Darüber spricht Lilienfeld: Ein Ort streitet über den Auftritt eines Schriftstellers
Martin Prinz hat als Jugendlicher den Schuldirektor provoziert. Der sprach vor drei Jahrzehnten dafür ein Auftrittsverbot aus, was beinahe eine Lesung des österreichischen Autors in seiner Heimatstadt verhindert hätte.
Wolfgang Rössler08.11.2026, 05.30 Uhr
2 Leseminuten
Der Bürgermeister untersagte eine Lesung, die Kirche kam dem Schriftsteller zu Hilfe.
Dominic Steinmann
/ NZZ
Am Ende durfte der Schriftsteller Martin Prinz sein neues Buch doch vorstellen, im niederösterreichischen Lilienfeld, eine gute Stunde Autofahrt westlich von Wien, wo er seit mehr als drei Jahrzehnten wegen einer Jugendsünde als Persona non grata gilt. Als Chefredaktor der Schülerzeitung am dortigen Gymnasium hatte er nicht nur seinen Direktor beleidigt, sondern auch die konservative ÖVP. Und die Provinz vergisst nie. Aber immer der Reihe nach.
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Prinz gehört zu den renommierteren österreichischen Autoren der Gegenwart. Oft behandelt er historische Themen, in einigen seiner Romane geht es auch um seine eigene Biografie, das Aufwachsen in der Kleinstadt. Lilienfeld nämlich, 2600 Einwohner. Dort veröffentlichte er Anfang der neunziger Jahre in der Schülerzeitung einen offenen Brief an den ungeliebten Direktor. Dieser soll seinen Job bloss der Mitgliedschaft in der ÖVP zu verdanken haben, stand dort zu lesen. Eine besser geeignete Kandidatin sei auf Betreiben der örtlichen ÖVP ausgebootet worden.
Nun gehört Parteibuchwirtschaft zu Österreich wie Mozartkugeln und Spritzwein. Aber diese angebliche Postenschieberei hatte Wellen geschlagen, weil die unterlegene Bewerberin aus Zorn eine eigene Partei gegründet hatte – was die ÖVP damals zeitweilig den Posten des Bürgermeisters in Lilienfeld kostete, der kleinsten Bezirkshauptstadt Österreichs. Prinz ist überzeugt, dass auch deshalb über ihn nach der Matura ein Hausverbot an der Schule verhängt wurde. Dieses wurde übrigens vor zehn Jahren aufgehoben, auf Betreiben des örtlichen Pfarrers, der an das christliche Gebot der Barmherzigkeit appelliert hatte.
Umso überraschender kam es für Prinz, als er vor Wochen erfahren musste, dass eine bereits geplante Lesung im städtischen Museum von Lilienfeld abgesagt wurde – auf Weisung des ÖVP-Bürgermeisters. «Er griff offenbar zur grössten Keule, die ihm zur Verfügung stand. Er sprach eine Dienstanweisung aus», sagt Prinz.
Bürgermeister Manuel Aichberger bestätigt das Auftrittsverbot für den unbotmässigen Autor, weist jedoch jeden Zusammenhang mit dem historischen Eklat zurück. Prinz habe auf Einladung der örtlichen Sozialdemokraten lesen sollen. «In unseren Gemeinderäumlichkeiten sollen aber keine Parteiveranstaltungen stattfinden.» Ein Gemeindemitarbeiter, der ungenannt bleiben möchte, sagt allerdings dazu: «Es ist kein Geheimnis, dass Martin Prinz bei uns nicht sehr beliebt ist.» Dass der Autor von der SPÖ eingeladen wurde, hat übrigens kaum weltanschauliche Gründe. Schliesslich gilt er nicht als grosser Freund der Roten, die er gerne öffentlich kritisiert.
Die Rettung kam, erneut, vonseiten der Geistlichkeit. Prinz konnte die Lesung dieser Tage schliesslich im Stiftkeller der katholischen Kirche halten – vor grossem Publikum. Eine der Besucherinnen, Brigitte G., kommentierte tags darauf begeistert auf Facebook: «Lilienfeld muss stolz auf seinen Sohn sein.»
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Wolfgang Rössler
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