Bei der EZB wird die Lagarde-Nachfolge wohl zum Duell Falke gegen Taube, Niederländer gegen Spanier
Auf die französische Juristin dürfte ein ausgewiesener Experte für Geldpolitik folgen, beide Kandidaten gelten als pragmatisch. Jetzt müssen sich die Euro-Länder politisch einigen.
31.10.2026, 05.30 Uhr
6 Leseminuten
Die Europäische Zentralbank in Frankfurt am Main: Wer übernimmt das Büro von Christine Lagarde am Hauptsitz im Stadtteil Ostend?
Florian Gaul / Imago
Die Nationalität spielt bei Personalentscheiden im gemeinsamen Europa der EU und der Euro-Zone immer noch eine wichtige Rolle. Es geht um Prestige und die Ausrichtung der Politik. An die Spitze der Europäischen Zentralbank (EZB) schafften es bisher mit Jean-Claude Trichet und Christine Lagarde zwei Franzosen sowie mit Mario Draghi und Wim Duisenberg ein Italiener und ein Niederländer. Von den grossen Mitgliedstaaten sind nur Deutschland und Spanien bei der Präsidentschaft der Währungsbehörde noch nicht bedacht worden.
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Schon bei der Auswahl des ersten Präsidenten war es beinahe zum Eklat gekommen, weil Frankreich die Position für sich beanspruchte, nachdem der Sitz der EZB nach Frankfurt gegangen war. Allerdings favorisierten die stabilitätsorientierten Länder um Deutschland den Niederländer Duisenberg. Als Kompromiss machte dieser schliesslich bereits zur Hälfte der üblichen Amtszeit von acht Jahren seinen Platz für Trichet frei. Nun gilt mit Klaas Knot erneut ein Niederländer als Favorit für die Spitze der EZB, gleichauf mit dem Spanier Pablo Hernández de Cos.
Wandel zum moderaten Falken
Beide Kandidaten präsidierten lange Zeit ihre nationalen Zentralbanken und sassen dadurch automatisch im Gouverneursrat der EZB. Sie kennen die Institution also bereits sehr gut von innen. Klaas Henderikus Willem Knot amtierte von 2011 bis 2025 als Präsident der De Nederlandsche Bank (DNB). In Deutschland galt er lange als Verbündeter von Jens Weidmann, dem damaligen Präsidenten der Bundesbank.
Knot gehörte also zu den Falken im EZB-Rat. Im Notenbank-Jargon gelten diese als Vertreter einer straffen Geldpolitik mit starkem Fokus auf eine niedrige Inflation. Dagegen sind die sogenannten Tauben bei der Inflationsbekämpfung grosszügiger, weil sie ihren Schwerpunkt auf gutes Wirtschaftswachstum legen.
Klaas Knot.
Imago
Von der strikten geldpolitischen Linie hat sich Knot laut Beobachtern mit den Jahren jedoch entfernt, vielleicht auch im Hinblick auf seine Chancen für eine mögliche Präsidentschaft. Heute gilt er als moderater Falke: prinzipientreu, aber dennoch pragmatisch.
Die derzeitige Präsidentin Lagarde traut Knot den Posten zu, wie sie 2025 laut Medienberichten in einem niederländischen Podcast sagte. Er habe den Intellekt, die Ausdauer und die Fähigkeit, Menschen einzubeziehen. In öffentlichen Äusserungen warnte der verheiratete Vater zweier Kinder vor einer allzu raschen politischen Integration in Europa und plädierte für eine stärkere Risikoteilung über die Finanzmärkte, etwa durch die Vollendung der Kapitalmarkt- und der Bankenunion. Die zu späte Reaktion der EZB auf den Inflationsanstieg in den Jahren 2021/22 kritisierte er deutlich. In den Niederlanden lag die Teuerung in der Spitze noch höher als im Euro-Raum, wo sie 10,6 Prozent erreichte.
Dissertation über Defizite und Zinssätze
Knot wurde 1967 im Dorf Onderdendam nördlich von Groningen nahe der westfriesischen Nordseeküste geboren. Er studierte an der Universität Groningen Volkswirtschaftslehre und schloss das Studium «cum laude» ab. 1995 wurde er an seiner Alma Mater mit einer Dissertation über Haushaltsdefizite und Zinsunterschiede zwischen Mitgliedsländern der EU promoviert.
Seine Karriere führte ihn nach jeweils kurzen Ausflügen, etwa zum Internationalen Währungsfonds oder zum Finanzministerium, immer wieder zur niederländischen Zentralbank zurück. Dort wurde er im Juli 2011 als Nachfolger von Nout Wellink zum Präsidenten ernannt. Wie bei Spitzennotenbankern üblich, hatte er eine Reihe von Mandaten, so war er mehrere Jahre Vorsitzender des Financial Stability Board, eines internationalen Gremiums, das das globale Finanzsystem überwacht.
Seit dem Ende seiner zweiten Amtszeit als DNB-Präsident 2025 ist er mit seiner eigenen Firma namens KK Economic Advisory in der Strategieberatung aktiv. Deren Schwerpunkte sind Krisenmanagement, Unabhängigkeit von Zentralbanken und Infrastrukturfinanzierung. Diese Tätigkeit müsste er bei einem Ruf an die Spitze der EZB aufgeben.
