Charlotte Brontës «Jane Eyre» Wieso Chinas Schüler einen feministischen Klassiker lesen müssen
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Die Geschichte über die mittellose Waise Jane Eyre, die standhaft ihre Unabhängigkeit behauptet und schliesslich eine Liebe auf Augenhöhe mit ihrem Dienstherrn findet, gilt heute für viele als Beispiel früher Emanzipations-Literatur. Nun ist Charlotte Brontës englischer Roman aus dem 19. Jahrhundert Pflichtlektüre für Sekundarschülerinnen und -schüler in China. Wieso sich dieses Buch im Schulkanon des patriarchal und autoritär geführten China wiederfindet, weiss Korrespondent Samuel Emch.
Samuel Emch
Ostasien-Korrespondent
Samuel Emch ist seit Sommer 2022 Ostasien-Korrespondent für SRF. Zuvor war er während mehrerer Jahre Wirtschaftsredaktor bei SRF.
Warum ist «Jane Eyre» in Chinas Schulen Pflichtlektüre?
Weil Jane heiratet und ein Kind bekommt. Das ist genau das, was die Kommunistische Partei in China von den Jungen, insbesondere von den Frauen hier, erwartet.
Der Roman wird in China auf andere Art interpretiert als in Europa?
Genau. Die Propagandamedien in China streichen eine andere Facette der Protagonistin heraus: Jane glaubt, dass Liebe auf spiritueller Gleichheit beruht und nicht auf Status, Reichtum oder Äusserlichkeiten. Sie ist also ein Vorbild für eine gesunde Moral. Ihr Kampf für Gleichberechtigung und Würde ist hier sekundär. Relevant ist, dass der Weg der Protagonistin brav in einer traditionellen, heterosexuellen Ehe mit eigener Familie endet.
Ist es neu, dass «Jane Eyre» in China Beachtung findet?
Nein. Eine Übersetzung des Buches erschien bereits vor 100 Jahren. Die Verfilmung war auch einer der ersten westlichen Filme, die in China gezeigt wurden nach dem Tod von Mao Zedong. Jetzt entdeckt man das Werk erneut. Diesen Herbst kam es in Peking sogar als Musical auf die Bühne. Die Kommunistische Partei lässt dem Buch den Emanzipations-Gedanken durchgehen, da sich die Figur Jane Eyre gut in die patriarchalen, autoritären Strukturen einbetten lässt.
Was genau erwartet sich die Partei von dieser Lektüre?
Ich glaube, die Wahl dieses Buches für den Schulunterricht kann man primär im Kontext einer intensivierten Kampagne hier in China sehen, die sich an die Jungen richtet. Im Kern geht es darum, einen Rückgang bei den Hochzeiten und den Geburten zu bekämpfen. Die Lektüre soll Chinas Jugend helfen, solidere Werte zu entwickeln. Das Parteiblatt «Global Times» nennt Liebe, Respekt und persönliche Weiterentwicklung.
Gibt es noch mehr europäische Bücher im Schulkanon?
Ja, europäische Klassiker finden sich schon lange neben der chinesischen Literatur im Lehrplan. Gelesen werden etwa Jules Vernes «20’000 Meilen unter dem Meer», Daniel Defoes «Robinson Crusoe» oder auch Jonathan Swifts «Gullivers Reisen». Vor allem solche Klassiker, etwa auch Tolstois Werke, sind in Chinas Schulen zu finden. Und Harry Potter.
Welchen Stellenwert hat Literatur in der chinesischen Kultur?
Einen sehr hohen würde ich sagen. Ich merke das im Alltag, wenn man als Dankeschön oder Anerkennung ein Buch erhält oder verschenkt, anstatt einer Schachtel Pralinen etwa. Das ist tief verwurzelt: Zu Kaiserzeiten war es für jeden Beamten eine Grundvoraussetzung, dass er sich mit Konfuzius auskennt. Literatur stiftet auch heute Identität und ist natürlich ein Instrument der politischen Kommunikation. Es gibt hier den Ausdruck «Literatur trägt die moralische Ordnung». Also genau so wie jetzt bei Jane Eyre.
Radio SRF 2 Kultur, Kultur-Aktualität, 28.10.2026, 07:06 Uhr ; brec
Source: SRF · 28.10.2026, 11:48
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