Auch 40 Jahre nach dem grössten Chemieunfall in der Schweiz ist eine Frage nicht restlos geklärt: Warum brannte es wirklich in Schweizerhalle?

In der Nacht zum 1. November 1986 brannte in Pratteln eine Lagerhalle der Sandoz aus. Das Löschwasser vergiftete den Rhein, die wütende Bevölkerung bewarf die Verantwortlichen mit toten Aalen. Danach fand ein Umdenken statt, doch die Ursachenforschung bleibt umstritten.

31.10.2026, 05.30 Uhr

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Schutzanzüge und Schutzmaske: Erst am 10. November werden ausgebrannte Fässer untersucht.

Schutzanzüge und Schutzmaske: Erst am 10. November werden ausgebrannte Fässer untersucht.

Michael Kupferschmidt / Keystone

Es gibt nur ganz wenige Tage, die sich für immer in das kollektive Gedächtnis einbrennen. Der 1. November 1986 ist so ein Tag.

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Damals kam es in Pratteln, Kanton Basel-Landschaft, kurz nach Mitternacht zu einem Grossbrand auf dem Industriegebiet Schweizerhalle. 1350 Tonnen giftige Chemikalien verbrennen in der Lagerhalle des damaligen Chemiekonzerns Sandoz. Über dieser breitet sich eine 60 Meter hohe Rauchsäule aus. Die Sirenen holen die gesamte Region aus dem Schlaf. Bald stinkt es «gottsjämmerlich». Die Löschaktion dauert bis 5 Uhr morgens. Die Dämpfe sind da längst in die Poren der Wohnhäuser eingedrungen.

Das Löschwasser transportiert 20 Millionen Tonnen Gift in den nahe gelegenen Rhein. Er färbt sich blutrot. Der Fluss stirbt für eine kurze Zeit. Fast alle Kleinlebewesen verenden. Die Bilder von Zehntausenden toten Fischen, die «kläglich eingegangen sind», gehen um die Welt. Die Rede ist von «Tschernobâle».

Zu Beginn ist die Lage unübersichtlich. Eine Katastrophe war passiert, ohne Zweifel, aber was genau und in welchem Ausmass? Das mussten gerade die Bürger in den beiden Basel mühselig selbst recherchieren. Die Berichte waren widersprüchlich.

Radio Basilisk verkündet noch um 1 Uhr morgens ziemlich entspannt, dass es – «anscheinend» – einen Schwelbrand bei der Sandoz in Schweizerhalle gebe. Doch dann ging das Programm regulär weiter. Der Moderator sagte beschwingt: «No e paar Takt Musik, denn lege mir los mit de Spiili.»

Die Beruhigungsstrategie

Auch am Telefon, berichteten viele Zeitzeugen später, habe jeder seine eigene Version gehabt. Das liegt auch an den Behörden, die beruhigen wollten, damit aber nur für noch mehr Verwirrung sorgten. Hans-Rudolf Striebel, damals baselstädtischer Bildungsdirektor und Regierungspräsident, sagte am Samstagmorgen bei Radio Basilisk, dass die Kinder regulär in die Schule müssten. Eine Aussage, die seine Bilanz im Amt bis zu seinem Rücktritt trüben sollte. Obschon Striebel danach umgehend drastische Worte findet – und die Sandoz harsch kritisiert.

Rückblickend betrachtet, ist die Katastrophe, so zynisch das klingen mag, fast noch glimpflich ausgegangen. Nur in geringer Distanz zur brennenden Lagerhalle gab es ein Lager mit Phosgen, einem Giftgas, das beispielsweise im Ersten Weltkrieg als Kampfstoff eingesetzt wurde und das die Lungenbläschen zerstört. Auch ihre Natriumbestände hatte die Sandoz gleich in der Nähe. Diese Substanz reagiert explosionsartig, wenn sie mit Wasser in Kontakt kommt. Die Löschaktion hätte fürchterliche Konsequenzen gehabt.

Die Fabrikaktionshalle der Sandoz steht in Flammen. Aus dem Inferno bildet sich eine 60 Meter hohe Rauchsäule.

Die Fabrikaktionshalle der Sandoz steht in Flammen. Aus dem Inferno bildet sich eine 60 Meter hohe Rauchsäule.

Silvio Mettler / Keystone

«Wie durch ein Wunder», hiess es später, seien diese Lager aber verschont geblieben. Nach dem Brand mussten einzelne Personen mit Atemreizungen behandelt werden. Verletzte oder sogar Tote gab es jedoch nicht.

Das besänftigt die Bevölkerung jedoch nicht. Zu sichtbar wird die Katastrophe. Zu verharmlosend sind die Erklärungen der Sandoz. Es dauert Wochen, bis die Firma nicht mehr von einem Ereignis, sondern von einer Katastrophe spricht.

Tausende demonstrieren bereits am Wochenende auf dem Basler Marktplatz. Auf einem Transparent steht: «Unser Tod ist im grossen Geschäft eingeplant.» Schüler fordern mehr Umweltthemen im Unterricht.

Der behördliche Krisenstab gibt zwar schnell zu, dass sein Alarmierungskonzept versagt hat, doch das reicht der Bevölkerung nicht. Bei einer Podiumsdiskussion im Stadtcasino, an der Vertreter der Sandoz und der Behörden teilnehmen, kommt es zum Tumult. Die Teilnehmer werden bespuckt. Und es fliegen tote Aale auf die Bühne.

