«Bring uns Mengele, und wir vergessen Dir alles . . .» – eine Spionagegeschichte aus der Schweiz

Der SS-Mann Rolf Schneider zog nach dem Krieg in die Schweiz und lebte im gleichen Wohnblock wie Martha Mengele, die Ehefrau des untergetauchten KZ-Arztes. Bisher unbekannte Dokumente geben Aufschluss über sein mysteriöses Leben – und seinen Tod.

Regula Bochsler05.11.2026, 05.30 Uhr

8 Leseminuten


Dubiose Machenschaften: Rolf Schneider.

Dubiose Machenschaften: Rolf Schneider.

Schweizerisches Bundesarchiv

Am 3. Juni 1962 wird Rolf Schneider tot in einem Hotelzimmer in den Niederlanden gefunden. Ein Angestellter erzählt der Polizei, der Gast habe Schlaftabletten bestellt, aber nicht «den Anschein eines lebensmüden Menschen» erweckt: «Schneider lag im Hotelbett, rauchte und machte einen ziemlich vergnügten Eindruck. Das ganze Zimmer war voll Zigarettenrauch, denn die Fenster waren geschlossen.» Die Obduktion ergab, dass er 34 Schlaftabletten der Marke Longanoct geschluckt hatte.

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Eine Zürcher Polizeiassistentin überbringt Elsa Schneider den Abschiedsbrief, den er auf die Rückseite einer Hotelrechnung gekritzelt hat: «Leb wohl, Mam! Im Himmel warte ich auf Dich. Meine seelischen Qualen erdrücken mich! Goodbye und küss unsere Kinder! Dein Dad! PS: Nie war ich Dir untreu!»

Frau Schneider erklärt, sie habe ihren Mann schon länger nicht mehr gesehen. Er habe ein unstetes Leben geführt und sei öfters ins Ausland gereist. Als besonderes Merkmal nennt sie seine Tätowierung am linken Unterarm: A für seine Blutgruppe und «G. v. B.», das Kürzel der 17. SS-Panzergrenadier-Division «Götz von Berlichingen». Zudem äussert sie den Verdacht, dass er sich neben seinem Beruf als Elektromonteur «mit Spionagetätigkeit» befasst habe. Darauf wird sie zweimal von der Polizei einvernommen.

Geheime Botschaften

Elsa lernte den elf Jahre älteren Deutschen im Sommer 1960 an ihrem Arbeitsort, der Göpfi-Bar im Zürcher Niederdorf, kennen und verliebte sich. Nach einem Monat erklärte er, er fahre nach Afrika, um sich dort eine neue Existenz aufzubauen. Er schickte Liebesbriefe aus Genf und Lyon, dann stand er wieder vor der Türe. Wenig später musste er «unbedingt» nach Freiburg im Breisgau fahren. Elsa bot an, ihn zu begleiten: «Zusammen gingen wir zum Hauptbahnhof und wechselten dort Geld und lösten auch die Fahrkarten. Als wir bereits im Zuge sassen, wurde mein Mann sehr nervös, und kurz vor Abfahrt des Zuges verliessen wir denselben wieder und gaben die Fahrkarten zurück. Eine Erklärung für sein Verhalten gab er mir nicht.»

Die Serviertochter ignorierte alle Warnsignale. Am 15. Februar 1961 heiratete sie den ehemaligen SS-Angehörigen und zog mit ihm in einen Apartmentblock an der Schwimmbadstrasse 9 in Kloten. In derselben Woche mietete sich auch Martha Mengele dort ein, die Ehefrau des untergetauchten KZ-Arztes.

Zu Schneiders Spionagetätigkeit befragt, erzählt Elsa Schneider, er habe wiederholt «Prospekte über der elektrischen Kochplatte erwärmt und so eine Geheimschrift zum Vorschein gebracht». Im Mai 1961 fand sie am selben Tag zweimal die Werbung eines neu eröffneten Coiffeurgeschäfts im Briefkasten. Als ihr Mann bemerkte, dass am zweiten Prospekt «eine Ecke abgerissen» war, nahm er diesen an sich und schaltete eine Kochplatte an. «Ich war nicht in der Lage, den Text zu lesen, da mir mein Mann erklärte, dies gehe mich nichts an, ich solle nicht danach fragen, denn er gebe mir hierüber keine Auskunft.»

