebe für die einstigen Volksparteien keine absoluten Grenzen nach unten. Für die SPÖ wögen vor allem die strukturellen Gründe der schwindenden Milieus schwer, für die ÖVP dagegen der Wähleraustausch mit der FPÖ. Für die Rechtspopulisten sei die Frage, ob man mit den Konservativen zusammenarbeiten oder sie ersetzen wolle. Der Politikwissenschafter sieht Anzeichen für Letzteres in der neuen Stärke der FPÖ auf dem Land, bisher eine konservative Bastion. Liefen dort Wähler verstärkt zu den Rechtspopulisten über, werde es richtig schmerzhaft für die ÖVP, erklärt Ennser-Jedenastik.
In Italien sind die jahrzehntelang dominierenden Christlichdemokraten und Sozialisten untergegangen, in Frankreich spielen sie nur noch eine untergeordnete Rolle. So weit wird es in Österreich noch eine Weile nicht sein, ausgeschlossen ist diese Entwicklung aber keineswegs. Spektakuläre Wahlerfolge seien nach wie vor möglich, meint Ennser-Jedenastik. Aber eine nachhaltige Rückkehr zu Werten über 35 Prozent sieht er nicht.
«Meidling bleibt stabil», steht dennoch auf dem Button einiger Funktionäre vor dem Liebknecht-Hof. Es sei in der heutigen Krisenlage schwieriger als früher, räumt der Chef der SPÖ Meidling Jörg Neumayer ein. Dann zählt er auf, was die SPÖ in der Regierung alles erreicht habe, eine «Spritpreisbremse» etwa, die Mehrwertsteuersenkung für Grundnahrungsmittel oder das Klimagesetz. «Die Ergebnisse sind da», sagt der 41-Jährige. Nun müsse es gelingen, diese wieder besser zu kommunizieren.
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Meret Baumann
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