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John Springer Collection / Getty

Harry Houdini liess sich von Hochhäusern hängen und in reissenden Flüssen versenken. Doch am Ende soll der Entfesslungskünstler an einer Blinddarmentzündung gestorben sein. Oder doch nicht?

30.10.2026, 19.10 Uhr

6 Leseminuten


Harry Houdini hätte viele Male sterben können. Etwa, als er sich gefesselt in einer zugenagelten Kiste im New Yorker East River versenken liess. Oder als er zwei Meter unter der Erde begraben wurde. Auch damals, als er kopfüber, nur an den Fussgelenken gesichert, von einem Hochhaus hing, schien er dem Tod nahe. Doch Harry Houdini, der berühmteste Zauberkünstler seiner Zeit, befreite sich jedes Mal. Er überlebte. Bis zum 31. Oktober 1926.

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Harry Houdini demonstriert 1918, wie er sich seiner Handschellen entledigt.

Harry Houdini demonstriert 1918, wie er sich seiner Handschellen entledigt.

Bettmann Archive / Getty

Eine Menschenmenge beobachtet, wie sich der Zauberkünstler auf einem New Yorker Hochhaus kopfüber aus einer Zwangsjacke befreit.

Eine Menschenmenge beobachtet, wie sich der Zauberkünstler auf einem New Yorker Hochhaus kopfüber aus einer Zwangsjacke befreit.

FPG / Getty

An diesem Datum wird Houdini ein harmloses «Kunststück» zum Verhängnis. Einer seiner Bewunderer hatte den Künstler einige Tage zuvor in seiner Garderobe aufgesucht, hatte ihn gefragt, ob er wirklich die härtesten Faustschläge in den Bauch aushalte. Houdini bejahte, obwohl er unter Bauchschmerzen litt. Nach seinen Aufführungen bricht er zusammen, die Diagnose: ein entzündeter Blinddarm, der wohl durch die Schläge aufgerissen ist. Zwei Notoperationen helfen nicht. Houdini stirbt mit 52 Jahren an Halloween in einem Krankenhaus in Detroit.

Harry Houdini, der berühmteste Zauberkünstler seiner Zeit, fasziniert jedoch weiterhin – so sehr, dass auch heute, 100 Jahre später, zahlreiche Mythen über seine Person kursieren. Der Mann habe übernatürliche Kräfte besessen, nur so habe er sich in den waghalsigsten Situationen befreien können, glauben Spiritualisten. Ein zorniger Geist habe die Faust des Studenten gelenkt, der dem Entfesslungskünstler in den Bauch geschlagen habe, behaupten sie. Houdini selbst verstand sich jedoch als Feind des Spiritismus.

Houdini steht in einer Holzkiste auf einem Boot. Kurze Zeit später wird er in der Kiste gefesselt in den East River getaucht.

Houdini steht in einer Holzkiste auf einem Boot. Kurze Zeit später wird er in der Kiste gefesselt in den East River getaucht.

FPG / Archive Photos / Getty

Der Entfesslungskünstler hängt kopfüber in einer Zwangsjacke über einer Strasse – eine seiner berühmtesten Nummern.

Der Entfesslungskünstler hängt kopfüber in einer Zwangsjacke über einer Strasse – eine seiner berühmtesten Nummern.

Library of Congress / Corbis / Getty

1874 wird Harry Houdini als Erik Weisz in Budapest geboren. Vier Jahre später wandert seine jüdische Familie in die USA aus, wo Weisz in bitterer Armut aufwächst. Bereits als Neunjähriger tritt er für eine Gage von fünf Cent in einem kleinen Zirkus auf. In diesem Etablissement, in dem er in roten Wollstrümpfen am Trapez turnt, ändert Weisz zum ersten Mal seinen Namen: «Ehrich, der Prinz der Lüfte» nennt er sich.

Harry Houdini wird 1874 unter dem Namen Erik Weisz geboren. Er wächst in armen Verhältnissen in einer jüdisch-ungarischen Familie auf.

