Nach Krawallen in Europa ruft die Juso zu Protesten am 20. November auf. Die Jungfreisinnigen warnen vor Gewalt. Juso-Präsidentin Mirjam Hostetmann und Jonas Lüthy, Präsident der Jungfreisinnigen, im Streitgespräch.
Mirjam Hostetmann
Präsidentin der Juso
Mirjam Hostetmann wurde 2024 zur Präsidentin der Juso Schweiz gewählt. Zuvor besetzte sie bereits das Amt der Vizepräsidentin. Aufgewachsen ist Hostetmann in Sarnen im Kanton Obwalden.
Jonas Lüthy
Präsident der Jungfreisinnigen
Der Basler Jonas Lüthy ist seit 2024 Präsident der Jungfreisinnigen Schweiz. Er ist Nachfolger des Zürchers Matthias Müller. Zuvor war Lüthy Vizepräsident der Jungfreisinnigen.
SRF: Holen Sie mit dem Jugendstreik die Gewalt in die Schweiz?
Mirjam Hostetmann: Nein, wir rufen zu friedlichem Protest auf. Statt über brennende Autos sollten wir über brennende Regenwälder und die Gewalt des Systems sprechen, die Armut und Zukunftsängste verursacht. In der Schweiz ist jedes fünfte Kind von Armut betroffen. Darüber müssen wir diskutieren.
Jonas Lüthy: Ich finde das unfassbar. Seit Wochen sehen wir eine Gewaltspirale in Europa. Dass die Juso als Jungpartei einer Bundesratspartei sich an diese internationalen Proteste anschliesst, die offen zur Eskalation aufrufen, ist verantwortungslos. Ich fordere Sie auf, sich klar zu distanzieren.
Wie können junge Menschen ihre politischen Forderungen am wirkungsvollsten einbringen: auf der Strasse oder im Parlament?
Lüthy: Junge Menschen können ihre Anliegen mit Initiativen demokratisch einbringen. Das ist der Schweizer Weg – nicht gewalttätige Proteste. Die Juso soll ihre Forderungen im Parlament vertreten, statt mögliche Ausschreitungen mit zu verantworten.
Hostetmann: Die Kundgebungsfreiheit ist ein zentraler Pfeiler der Demokratie. Viele junge Menschen fühlen sich von der institutionellen Politik nicht mehr abgeholt. Schauen Sie sich die Altersverteilung im Parlament an. Der Protest gibt ihnen ein dringend benötigtes Sprachrohr.
Es ist naiv, zu glauben, dass mehr Waffen Frieden bringen.
Die Schweizer Armee ist in einem maroden Zustand.
Sie sprechen von Zukunftsangst und einer Misere. Geht es den jungen Menschen in der Schweiz so schlecht?
Hostetmann: Das Wohlstandsversprechen wird für unsere Generation nicht mehr eingelöst. Mieten und Krankenkassenprämien steigen, es gibt reale Ängste vor der Zukunft des Arbeitsmarkts und vor der Klimakrise. Eine kleine, reiche Schicht profitiert, während die breite Masse der Jungen mit Unsicherheit lebt.
Lüthy: Man muss der Tatsache ins Auge blicken, dass wir in der Schweiz in einer privilegierten Lage leben. Wir profitieren von einem hervorragenden Bildungssystem und stabilen Institutionen, die frühere Generationen aufgebaut haben. Im Vergleich zu anderen Ländern ist unsere Jugendarbeitslosigkeit tief. Dieses Jammern auf hohem Niveau macht mich sprachlos.
Eine Ihrer Forderungen lautet: «Bildung statt Aufrüstung». Wie passt das zur aktuellen Sicherheitslage in Europa?
Hostetmann: Es ist naiv, zu glauben, dass mehr Waffen Frieden bringen. Wirkliche Sicherheit schaffen wir durch Investitionen in die Bildung, den Klimaschutz und die soziale Sicherheit. Ich will nicht, dass meine Kollegen an der Front sterben.
Lüthy: Die Schweizer Armee ist in einem maroden Zustand. Es ist unsere Pflicht, in die Sicherheit des Landes zu investieren. Wir sind es unseren Altersgenossen schuldig, dass sie im Ernstfall anständig ausgerüstet sind und sich verteidigen können.
Das Gespräch führte David Karasek.
Source: SRF · 05.11.2026, 17:23
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