Benjamin Netanyahu gewinnt wohl die Wahl – und verliert seine Mehrheit
Die Opposition um Gadi Eisenkot holt mehr Sitze als das Lager des israelischen Ministerpräsidenten, kommt aber selbst nicht auf eine Regierungsmehrheit. Jetzt könnten Wahlversprechen gebrochen werden.
28.10.2026, 01.22 Uhr
5 Leseminuten
Bleibt vorerst im Amt: Israels Ministerpräsident Benjamin Netanyahu.
Jewel Samad / Pool
Benjamin Netanyahu hat noch einmal alles aufgeboten. Je näher der Wahltag rückte, desto schriller wurden seine Warnungen. Dem Land drohe eine neue Katastrophe, ja ein zweiter Holocaust, sollten die Israeli seinem Likud die Stimme verweigern. Das suggerierte er zwei Tage vor dem Urnengang mit dem Bild einer Atomexplosion über Tel Aviv.
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Ganz erfolglos war er damit offenbar nicht. Noch in den letzten Umfragen vor der Wahl lag sein Likud auf dem zweiten Platz. Nun scheint es doch für den ersten zu reichen. Je nach Nachwahlbefragung kann Netanyahus Partei auf 24 bis 27 Sitze hoffen. Damit liegt sie vor ihrem grössten Konkurrenten, dem Ex-General Gadi Eisenkot. Dessen zentristische Yashar-Partei habe nur 22 Mandate erreicht, sagen die Wahlbefrager.
Allerdings haben die Zahlen einen Haken. In Israel regiert nicht zwangsläufig, wer stärkste Partei wird, sondern wer eine Koalition mit 61 der 120 Knesset-Sitze zusammenbringt. In den Nachwahlbefragungen kommt das Lager aller Parteien, die Netanyahu unterstützen, nur auf 50 Sitze. Dazu zählen neben dem Likud die beiden ultraorthodoxen Parteien und die Nationalreligiösen um Itamar Ben-Gvir und Bezalel Smotrich.
Damit liegt Netanyahus Lager hinter dem seines Herausforderers Eisenkot. Es kann auf 51 Mandate hoffen. Zu ihm gehören neben Yashar unter anderem die Parteien des früheren Ministerpräsidenten Naftali Bennett, des Linkspolitikers Yair Golan und von Avigdor Lieberman.
Zwei Sieger, zwei Verlierer
Sieht sich schon als Wahlsieger: Ex-General Gadi Eisenkot.
Shir Torem / REUTERS
So gesehen sind beide ein bisschen Sieger. Netanyahu führt die stärkste Partei an, Eisenkot den stärksten Block. Zugleich sind beide aber auch Verlierer. Denn eine Regierungsmehrheit kann nach jetzigem Stand keines der beiden Lager vorweisen.
Doch ist das alles mit Vorsicht zu geniessen. Bisher liegen nur Nachwahlbefragungen vor, kein amtliches Ergebnis. Die Auszählung dürfte sich über Tage hinziehen. Zudem weichen die Zahlen der Sender zum Teil stark voneinander ab. So sieht der regierungsnahe Kanal 14 Netanyahus Lager sogar bei 60 Sitzen, also nur knapp unter der Mehrheit. Es wäre nicht das erste Mal, dass die Wahlbefrager Netanyahu unterschätzen. 2015 prognostizierten sie ein Patt, am Ende gewann der Likud deutlich.
Eisenkot liess es sich trotzdem nicht nehmen, vorsichtige Siegeshymnen anzustimmen. «Sollten dies die endgültigen Ergebnisse sein, ist das ein Sieg für Israels verantwortungsvolle zionistische Mehrheit», schrieb er auf X. Er werde umgehend handeln, um «den Willen des Volkes umzusetzen», und Netanyahus Regierung ablösen. So schnell wie möglich wolle er «eine zionistische Regierung, die sich der Wehrpflicht für alle verschreibt», bilden.
Gemeint sind vor allem die Ultraorthodoxen, die bisher weitgehend vom Militärdienst befreit sind. Ihre Einberufung war eines der wichtigsten und zugleich umstrittensten Themen im Wahlkampf.
Und Netanyahu? Schwieg zunächst. Als prominentester Likudnik meldete sich vorerst nur Gideon Saar zu Wort. Die Feiern auf der Seite der Linken seien verfrüht, schrieb er auf X. «Eine Sache scheint ziemlich klar. Der Likud ist die grösste Partei in Israel.»
Araber sind Gewinner des Abends
Wer hingegen fraglos zu den Gewinnern zählt, sind die arabischen Parteien. Laut den Nachwahlbefragungen kommen die islamisch geprägte Raam und die Vereinigte Liste zusammen auf 17 bis 18 Sitze. In der bisherigen Knesset hatten sie lediglich 10. Selbst den Rekord von 15 Mandaten aus dem Jahr 2020 hätten sie damit übertroffen.
