«Healthy Raves» verbinden Sport und Feierngehen. Organisiert werden sie von einer erfolgreichen Fitnessinfluencerin. Widerspricht sich das nicht? Eine Reportage aus einem Berliner Klub.
Isabelle Pfister (Text), Nick Bauhan (Video), Berlin05.11.2026, 05.30 Uhr
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Auf den ersten Blick wirkt es wie ein klassischer Rave an einem Freitagabend in Berlin: Der Bass wummert, die Luft ist stickig, Strobolicht. In der Mitte der Tanzfläche steht das Mischpult, eine kleine blonde Frau verabschiedet den DJ, der gerade noch aufgelegt hat. Die Musik verstummt. Ohne Mikrofon ruft sie in die Menge: «Berlin, seid ihr bereit, weiter Party zu machen?» Das Publikum johlt zustimmend, die Musik setzt wie ein Herzschlag wieder ein. Aus den Lautsprechern dröhnt eine weibliche Stimme: «Welcome to GrowX Raves!»
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Hinter dem Namen «GrowX» verbirgt sich das Imperium von Anna Engelschall, der blonden Frau am Mischpult. Die Österreicherin ist nach Pamela Reif die bekannteste Fitnessinfluencerin aus dem deutschsprachigen Raum. Unter dem Namen «growingannanas» lädt sie Workouts auf Youtube hoch, acht Millionen Menschen haben ihren Kanal abonniert, auf Instagram und Tiktok folgen ihr je weit über eine Million Nutzerinnen. Sie hat eine eigene Fitness-App auf den Markt gebracht und organisiert regelmässig Live-Workout-Events.
Und in diesem Sommer hat Engelschall ihre Marke um eine Veranstaltungsreihe erweitert: «Healthy Raves». Die Halloween-Party an diesem Freitagabend Ende Oktober ist bereits der dritte Rave, den sie mit ihrem Team in Berlin organisiert hat. Natürlich in Berlin, dessen Technokultur die deutsche Unesco-Kommission 2024 als immaterielles Kulturerbe anerkannt hat.
Dabei passt die Berliner Technokultur auf den ersten Blick so gar nicht zur sauberen Fitnessästhetik von Social Media und Engelschalls Workout-Videos.
Vor dem Eingang des Klubs an der Warschauer Strasse im Osten Berlins huschen Ratten und Mäuse vorbei, drinnen ist alles zugepflastert mit Stickern und Postern. Berliner Flair. «Irgendwie sind es zwei komplett verschiedene Welten, aber irgendwie auch nicht. Es ist eine andere Art von Cardio-Workout», sagt Engelschall in einem kleinen Raum neben der Tanzfläche, der als Backstage-Bereich dient. Der Rave hat gerade angefangen, der erste DJ legt auf, der Bass untermalt das Gespräch.
Selbstoptimierung oder Loslassen im Technobunker
Für Engelschall, 31, gehören Musik und Sport zusammen. Ab Tag eins war die Sache, in die am meisten Zeit floss für ihre Youtube-Workouts, die Musik. «Man sitzt tagelang da und sucht die richtige Musik für die Workouts.» Irgendwann kam ihr die Idee, die Mixes selber zu kreieren, sich selber hinters Mischpult zu stellen.
Dass der Rave für sie eine andere Art von Ausdauertraining ist, sieht man, wenn sie auflegt. Sie hüpft und springt während ihres Sets konstant herum, am Ende macht sie in anderthalb Stunden weit über 10 000 Schritte. In einer Whatsapp-Gruppe mit ihren Followern teilen auch die Besucherinnen die Anzahl Schritte, die sie während Engelschalls Raves gemacht haben.
Das klingt mehr nach Selbstoptimierung, die man von der Vermarktung irgendwelcher Fitness-Gadgets kennt, und weniger nach der kollektiven Enthemmung, die das Tanzen zu lauter Musik in dunklen Klubs verkörpert.
Es ist einiges anders im Berliner Klub an diesem Freitagabend. Das liegt unter anderem am zeitlichen Rahmen der Veranstaltung: 18 bis 22 Uhr – anstatt die Nacht durchzutanzen, kommt man vor Mitternacht ins Bett. Im Klub hat Engelschall zwei Personen angestellt, die die Gäste mittels Tarotkarten bei privaten Sorgen beraten, am Rand der Tanzfläche steht ein Stand mit temporären Tattoos zum Aufkleben, und an der Bar gibt es neben den üblichen alkoholischen Drinks auch ein alkoholfreies Getränk mit Elektrolyten drin. Der Name des Drinks: «Sober Bitch».
