Dantes Hölle in der Seniorenresidenz: Rachmaninow-Trilogie an der Oper Zürich
Das Opernhaus zeigt erstmals alle drei Bühnenwerke von Sergei Rachmaninow an einem Abend. Der Regisseur Dmitri Tcherniakov macht daraus eine drastische Erzählung über menschliche Abgründe.
03.11.2026, 05.30 Uhr
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Familienaufstellung im rüstigen Seniorenkreis: Zemfira (Elena Stikhina) und ihr ehemaliger Geliebter (Bekhzod Davronov) lauschen skeptisch den Monologen des zu kurz gekommenen Ritters (Vladislav Sulimsky, stehend).
Toni Suter / OHZ
Ein alter Mann inszeniert sein Leben. Noch weiss er nicht, dass es für ihn bald ans Sterben geht, aber die Schatten werden dichter. Immer stärker drängen sie herauf aus dem Vergessen. Vor allem die Erinnerung an die eine, die grosse Liebe. Sie hiess wohl Francesca, vielleicht auch Carmen oder Zemfira. Aber das tut für den verbitterten Alten nichts mehr zur Sache, fest steht ohnehin: Glück in der Liebe war ihm nie vergönnt, immer ist die Angebetete im entscheidenden Augenblick mit einem anderen durchgebrannt. Nur Geld, viel Geld, hat er immer besessen. Ein kalter Trost.
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Immerhin sitzt er nun behütet in einer Seniorenresidenz und kann die weniger begüterten Mitinsassen nach seiner Pfeife tanzen lassen. Also zwingt er sie, für ihn die Schlüsselmomente seines irdischen Daseins nachzustellen: von der ersten Enttäuschung mit einer freigeistigen Roma-Frau über den Bruch mit seinem Sohn, der es angeblich nur auf sein Vermögen abgesehen hatte, bis zu jenem finsteren Tag, an dem er die liebliche Francesca in flagranti mit dem Nichtsnutz Paolo erwischte. Ach, mögen sie alle in der Hölle schmoren! Und die Hölle – die wartet tatsächlich schon. Allerdings auf ihn.
Reigen klassischer Opernmotive
So oder ähnlich lässt sich der drastische Bilderbogen schildern, den der Regisseur Dmitri Tcherniakov für die jüngste Premiere am Opernhaus ersonnen hat. Es spuken darin allerlei bekannte Opernmotive herum – eine Zigeunerin à la Bizet, ein herrischer Geizhals und gleich mehrfach die klassische Konstellation: Ein Sopran liebt den Falschen, in der Regel den Tenor, und der Bariton geht leer aus. In seiner Wut zückt der meist ein Messer oder macht sich auf andere Weise unmöglich. Doch in solcher Verdichtung hat man ein derartiges Panoptikum noch nie in Zürich gesehen. Tcherniakov hat den wüsten Reigen nämlich erfunden, um alle drei Opern von Sergei Rachmaninow in eine durchlaufende Erzählung zu zwingen.
In dieser Form, als Trilogie, waren «Aleko», «Der geizige Ritter» und «Francesca da Rimini» überhaupt erst einmal szenisch zu erleben, vor elf Jahren in Brüssel. Die Schweizer Erstaufführung, die am Sonntag über die Bühne des Opernhauses ging, ist der international beachtete Clou dieser Spielzeit. Ungewöhnlich ist das Projekt nicht zuletzt deshalb, weil Rachmaninow in erster Linie als Komponist virtuoser Klaviermusik und spätromantischer Orchesterwerke bekannt ist; sein frühes Bühnenschaffen fristet dagegen ein Schattendasein in der Rubrik «Raritäten».
Warum dies so ist, versteht man nach der Zürcher Premiere nicht mehr. Die Musik der drei unabhängig voneinander konzipierten Einakter kann es ohne weiteres mit anderen Werken aus der Zeit um 1900 aufnehmen. Die szenischen und dramaturgischen Probleme der Stücke sind freilich ebenfalls offensichtlich. Rachmaninow komponierte vor allem Momentaufnahmen und Charakterstudien von packender Stimmigkeit; doch genuin opernhafte Spannungsbögen waren weniger seine Stärke. Hier versucht die Regie von Tcherniakov mit ihrer zusammenhängenden Erzählung gegenzusteuern.
