Brand in Thuner Waffenfirma: Es gibt Verbindungen von radikalen französischen Aktivisten in die Schweiz

Ein mutmasslicher Brandanschlag hat im Berner Oberland für einen Millionenschaden gesorgt. Wer dafür verantwortlich ist, bleibt unklar. Eine mögliche Spur führt nach Frankreich – und nach Genf. Bald erhält der Nachrichtendienst neue Überwachungsmöglichkeiten.

03.11.2026, 05.30 Uhr

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Schaden in Höhe von rund 20 Millionen Franken: Die Fassade der Firma B & T in Thun nach dem Anschlag.

Schaden in Höhe von rund 20 Millionen Franken: Die Fassade der Firma B & T in Thun nach dem Anschlag.

Peter Schneider / Keystone

Es ist am vergangenen Freitag kurz nach Mittag, als die in der Schweiz kaum bekannte Gruppierung Les Soulèvements de la terre (SdT, etwa: Aufbegehren der Erde) ein militantes Video auf Facebook und fast zeitgleich auf X postet: In verschiedenen Sequenzen sind Brände, Polizeieinsätze und Brandsätze zu sehen, ausserdem aktuelle Aufnahmen des ausgebrannten Gebäudes der Thuner Waffenfirma Brügger & Thomet.

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Als Hintergrundsujet für den gut einminütigen, collageartigen Film haben die Macher lodernde Flammen gewählt. Es besteht kein Zweifel: Die Bilder sollen ein Bekennervideo für eine mutmassliche Brandstiftung im Berner Oberland sein. In der Nacht auf Donnerstag entstand dabei ein Sachschaden von bis zu 20 Millionen Franken.

Action de désarmement contre le fabricant du LBD40

Ce matin, nous avons reçu cette vidéo revendiquant une action de désarmement qui a eu lieu le 29 octobre contre Brügger & Thomet, le fabricant suisse du LBD40, cette arme tristement célèbre qui mutile et tue.

1/3 pic.twitter.com/vr0Oxp47wF

— Les Soulèvements de la terre (@lessoulevements) October 30, 2026

Brügger & Thomet (B & T) stellt unter anderem Gummigeschosswerfer her, die von der französischen Polizei bei gewaltsamen Demonstrationen eingesetzt werden. Das Unternehmen ist deshalb bei den Aktivisten verhasst. Durch den Einsatz solcher Waffen wurden in der Vergangenheit mehrere Personen zum Teil schwer verletzt. Die Firma B & T hat allerdings betont, dass die Munition, die bei den Kundgebungen der letzten Wochen in Frankreich eingesetzt worden sei, nicht aus ihrer Produktion stamme.

Polizei analysiert Inhalt eines Bekennervideos

Doch wer steckt hinter dem mutmasslichen Anschlag auf das Firmengebäude? Das Video ist bislang die einzige öffentlich bekannte Spur, die auf den möglichen Täterkreis hindeutet. SdT bekennen sich zwar nicht ausdrücklich zu der Tat und erklärt einzig, das Video sei ihr wenige Stunden zuvor zugespielt worden. Gleichzeitig bringt sie in ihrem Kommentar unmissverständlich zum Ausdruck, dass sie die Motive hinter dem mutmasslichen Anschlag unterstütze.

Ob die SdT mit dem Brand des Thuner Waffenherstellers etwas zu tun haben, ist deshalb unsicher. Die Kantonspolizei gibt dazu keine Auskunft. «Wir ermitteln in alle Richtungen», schreibt sie kurz und knapp auf eine Anfrage der NZZ. Am Freitag hatte sie in einer Medienmitteilung allerdings angegeben, Brandstiftung stehe bei ihren Ermittlungen im Vordergrund.

Sie rief Personen, die zum Zeitpunkt des Brandes oder in den letzten Wochen verdächtige Beobachtungen gemacht hatten, dazu auf, sich zu melden. Zu den Ergebnissen des Zeugenaufrufs will die Polizei vorerst allerdings nichts sagen. Auch zur Bedeutung des Videos für die Strafuntersuchung äussert sie sich nicht. Der Inhalt werde derzeit im Rahmen der Ermittlungen geprüft.

Die radikale Gruppierung Les Soulèvements de la terre wurde 2021 in Frankreich gegründet. Damals gelang es Umweltaktivisten, den Bau eines geplanten Flughafens bei Nantes zu verhindern. Mit der Gründung einer neuen Gruppierung wollten die Aktivisten ihren Widerstand auf andere Regionen Frankreichs ausweiten und sich gegen Umweltzerstörung, die Versiegelung landwirtschaftlicher Flächen und die industrielle Landwirtschaft einsetzen. Dabei setzten sie von Anfang an auch auf Sachbeschädigungen an Maschinen und Industrieanlagen.