Harry Houdini wird 1874 unter dem Namen Erik Weisz geboren. Er wächst in armen Verhältnissen in einer jüdisch-ungarischen Familie auf.

AP

Mit seinen scheinbar übernatürlichen Kräften trifft Houdini den Zeitgeist zu Anfang des 20. Jahrhunderts. Zaubershows wurden mit grossen Werbeplakaten vermarktet.

Mit seinen scheinbar übernatürlichen Kräften trifft Houdini den Zeitgeist zu Anfang des 20. Jahrhunderts. Zaubershows wurden mit grossen Werbeplakaten vermarktet.

Buyenlarge / Getty

Als Jugendlicher bringt sich Weisz Zaubertricks bei. Mit 17 nimmt er den Künstlernamen Harry Houdini an – eine Hommage an den französischen Zauberkünstler Jean-Eugène Robert-Houdin. Mit 20 heiratet er die Variététänzerin Beatrice «Bess» Rahner. Das Paar tingelt fortan als «The Houdinis» durch amerikanische Kleinstädte, tritt an Jahrmärkten und in billigen Theaterlokalen auf. Der grosse Erfolg setzt jedoch erst später ein, als Harry Houdini beginnt, sich vor dem Publikum aus Handschellen und anderen Fesseln zu befreien – und als seine Kunststücke immer gewagter werden, auch moralisch.

1900 tourt Houdini durch Europa und stellt sich jenen, die an seinen Fähigkeiten zweifeln. Bei seinem Aufenthalt in Berlin muss er sich vor dreihundert Polizisten nackt und mit verschiedenen Fesseln fixiert befreien. Binnen sechs Minuten gelingt ihm das. In Moskau sperrt ihn die Geheimpolizei des Zaren in eine mit Metall ausgekleidete Kutsche, die sie damals für den Transport von Gefangenen nach Sibirien verwendet. In London fordert die Zeitung «Daily Mirror» Houdini mit eigens für diesen Auftritt konstruierten stählernen Handschellen heraus. Nach über einer Stunde befreit sich der Künstler aus dieser Spezialkonstruktion.

Beatrice Houdini präsentiert nach dem Tod ihres Ehemanns eines der Gefässe, aus denen sich Harry Houdini befreite.

Bettmann / Getty

1908 zeigt der Zauberkünstler, wie er aus einer geschlossenen Milchkanne entflieht.

Courtesy Everett Collection / Imago

Wie viel davon inszeniert ist, lässt sich nicht in allen Fällen klar belegen. Doch Harry Houdini trifft Anfang des 20. Jahrhunderts einen Nerv. Das Publikum ist sensationshungrig. Nervenkitzel, Erotik, Exotik, Zauberei, all das ist gefragt – und vieles davon gilt als Befreiung von damaligen Ängsten und Zwängen, als Flucht aus einer industrialisierten Welt, die zunehmend von Maschinen, festen Routinen und strengen Hierarchien bestimmt wird. Doch eine politische Mission verfolgt Houdini nie. Er will vor allem etwas: Menschen verblüffen. Und sie schockieren.

Dieses Standbild stammt aus dem Stummfilm «The Grim Game». Harry Houdini klettert hier auf den Flügel eines Flugzeugs.

John Springer Collection / Corbis Historical / Getty

Houdini (Mitte, sitzend) mit der Filmcrew von «The Man from Beyond» (1922) an den Niagarafällen. Zwar bleibt sein Erfolg als Leinwand-Schauspieler letztlich bescheiden. Doch der Werbeeffekt ist enorm.

Imago

1905 kehrt Houdini dauerhaft in die Vereinigten Staaten zurück, innert kürzester Zeit wird er dort eine Berühmtheit. Seinen Erfolg soll Houdini einst selbst erklärt haben: Am einfachsten locke man eine Menschenmenge an, «indem jemand etwas wagt, das ihn bei einem Scheitern das Leben kostet». Das scheinbare Risiko, zu sterben, gehört laut Houdini also zum Erfolg dazu.