Sie profitierten dabei von einer bemerkenswert hohen arabischen Wahlbeteiligung. In der Beduinenstadt Rahat lag sie im Tagesverlauf zeitweise höher als in Tel Aviv, Jerusalem oder der ultraorthodoxen Stadt Modiin Illit.
Die arabische Stärke ist zugleich Eisenkots Dilemma. Denn der hatte eine Koalition mit den arabischen Parteien ausdrücklich ausgeschlossen. Mitregieren dürfe nur, wer Israel als jüdischen und demokratischen Staat anerkenne, die Wehrpflicht für alle unterstütze und die Hamas als Terrororganisation einstufe. Ganz ähnlich hatten sich zuvor auch schon viele andere Politiker seines Blocks geäussert. Bennett etwa, der 2021 selbst mit Raam regierte, wollte sich diesmal nicht auf arabische Stimmen stützen.
Dabei böten ausgerechnet sie eine Regierungsmehrheit ohne Netanyahu – wie man es den Wählern ebenfalls versprochen hatte. Zusammen mit den arabischen Parteien käme das Lager um Eisenkot auf rund 70 Sitze.
Stellt sich also die Frage, ob das Versprechen, auf arabische Stimmen zu verzichten, kassiert wird. Erste Anzeichen dafür gibt es jedenfalls bereits. «Alle sprechen mit uns, nicht nur aus dem Lager des Wandels», sagte Raam-Chef Mansour Abbas am Abend dem Kanal 12.
Es war ein brisanter Satz, denn damit deutete er an, dass auch Vertreter aus Netanyahus Lager auf ihn zugegangen seien. Dabei hatte dieses zuvor ebenso vehement eine Zusammenarbeit mit den arabischen Parteien ausgeschlossen.
Netanyahu bleibt vorerst im Amt
Bleibt eine letzte denkbare Option, eine Regierung der nationalen Einheit. Likud und Eisenkots Yashar könnten sich zusammentun. Mit Bennett und Lieberman käme ein solches Bündnis rechnerisch auf eine Mehrheit, ganz ohne die ultraorthodoxen, die arabischen sowie die rechtsextremen Parteien von Ben-Gvir und Smotrich.
Beliebt wäre diese Variante allerdings nicht. Israel hat mit dem Modell schon schlechte Erfahrungen gemacht. 2020 einigte sich Netanyahu mit dem Ex-General Benny Gantz auf eine Rotation im Amt des Ministerpräsidenten. Die Regierung zerbrach nach wenigen Monaten, Gantz kam nie zum Zug. Zudem hat Eisenkot seinen Wählern versprochen, Netanyahus Regierung abzulösen. Viele von ihnen machen Netanyahu für das Versagen am 7. Oktober 2023 mitverantwortlich.
Wie gross die Nervosität im rechten Lager dennoch ist, zeigte Ben-Gvir. Seine Partei Otzma Yehudit kommt laut den Nachwahlbefragungen auf 6 bis 7 Sitze. Das ist kaum mehr als bisher und weniger, als ihr die Umfragen zuletzt vorhergesagt hatten. Bei einem Auftritt in Modiin warnte Ben-Gvir Netanyahu vor einem Bündnis mit Eisenkot. Er habe Gerüchte über eine solche Einheitsregierung gehört, sagte er. Das wäre «ein schrecklicher Fehler». Wohl nicht zuletzt deshalb, weil seine Partei dann aussen vor bliebe.
Unabhängig vom Ausgang steht ein Rekord bereits fest. Die Israeli haben so zahlreich gewählt wie seit Langem nicht mehr. Laut dem Zentralen Wahlkomitee gaben 77,7 Prozent der Wahlberechtigten ihre Stimme ab. Das ist der höchste Wert seit 1999. Bei der letzten Wahl 2022 waren es knapp 71 Prozent.
Bis alle Stimmen ausgezählt sind, dürfte es noch bis Freitag dauern. Offiziell veröffentlicht wird das Ergebnis am 4. November. Danach ist Präsident Yitzhak Herzog am Zug. Er hört die Vertreter aller Parteien an und beauftragt innerhalb von sieben Tagen jenen Abgeordneten mit der Regierungsbildung, dem er die besten Chancen zutraut. Das muss nicht der Chef der stärksten Partei sein. Der Kandidat hat dann 28 Tage Zeit. Scheitert er, kann Herzog einen zweiten Kandidaten beauftragen. Gelingt auch das nicht, drohen Neuwahlen. Es wären die siebten seit 2019. Bis dahin bleibt Netanyahu im Amt.
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Johannes Bockenheimer
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