Die Stasi-Theorie

Das Umweltfiasko verändert nicht nur das ökologische Bewusstsein der Bürger, auch die Politik und die Chemieunternehmen reagieren. Sandoz investiert in Schutzmassnahmen, zahlt Millionen an Schadenersatz und zahlt viele weitere in eine Stiftung ein. Die Schweiz und Baden-Württemberg installieren eine Überwachungsstation für den Rhein.

Der Fluss wird jeden Tag auf mögliche Schadstoffe getestet. Das entfaltet seine Wirkung. Der Rhein ist heute in einem weit besseren Zustand als vor dem Brand in Schweizerhalle. Im Sommer dient er als liebste Abkühlung für die Basler. 1986 hat sich kaum jemand eine solche Erholung vorstellen können.

Auch im Industriegebiet in Schweizerhalle deutet nichts mehr auf die Katastrophe hin. Der Unfallort wurde gesäubert und mit einer Betonplatte abgedichtet. Kritiker bemängeln, dass weiterhin Schadstoffe im Boden seien.

Dieses Ungefähre, Ungesicherte passt zur Schweizerhalle-Katastrophe. Bis heute ist nicht restlos geklärt, warum es zum verheerenden Brand gekommen ist. Die offizielle Lesart geht so: Als «wahrscheinlichste Brandursache» gilt das Schrumpfen von Berlinerblau-Papiersäcken, wobei mit einem Propangasbrenner das Pigment entzündet worden sei.

Andere untersuchte Ursachen – falsche Lagerung von Stoffen, missachtetes Rauchverbot, elektrischer Defekt – wurden ausgeschlossen.

Am 19. November wird mit Chemikalien verseuchter Schlamm vom Boden des Rheins abgesaugt.

Am 19. November wird mit Chemikalien verseuchter Schlamm vom Boden des Rheins abgesaugt.

Michael Kupferschmidt / Keystone

Und doch halten sich bis heute Theorien über mögliche andere Ursachen. Im Jahr 2000 berichtet das Zweite Deutsche Fernsehen (ZDF) von neuen Abklärungen. Ein ehemaliger Chef der Terrorabwehr des amerikanischen Geheimdienstes CIA, Vincent Cannistraro, sagte im Brustton der Überzeugung, dass die Stasi hinter dem Brand gestanden sei.

Angestiftet vom russischen Geheimdienst, dem KGB, sei Schweizerhalle, so sagte es Cannistraro, als Teil einer Serie von Chemieunfällen im Jahr 1986 zu deuten. Damit hätten die Russen von der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl ablenken wollen, die im April desselben Jahres passierte. Die Behörden verwahrten sich jedoch stets gegen diese Theorie. Man habe auswärtige Ursachen untersucht, aber nie Hinweise gefunden.

Die Feuerwerk-Theorie

2017 präsentierte die «Basler Zeitung» eine neue These. Dokumente aus dem Baselbieter Staatsarchiv und Informationen von ehemaligen Mitarbeitern nährten den Verdacht, dass ein damals leitender Angestellter der Sandoz in der später abgebrannten Halle verschiedene Feuerwerkskörper gelagert haben soll. Ganz in der Nähe sollte am Wochenende die Abschiedsfeier des Werksfeuerwehr-Kommandanten stattfinden. Das Feuerwerk war als launige Überraschung gedacht.

Zu dieser Theorie passen diverse Zeugenaussagen, wonach in der Nacht der Katastrophe «schusssalvenartige Geräusche aus Richtung Sandoz-Areal» und «Zischgeräusche» zu hören gewesen seien. Waren es die Feuerwerkskörper?

Der leitende Angestellte soll nebst dem Feuerwerk auch Chemieabfall in der Halle verstaut haben, wie die Zeugen berichteten. Etwa den Katalysator Raney-Nickel, der sich im Fass mit dem Abfall befunden haben soll. Entzündet sich diese problematische Substanz, bildet sich schwarzer Rauch. Diesen hatten SBB-Rangierarbeiter in Muttenz schon um Mitternacht aus Schweizerhalle aufsteigen sehen – und gemeldet. Berlinerblau hingegen verglimmt farb­los.

Der leitende Angestellte widersprach jedoch vehement, als die «Basler Zeitung» ihn damit konfrontierte. Anders sah es der ehemalige Werkfeuerwehr-Kommandant der Sandoz: Er habe nie an die Berlinerblau-These geglaubt, da bei den Untersuchungen das Vorgehen fragwürdig erschien. Es dauerte zu lange, bis die Farbe brannte – oder die Entflammung wurde unrealistisch stark forciert.

Trotzdem bleibt bis heute die Entzündung von Berlinerblau der «wahrscheinlichste Erklärungsansatz». Der Fall ist abgeschlossen. Und so weiss jeder, wo er in dieser unheilvollen Nacht war. Über die Ursache der Katastrophe wird es immer ein paar Zweifel geben.

Nichts mehr bleibt übrig: Die abgebrannte Fabrikhalle nach der Brandkatastrophe.

Nichts mehr bleibt übrig: Die abgebrannte Fabrikhalle nach der Brandkatastrophe.

Michael Kupferschmidt / Keystone

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Sebastian Briellmann

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