Französische Regierung wollte radikale Gruppierung verbieten

Und es gibt Verbindungen in die Schweiz: Die französische Regierung versuchte 2023, die Gruppierung aufzulösen, setzte sich allerdings nicht durch. Die SdT riefen damals dazu auf, neue Ableger zu gründen – mit Erfolg. Seit 2024 existiert in Genf eine Sektion, von der allerdings nicht ganz klar ist, wie aktiv sie noch ist. Ihre Social-Media-Kanäle werden wenig bespielt, das Bekennervideo zum Anschlag in Thun wurde dort beispielsweise nicht weiterverbreitet. Auch wie eng die Verbindungen zwischen der Schweiz und Frankreich sind, ist offen.

Dass die Gruppierung auch in der Schweiz aktiv war, zeigte sich aber 2024. Damals errichteten Aktivisten vor den Genfer Niederlassungen zweier Bauunternehmen Mauern, um gegen die Überbauung von Grünflächen zu protestieren. Wenige Tage später besprühten sie Baumaschinen des Zementherstellers Holcim mit Graffiti. Auf einschlägigen Szene-Websites verwies die Gruppierung auf frühere Sabotageaktionen in Frankreich. Gegenüber «Watson» bestätigte ein Mitglied der Genfer Sektion 2024 zudem regelmässige Kontakte und gemeinsame Treffen mit französischen Aktivisten.

Schon 2021 beobachtete der Nachrichtendienst des Bundes (NDB), dass sich gewaltextremistische Milieus vermehrt über die Landesgrenzen hinaus vernetzten. Im Zusammenhang mit den Jugendunruhen in Frankreich, die am vergangenen Wochenende auch auf andere Länder, darunter auf die Schweiz, übergegriffen haben, scheint sich diese Tendenz zu bestätigen. Im Linksextremismus zeige sich trotz stabiler Zahl der Ereignisse eine grössere Gewaltbereitschaft gegenüber Behörden, getrieben auch von der starken internationalen Vernetzung, sagte der Bundesrat Anfang Jahr.

Die Mittel des NDB bei der Überwachung von gewaltextremistischen Gruppierungen wie der SdT sind jedoch begrenzt. So sind sogenannte genehmigungspflichtige Beschaffungsmassnahmen (GEBM) nicht zulässig. Gemeint sind damit Überwachungsmassnahmen wie das Abhören von Telefonen, das Überwachen von Privaträumen oder das Eindringen in Computernetzwerke. GEBM heissen diese, weil sie gerichtlich überprüft werden müssen. Heute sind sie beispielsweise bei Terrorismus oder Spionage zulässig.

Parlament soll das Nachrichtendienstgesetz verschärfen

Diese Einschränkung, die viele andere Länder nicht kennen, hat historische Gründe: In den 1980er Jahren hatte der NDB über Hunderttausende Bürgerinnen und Bürger Informationen gesammelt. Wegen der sogenannten Fichenaffäre wurden dem Nachrichtendienst Beschränkungen auferlegt. Dieser muss sich deshalb bei der Überwachung der gewaltextremistischen Szene bis heute weitgehend auf öffentlich zugängliche Quellen stützen. Ob und wie sich die Szene vernetzt oder was sie plant, lässt sich so nur teilweise ermitteln.

Im Parlament ist derzeit eine Gesetzesänderung hängig, die genau dies ändern will. Vorgeschlagen hat sie der Bundesrat, nachdem dies von bürgerlichen Politikerinnen und Politikern immer wieder gefordert worden war: Die Revision sieht vor, dass GEBM auch bei besonders gravierenden Fällen von gewalttätigem Extremismus zugelassen werden. Bei einem politisch motivierten Brandanschlag mit Schäden in Millionenhöhe, wie dies in Thun der Fall war, dürften die Voraussetzungen erfüllt sein.

Beide Räte haben der Möglichkeit, die GEBM auch auf diesen Bereich auszuweiten, inzwischen grundsätzlich zugestimmt. Derzeit befindet sich das Geschäft in der Differenzbereinigung. Bis zum Inkrafttreten der neuen Bestimmungen bleiben dem NDB diese Möglichkeiten bei gewalttätigem Extremismus jedoch verwehrt.

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Daniel Gerny

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