Auch die wenigsten der knapp 200 Besucherinnen an diesem Abend entsprechen dem klassischen Raver-Bild. Es ist zwar eine Halloween-Party, viele sind verkleidet oder aufwendig geschminkt, der Unterschied zu einem gewöhnlichen Rave zeigt sich aber im Verhalten des Publikums: Es stehen sehr wenig Menschen draussen und rauchen. Weder an der Bar noch vor den Toiletten bildet sich zu irgendeinem Zeitpunkt der Veranstaltung eine Schlange. Die wenigsten Besucherinnen haben ein Getränk in der Hand, dafür einen zuckerfreien Lollipop, den alle am Eingang erhalten haben. Das klassische Gewusel im Klub – jemand drückt sich hier vorbei, will noch kurz dahin, hat noch jemanden zum Quatschen dort drüben gesehen – ist inexistent.
Vielmehr konzentriert sich die Aufmerksamkeit auf das Mischpult in der Mitte der Tanzfläche. Das Publikum wippt auch nicht einfach zur Musik mit, nein, es hüpft und springt mit der DJ mit. Stellt man sich vor, dass die Leute statt Netzstrümpfen und Stiefeln Lululemon-Sportleggings und Turnschuhe tragen, scheint Engelschalls «Cardio-Workout anderer Art» nicht mehr so weit hergeholt. Kleider machen nicht nur Leute, sondern auch Veranstaltungen.
Die Balance zwischen «Sober Bitch» und «Skinny Bitch»
«Ich denke, der Spass steht im Vordergrund», sagt Helen, 28. Sie macht in ihrer Freizeit Sport zu den Videos von Engelschall. Sie sagt: «Da ich aufgrund der Arbeit nicht so oft zum Sportmachen komme, sehe ich das Tanzengehen schon als Workout an.» Ihre Begleitung Bernd, 36, sieht das anders, ihm geht es nur um den Spass beim Tanzen.
Dass bei den «Healthy Raves» der Spass im Vordergrund steht, das ist auch für Engelschall wichtig. Bevor sie diesen Sommer nach Lissabon gezogen ist, hat Engelschall drei Jahre in Berlin gelebt und beschreibt diese Zeit als «Rückkehr in meine Party-Ära». «Irgendwann sass ich mit meinem Team zusammen, und wir haben gesagt: ‹Lass mal einfach feiern, weil wir es gerne machen.›»
Am Anfang hat sie «Run’n’Rave»-Events organisiert; solche Veranstaltungen, bei denen nach einer gemeinsamen Joggingrunde noch ein DJ auflegt, gibt es inzwischen aber überall. Engelschall wollte etwas Neues erschaffen, einfach Raves organisieren. Nur lässt sich als Fitnessinfluencerin ein herkömmlicher Rave wohl schlechter vermarkten. Das Framing «Healthy Rave» scheint daher wie der perfekte Kompromiss.
Auch wenn Engelschalls «Healthy Raves» keine «Sober Raves» sind, also keine Veranstaltungen ohne Alkohol, so gehen während der vier Stunden im Klub «Healthy Rave» weniger alkoholische Getränke über die Theke als sonst. Das sagt der Berliner Klub auf Anfrage. Der Barkeeper am Freitagabend bestätigt das, wobei in seiner Wahrnehmung «Skinny Bitch», Wodka mit Wasser und Zitrone, der beliebteste Drink des Abends ist. «Ich stehe für Balance», sagt Engelschall, auch sie erlaube sich gern mal einen alkoholischen Drink.
Gesund, aber nicht nüchtern. In einem Klub tanzen, aber vor Mitternacht im Bett sein. Sind «Healthy Raves» am Ende ein weiterer Live-Workout-Event? Engelschall lacht. «Es ist ähnlich. Wir springen auf unserer Matte rum, hier springen wir auf dem Dancefloor rum.» Das Publikum ist auch ähnlich, mehrheitlich junge Frauen. «Ich glaube, diese Raves sind für uns das Loslassen von dieser Selbstoptimierung, einfach ein bisschen frei sein», sagt Engelschall. Der perfekte Kompromiss eben.
Eine Marktlücke kreiert
Die «Healthy Raves» sind am Ende eine Veranstaltung, die nur Gewinner kennt. Der Klub kann seine Lokalitäten fünf Stunden früher als gewöhnlich öffnen und Abende doppelt buchen. Techno-Fans, die nicht die ganze Nacht lang tanzen können oder wollen, haben eine Alternative. Fitnessbewusste können feiern gehen, ohne dabei mit ihren Routinen zu brechen. Fans von «growingannanas», also Anna Engelschall, können mit ihrem Idol tanzen – unabhängig davon, ob sie es als Workout tracken oder nicht.
Und Engelschall? Sie schliesst eine Marktlücke, die sie vielleicht selber geschaffen hat. Sie tritt dabei niemandem ins Gärtchen, eher gewinnt sie neue Follower dazu. Gleichzeitig lebt der Fitnesstrend weiter. Es gibt immer noch etliche Menschen, die sich mit Youtube-Videos im eigenen Wohnzimmer fit halten. Nur wollen manche von ihnen jetzt auch wieder im Klub tanzen.
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Isabelle Pfister
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