Immer wieder lässt er sich etwa kopfüber mit gefesselten Füssen in eine sogenannte «Chinesische Wasserfolter-Zelle» versenken. Innert Minuten muss er sich unter Wasser aus dem geschlossenen Tank, der einem Aquarium ähnelt, befreien. Ein anderes Mal wird er vor der Mündung einer Kanone gefesselt. Die brennende Zündschnur soll das Geschütz nach zwanzig Minuten auslösen.

Wieweit sich Harry Houdini dabei in Lebensgefahr begibt, wird später kontrovers diskutiert. Denn neben dem Wassertank steht ein Mann mit einer Axt, der ihn aufbrechen könnte. Bei der Kanonennummer soll das Geschoss laut einigen Houdini-Biografen gar nicht mit Schiesspulver geladen gewesen sein. Und doch bleibt da eine gewisse Unsicherheit, wie ernst es dem Künstler mit dem Tod ist.

Im Stummfilm «The Grim Game» aus dem Jahr 1919 spielt Houdini Harvey Hanford, der Mary Cameron vor einem Sturz bewahrt.

John Springer Collection / Corbis Historical

Harry Houdini präsentierte seine Entfesslungsnummern manchmal nackt, um zu beweisen, dass er keine Gegenstände wie etwa Feilen bei sich trägt.

Donaldson Collection / Michael Ochs Archives / Getty

Houdini verlegt seine Kunst zunehmend von der Bühne in den öffentlichen Raum, an Hochhausfassaden und auf Brücken. 1908 springt er in Handschellen von der Harvard-Brücke in Boston in den Charles River. 1915 lässt er sich an den Fussgelenken von einem Hochhaus in Kansas City hängen, kopfüber und in eine Zwangsjacke gesteckt. Tausende Schaulustige verfolgen die Aktionen vor Ort, abermals gelingt es Houdini, sich zu befreien.

Houdini liess sich in verschiedensten Kisten einschliessen. Von wo und wann diese Aufnahme stammt, ist unklar.

Library of Congress / Corbis Historical / Getty

Auf einem Werbefoto inszenieren der Boxer Jack Dempsey, der Zauberkünstler Harry Houdini und Benny Leonard in den 1920er Jahren einen Scheinkampf für Soldaten.

Photo Quest / Getty

Auch wenn Harry Houdini viele Fragen offenlässt, macht er zu Lebzeiten stets eines unmissverständlich klar: Hinter seiner Kunst stecken menschliches Geschick und jahrelange Übung, keine übernatürliche Kraft. «Alles, was ich tue, beruht auf natürlichen Mitteln und ist Menschen möglich», sagt er. Den in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg modischen Spiritismus bekämpft er – und dieser Kampf lässt Freundschaften zerbrechen, wie etwa jene zu Arthur Conan Doyle, dem Erfinder von Sherlock Holmes. Doyle glaubt daran, dass Menschen mit Verstorbenen Kontakt aufnehmen könnten. Und dass Houdini selbst übernatürliche Kräfte besitze.

Auch Harry Houdinis Tod gibt bis heute Anlass zu Spekulationen. Offiziell stirbt der Entfesselungskünstler an den Folgen einer Blinddarmentzündung. Doch die medizinischen Befunde von 1926 werden nicht nur von Spiritisten angezweifelt. Eine Urologin stellt in der «New York Times» die These auf, dass die Blinddarmentzündung nicht die Hauptursache für den Tod gewesen sei – vielmehr, so argumentiert sie, sei der Auslöser ein Darmverschluss gewesen, verursacht durch das ballaststoffreiche Gericht Farmer’s Chop Suey.

Harry Houdini stirbt vor 100 Jahren an Halloween. Am 4. November 1926 wird sein Sarg zum Leichenwagen getragen.

New York Daily News Archive / Getty

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Jana Kehl, Reto Gratwohl

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