Zwei Monate später, als sie zu Besuch bei Verwandten in Zürich waren, meinte Schneider, er müsse eine dringende Besorgung machen. Er kam mit einer Ausgabe der deutschen «Bild»-Zeitung zurück, die ihm jemand «im Gedränge zugesteckt» habe. Als er die Seite mit der fehlenden Ecke zu Hause erhitzte, kam wieder eine bräunliche Schrift zum Vorschein: «Diesmal konnte ich einen Teil des Textes deutlich lesen: Bring uns Mengele, und wir vergessen Dir alles . . .»

Elsa Schneider hält es für «nennenswert», dass «die Gattin des bekannten KZ-Arztes Dr. Mengele» damals im selben Haus wohnte. Die Bundespolizei interessiert aber nur, ob ihr Mann ein Spion war, und zieht Erkundigungen beim deutschen Bundesnachrichtendienst, beim britischen MI6, bei der CIA und einem nicht identifizierbaren ausländischen Nachrichtendienst über ihn ein.

Im Dienst der Stasi

Überliefert ist nur die Antwort aus Deutschland. Sie enthält mehrere Hinweise auf eine Zusammenarbeit Schneiders mit der Stasi: Er zog 1947 unter falschem Namen von der sowjetischen Besatzungszone nach Bayern. Drei Jahre später wurde er wegen Betrugs, Urkundenfälschung und falscher Namensführung zu einem Jahr Gefängnis verurteilt. Als er 1952 wegen Hausfriedensbruchs erneut drei Wochen Gefängnis kassierte, flüchtete er vor der Strafe in die DDR zurück.

Im Frühling 1953 verhaftete ihn die Stasi wegen Spionageverdachts. Als sie ihn nach zwei Monaten entliess, kehrte er in die BRD zurück. Dort geriet er erneut ins Visier der Justiz: Während Ermittlungen gegen angebliche DDR-Spione wurde er beschuldigt, in Ostdeutschland in einem Lager für Übersiedler «Spitzeldienste» erbracht zu haben. Das Verfahren wurde mangels Beweisen eingestellt.

Schneiders Odyssee ging weiter. Anzeige wegen Betrugs, erneute Flucht in die DDR, eine einjährige Gefängnisstrafe wegen «Vortäuschung einer Straftat», Arbeit als «selbständiger Stoffmaler» im ostdeutschen Stralsund, Entzug der Gewerbeerlaubnis und Rückkehr nach Westberlin. Ende 1959 wurde er wegen Betrugs zu einem Monat Gefängnis verurteilt. Ein halbes Jahr später tauchte er in der Göpfi-Bar in Zürich auf.

Der Bundesnachrichtendienst meldet auch, er habe Schneiders Effekten wegen des Spionageverdachts eingehend untersucht, aber «keinen schlüssigen Hinweis auf eine ND-Tätigkeit» gefunden. Doch ein Rapport der Bundespolizei lässt vermuten, dass er für die Stasi arbeitete.

Ende 1961 meldete ein Jakob Lenzinger der Polizei, er habe im Sommer in Lugano einen Deutschen namens Steiner kennengelernt, der ihm eine Stelle in Berlin in Aussicht gestellt habe. Er traf sich mit Steiner in Ostberlin, der ihn zu einer Aussenstelle der Staatssicherheit (SSD) am Alexanderplatz brachte. Dort bot ihm ein Beamter an, nach einem viermonatigen Kurs in Moskau «in der ganzen Welt» für die Stasi zu arbeiten. Als er ablehnte, insistierte der Stasi-Mitarbeiter, er solle «die Verpflichtung unterschreiben».