Ein Spanier mit Fokus auf Finanzstabilität
Seinen gegenwärtigen Job müsste auch Pablo Hernández de Cos quittieren. Seit er im Sommer 2025 die Leitung der in Basel ansässigen Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) übernommen hat, steht die weltweite Finanzstabilität im Zentrum der Arbeit des Spaniers. Wenige Stunden bevor die EZB den Rückzug ihrer Präsidentin ankündigte, hielt er in Berlin einen Vortrag. Vor Fachpublikum sprach er über die Frage, wie Einlagensicherungssysteme auch in Zeiten beschleunigten technologischen Wandels ihre Funktion erfüllen können.
Pablo Hernández de Cos.
Getty
In Basel erfüllte der heute 55-Jährige schon von 2019 bis 2024 eine wichtige Aufgabe. Als Vorsitzender des dort ansässigen Ausschusses für Bankenregulierung verteidigte er die vom Gremium beschlossenen Regeln gegen Versuche insbesondere der USA, diese nachträglich aufzuweichen. Dogmatisch agierte der Ausschuss nicht. Nach dem Ausbruch der Corona-Pandemie setzte er vorgesehene Verschärfungen für ein Jahr aus.
Dass Hernández de Cos den Spitzenposten in Basel überhaupt übernehmen konnte, schreiben Beobachter dem Einfluss von Mario Draghi zu. Lagardes Vorgänger lernte den Spanier schätzen, nachdem dieser 2018 an die Spitze der Notenbank in Madrid gerückt und damit auch in den Rat der EZB eingezogen war. Im Führungsgremium unterstützte er damals loyal Draghis umstrittenen Kurs der Negativzinsen und Anleihekäufe.
Im Jargon der Notenbanken gilt der Spanier als «gemässigte Taube». In einer Rede skizzierte er Anfang des Jahres seine Vorstellungen darüber, wie Zentralbanken ihre Rolle am besten ausfüllen können. Sie müssten unbedingt unabhängig sein und dürften sich auf keinen Fall zur Finanzierung von Staatshaushalten missbrauchen lassen. Entscheidend für ihren Erfolg seien jedoch die Prinzipien «Robustheit, Flexibilität und Realismus». Um auf unvorhergesehene Situationen reagieren zu können, benötigten sie ein umfangreiches Instrumentarium. Zu diesem könne auch der Kauf von Staatsanleihen gehören, wenn er zeitlich klar begrenzt sei.
Wie sein Rivale Knot hat auch Hernández de Cos sein gesamtes Berufsleben in Zentralbanken verbracht, vor rund zwanzig Jahren arbeitete er drei Jahre als Berater bei der EZB. Viele seiner zahlreichen Veröffentlichungen drehen sich um Staatsfinanzen, besonders detailliert setzte er sich mit dem spanischen Rentensystem auseinander. Da er als Präsident der nationalen Notenbank zwischen 2018 und 2024 immer wieder nachdrücklich zu mehr fiskalischer Disziplin aufrief, geriet er in seinem Heimatland mit der linken Regierung zum Teil heftig aneinander.
Wenig Chancen für Bundesbank-Chef Nagel
Nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine Anfang 2022 hatte die EZB die Gefahr einer Teuerung zunächst unterschätzt. Als die Inflation immer mehr in die Höhe schoss, setzte sich Hernández de Cos im EZB-Rat gegen manche Widerstände für höhere Zinsen ein. In einem für die Brüsseler Denkfabrik Bruegel verfassten Aufsatz beschäftigte er sich 2024 ausführlich mit der Frage, welche Schlüsse aus den damaligen Fehlern zu ziehen seien. Ein Fazit lautet, dass «70 Prozent der Prognosefehler auf Fehler in den technischen Annahmen zurückzuführen waren».
Ein solcher Befund dürfte für den ausgewiesenen Technokraten typisch sein. Hernández de Cos unterhalte keine besonders engen Beziehungen zum Finanzsystem und zur Politik, sondern sei stattdessen «fest in der Welt der makroökonomischen Modelle und statistischen Methoden verwurzelt», lobte ihn der deutsche Bundesbank-Präsident Joachim Nagel 2022 in einer Rede. «Dies ist die perfekte Grundlage für eine hohe Unabhängigkeit, die ein entscheidendes Qualitätsmerkmal für einen Zentralbankpräsidenten ist.»
Dass auch er die erforderlichen Qualifikationen für die EZB-Spitze besitzt, hätte Nagel wohl gerne bewiesen. Dagegen spricht aber, dass mit der von Ursula von der Leyen geführten EU-Kommission bereits ein Spitzenamt in deutscher Hand ist. Zudem soll Bundeskanzler Friedrich Merz eine Bewerbung Nagels nicht aktiv unterstützt haben.
Im sechsköpfigen Direktorium der EZB dürfte die grösste europäische Volkswirtschaft aber auch künftig vertreten sein. Neben der Position der für Märkte zuständigen Isabel Schnabel, die Anfang 2027 zum Internationalen Währungsfonds wechselt, kommt dafür auch die Rolle des Chefökonomen in Betracht. Diese Position wird ebenfalls Mitte nächsten Jahres frei. Auch hier spielen nationale Befindlichkeiten zwischen nord- und südeuropäischen Ländern eine Rolle. Sollte der Spanier neuer EZB-Chef werden, könnte die Position des Chefökonomen von einem Deutschen besetzt werden, sollte der Niederländer zum Zug kommen, könnte eine Französin den Posten bekommen. Genannt werden Namen wie Markus Brunnermeier und Hélène Rey.
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Cornelius Welp, Michael Rasch
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