Der geizige Ritter (Vladislav Sulimsky) wird zunehmend von den Schatten seiner Vergangenheit eingeholt und verliert die Orientierung: Szene aus der Rachmaninow-Trilogie am Opernhaus Zürich.
Monika Rittershaus / OHZ
Geschildert wird das Geschehen der drei Opern aus der Perspektive des geizigen Ritters, der Titelfigur des mittleren Stücks. Er hält eine grossangelegte Rückschau auf sein Leben, das er gleichzeitig mit den Bewohnern der besagten Seniorenresidenz nachstellt. Und er fragt sich, weshalb ihm weder sein – manchmal kurios an Dagobert Duck erinnerndes – Hungern nach Reichtum noch die Liebe je Glück gebracht hätten. Das Konzept erscheint schlüssig. Nur verzettelt sich die Regie bei der Umsetzung.
Tcherniakov, der wie immer auch sein eigener Bühnenbildner ist, stellt nämlich über weite Strecken bloss die raffiniert verwinkelten Räume und Türfluchten des Altersheims aus, die er selbst entworfen und auf die Drehbühne des Opernhauses gestellt hat. Dort kreisen sie unablässig, drehen sich auch um die eigene Achse und gruppieren sich zu immer absurder anmutenden Räumen – wohl als Sinnbild für die zunehmend getrübte Wahrnehmung des alten Ritters. Das ist bühnentechnisch beeindruckend, erschöpft sich aber als Metapher schnell. Obendrein erinnert es an die kreisende Bühne des Zürcher «Ring»-Zyklus von Andreas Homoki, bei dem der szenische Aktionismus mitunter vom eigentlichen Geschehen ablenkte.
Homoki hielt mit einer am Schauspiel geschulten Detailgenauigkeit in der Personenführung dagegen – bei Tcherniakov wirken die Interaktionen der Protagonisten indes seltsam unbeholfen und «inszeniert». Vielleicht, weil wir ja – so will es der erzählerische Rahmen – einer improvisierten Laiendarbietung im rüstigen Seniorenkreis zuschauen. Doch das ist mindestens eine Gedankenwindung zu viel. Vor allem, weil es die Unmittelbarkeit der musikdramatischen Wirkung schwächt, auf die Rachmaninows Opern abzielen.
Erstklassige Sängerbesetzung
Umso beeindruckender, dass es den Sängern dennoch gelingt, plastische Charaktere zu formen. Allen voran Vladislav Sulimsky, der neben dem Ritter auch die Titelpartie des «Aleko» und den eifersüchtigen Malatesta in «Francesca da Rimini» singt – und mit dieser eindrucksvollen Leistung den Zusammenhalt des Abends erst herstellt. Elena Stikhina ist als Carmen-Wiedergängerin Zemfira und als Francesca eine Luxusbesetzung, sie bleibt hier aber im undankbaren Rollenmuster der skurrilen Alten gefangen, das ihr die Regie verordnet hat. Mit Bekhzod Davronov und mit Dmytro Popov als Sohn, der gegen seinen geizigen Vater aufbegehrt, sind auch die tenoralen Gegenspieler erstklassig besetzt.
Zürichs Generalmusikdirektor Gianandrea Noseda stärkt die Verbindung der Stücke, indem er mit dem farbenreich und klangsinnlich musizierenden Orchester einen eigenen, ins Sinfonische ausgreifenden Erzählfluss entfaltet. Und wie originell der junge Rachmaninow, hörbar angelehnt an Wagner und Tschaikowsky, diesen tragenden Part gestaltet hat! Am Ende ruft der im Zuschauerraum postierte Chor der Höllengeister nach dem Ritter. Erst wortlos, in wilden Vokalisen, dann mit Versen aus Dantes «Göttlicher Komödie»: «Es gibt kein grösseres Leid, als sich im Unglück an Zeiten des Glücks zu erinnern». Da bekommt der Abend doch noch eine existenzielle Wucht.
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Christian Wildhagen
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