Lenzinger kehrte schleunigst in den Westsektor zurück, wurde aber am Grenzübergang von der amerikanischen Militärpolizei angehalten und in ein Büro geführt. Dort drängte ihn ein Beamter, «die Verpflichtung für den SSD zu unterzeichnen, gleichzeitig aber auch für die USA tätig zu sein». Er gab ihm eine Telefonnummer, wo er Bescheid geben könne. Die Bundespolizei stellte fest, dass die Nummer Edward R. Murrow gehörte, einem bekannten Journalisten und seit kurzem Chef der amerikanischen Information Agency, einer Behörde für öffentliche Diplomatie.

Der Mann, der Lenzinger nach Berlin lockte, war Deutscher und in Rolf Schneiders Alter. Dass es sich um dieselbe Person handelte, ist naheliegend, aber nicht gesichert, weil die Bundespolizei es unterliess, Lenzinger nach Schneiders Selbstmord ein Foto zur Identifikation vorzulegen.

Spurensuche in Kloten

Schneiders Akte lässt wegen der oberflächlichen Ermittlungen viele Fragen offen. Wieso konnte sich ein ehemaliger Angehöriger der Waffen-SS in Zürich und Kloten problemlos auf der Gemeinde anmelden? Erzählte Elsa Schneider die Wahrheit? Das Verhörprotokoll hinterlässt den Eindruck einer ehrlichen Frau, die auch die politische Vergangenheit ihres Mannes offenlegte. Doch wer forderte Schneider auf: «Bring uns Mengele, und wir vergessen Dir alles . . .»? Und was genau sollte ihm verziehen werden?

Die «Bild»-Zeitung, die Steiner angeblich «im Gedränge zugesteckt» wurde, könnte ein Hinweis auf einen Journalisten dieses deutschen Boulevardblatts sein. Er stellte sich mit dem Namen Lütte vor, als er sich zusammen mit einem «Blick»-Polizeireporter beim Kripo-Chef Paul Grob nach dem Stand der Ermittlungen zu Mengele erkundigte. Grob, der drei Tage nach der ersten Mitteilung über Martha Mengele in Kloten nicht über den Fall informiert war, notierte nach dem Gespräch: «Tue dergleichen, ich sei im Bild.» Nahm Lütte die Mieter an der Schwimmbadstrasse 9 unter die Lupe, stiess dabei auf Schneiders Vergangenheit und setzte ihn unter Druck, um an Informationen zum Verbleib Mengeles zu kommen?

Oder handelte es sich um einen Geheimdienst, der hinter Mengele her war? War es gar kein Zufall, als Schneider in derselben Woche wie die Ehefrau des KZ-Arztes in die Schwimmbadstrasse 9 einzog? War Schneider, wie seine Bupo-Akte vermuten lässt, ein Stasi-Spitzel? Nahm er deshalb ein paar Monate vor seinem Tod eine Stelle als Elektriker im Nato-Hauptquartier in Rheindahlen an?

Dass die DDR ihn auf Mengele ansetzte, scheint unwahrscheinlich. Der Historiker Henry Leide, der Mengeles Stasi-Akte studierte, schreibt: «Hier war Mengele nur ein weiterer NS-Täter, für den man sich nicht zuständig sah, sondern eher Polen und vor allem die Bundesrepublik für verantwortlich hielt.»

Da Deutschland 1959 einen Haftbefehl gegen Mengele erliess, kommt auch der Bundesnachrichtendienst infrage. BND-Agenten suchten den Untergetauchten 1961 in Paraguay, ob sie auch auf Martha Mengele in der Schweiz angesetzt wurden, ist nicht bekannt.

Der NS-Verbrecher Josef Mengele (1911–1979), Aufnahme von 1956.

Der NS-Verbrecher Josef Mengele (1911–1979), Aufnahme von 1956.

Belegt ist hingegen, dass der Mossad, als er im Mai 1960 Adolf Eichmann in Buenos Aires aufspürte und entführte, auch nach Mengele fahndete. Der Agent Zvi Aharoni, der an der Entführung beteiligt war, erhielt 1961 den Auftrag, Mengele in Brasilien aufzuspüren. Er sichtete ihn am 23. Juli 1962 auf einer Farm in der Nähe von São Paulo. Seine Meldung fiel aber zeitlich mit dem ersten Test einer Rakete zusammen, die ehemalige NS-Wissenschafter in Ägypten entwickelt hatten. Der Mossad, der davon völlig überrumpelt war, wollte alle Kräfte bündeln. Der Mossad-Chef Isser Harel brach die Suche nach Mengele ab und rief Aharoni zurück.

Der Mossad in Montreux?

Laut dem Historiker Ronen Bergman räumte der Mossad der Jagd nach NS-Kriegsverbrechern ab 1963 nur noch «niedrigste Priorität» ein. Doch laut dem Mengele-Dossier, das der Schweizer Nachrichtendienst kürzlich und erst nach einer Klage öffnete, ging Mengele nicht vergessen. Dort lässt sich nicht nur nachlesen, dass der KZ-Arzt 1956 Skiferien in Engelberg machte und die Bundespolizei mehreren Hinweisen nachging, er sei auch später in der Schweiz gesichtet worden. Es findet sich auch ein Bericht über einen angeblichen Mossad-Agenten, der hinter Mengele her war.

Am 14. Mai 1964 meldet sich ein junger Israeli beim Institut Monte Rosa in Territet-Montreux, wo Karl-Heinz Mengele, Martha Mengeles Sohn aus erster Ehe, studiert. Er überbringt dem Leiter Grüsse des ehemaligen israelischen Botschafters in Bern, stellt sich mit dem Namen «Socker» vor und erklärt, er komme wegen der «Angelegenheit Mengele». Martha Mengele kenne seinen Aufenthaltsort, «würde ihn aber nicht verraten». Da man vermute, dass auch ihr Sohn Bescheid wisse, wolle er ihn befragen.

Der Institutsleiter informiert umgehend die Bundespolizei: Socker sei «mittelgross, mager, mit durchtrainiertem Körper, Haare schwarz, modisch nach vorn gekämmt (¼ Beatles)». Er spreche ausgezeichnet Deutsch und gebe vor, an der Universität Jerusalem Geschichte zu studieren, könne «Fragen über den Status der Hethiter» aber nicht beantworten. Mehr noch: «Geschichtliche Studien führten ihn oft nach Deutschland, wobei er auch nach Günzburg komme, wo sich die Verwandten des gesuchten Dr. Mengele aufhalten bzw. beheimatet sind.» Der Pädagoge behauptet, er habe Socker so lange in die Enge getrieben, bis dieser gestanden habe, dass er für den Mossad arbeite. Sein selbstzufriedenes Fazit: «Allgemeines Kennzeichen: schlechter Lügner.»

Die Ermittlungen, ob Socker in Montreux oder Umgebung in einem Hotel abstieg, verlaufen ergebnislos. Der israelische Botschafter, der von Bern nach London versetzt wurde, wird nicht um Auskunft gebeten. Ob der junge Mann tatsächlich ein Mossad-Agent war, bleibt unklar. Seine Auskunftsfreudigkeit spricht jedenfalls mehr für einen Hobbydetektiv.

Die Akten zu Socker und Schneider belegen aber, dass die Bundespolizei sich nicht sonderlich für den gesuchten KZ-Arzt interessierte. Die Inspektoren befragten weder Martha Mengele noch ihren Sohn Karl-Heinz und ermittelten auch nicht zur geheimnisvollen Nachricht, Mengele zu «bringen». Schneiders Akte wurde sieben Wochen nach seinem Selbstmord geschlossen.

Regula Bochsler ist Historikerin und schliesst gerade eine Studie zu den Fluchtrouten ehemaliger Nazis ab, die nicht selten über die Schweiz führten.

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Auswärtige Autoren NZZ

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