Anthropics Börsengang: Wer wird das Sagen haben? Und was sind die verrücktesten Versprechen im Börsenprospekt?
Das erfolgreichste KI-Startup der Welt will an die Börse. Was das nun eingereichte Antragsformular offenlegt - und was unbeantwortet bleibt.
27.10.2026, 12.38 Uhr
6 Leseminuten
Dario Amodei ist der CEO von Anthropic. Das KI-Unternehmen will im November an die Börse.
Markus Schreiber / AP
Auf das Börsenprospekt von Anthropic haben viele gewartet. Nicht nur, weil das Unternehmen wieder einen Weltrekord in der Bewertung beim Börsengang aufstellen könnte. Sondern auch, weil um die Einnahmen und Ausgaben von KI-Anbietern zwar viel spekuliert wurde, aber sehr wenig bekannt war. Anthropic ist die erste reine KI-Firma, die an die Börse geht.
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Das «S1-Filing» verpflichtet Anthropic zu Ehrlichkeit. Mit ihrer Unterschrift bürgen sie dafür, dass das Dokument die Sachlage realistisch beschreibt und nichts Wichtiges weglässt. Deshalb liefert es wertvolle Einblicke in Finanzen, Governance und Pläne des Unternehmens – und in die Risiken, die ihm die grössten Sorgen bereiten.
Inhaltsverzeichnis
- Wer wird bei Anthropic das Sagen haben?
- Kann die neue Struktur Sicherheit und Gewinn unter einen Hut bringen?
- Was sind die verrücktesten Versprechen im S1-Dokument?
- Will Anthropic eine Biotech-Firma werden?
- Was erfährt man über Anthropics Finanzen?
Wer wird bei Anthropic das Sagen haben?
«Wir verfügen über eine neuartige Kapital- und Unternehmensführungsstruktur», warnt Anthropic in seinem Börsenprospekt die potenziellen Investoren. Diese unterscheide sich «signifikant» von der anderer kotierter Firmen. Das ist noch gelinde ausgedrückt: Bei Anthropics börsenkotierter «Public Benefit Corporation» werden gewöhnliche Anleger schlichtweg gar nichts zu sagen haben. Die Mehrheit der Stimmrechte liegt fest in den Händen der Gründer Sie können damit über drei der sieben Mitglieder im Verwaltungsrat bestimmen.
Die übrigen vier Mitglieder im Verwaltungsrat werden von einem speziellen Gremium ernannt: Dem sogenannten «Long-Term Benefit Trust», bestehend aus unabhängigen Personen ohne finanzielles Interesse an Anthropic. Der soll sicherstellen, dass das Unternehmen seiner Mission treu bleibt. Das Ziel des gemeinnützigen Unternehmens sei dreigeteilt: «die finanziellen Interessen unserer Aktionäre, die besten Interessen derjenigen, die von unserem Handeln wesentlich betroffen sind, sowie den Unternehmenszweck selbst». Letzterer sei «die verantwortungsvolle Entwicklung fortgeschrittener KI zum langfristigen Nutzen der Menschheit».
Der «Long-Term-Benefit-Trust» bestimmt also die Mehrheit der Mitglieder im Verwaltungsrat – und so über die Machtverhältnisse in der Firma. Dessen prominentestes Mitglied ist der ehemalige Vorsitzende der amerikanischen Notenbank, Ben Bernanke.
Kann die neue Struktur Sicherheit und Gewinn unter einen Hut bringen?
Anthropic beschreibt sein Dilemma in dem Börsenprospekt immer wieder in verschiedenen Variationen. Das Grundproblem: Man will KI sicher und bedacht entwickeln. Mehrmals erwähnt das Unternehmen «existenzielle Risiken» für die Menschheit, wenn KI nicht verantwortungsvoll entwickelt würde. Dem gegenüber steht ein gewaltiger finanzieller Druck. Anthropic kann zwar erfreuliche Umsatzzahlen vorweisen, sitzt aber auf einem Berg von Schulden und Verpflichtungen durch für die Zukunft abgeschlossene Verträge mit Cloudanbietern und Chiplieferanten. Die Rechnung geht nur auf, wenn Anthropic weiter wächst und sich von der Konkurrenz abhebt.
Der oben beschriebene «Long-Term-Benefit-Trust» ist zwar auf dem Papier mächtig. Aber wie das Beispiel von Open AI gezeigt hat, können Governance-Strukturen in einer kompetitiven Realität ihre Macht oft nicht durchsetzen. Der Open AI Vorstand scheiterte damit, dem CEO Sam Altmann die Macht zu entziehen. Und ähnlich wird auch bei Anthropic viel an den Entscheidungen der Gründer Dario und Daniela Amodei hängen.
Das Börsenprospekt nennt die vorsichtige Veröffentlichung des Mythos-Modells und eine mehr als einmonatige Pause bei der Entwicklung eines andern neuen Modells als Beispiele für die verantwortungsvollen Entscheide von Anthropic. Das sagt aber wenig darüber aus, wie Gemeinwohl und wirtschaftliche Interessen abgewogen würden, wenn etwa das Überleben der Firma auf dem Spiel stünde.
Was sind die verrücktesten Versprechen im S1-Dokument?
Anthropics Börsenprospekt ist voller Versprechen, an denen sich die Firma wird messen lassen müssen. Da ist die Rede von KI-Systemen, die Labore bedienen werden und dadurch «Jahrzehnte wissenschaftlichen Fortschritts in wenige Jahre komprimieren».
Enorm hilfreiche KI Agenten sollen «innert weniger Jahre» kommen, heisst es an zwei Stellen. Zu deren Fähigkeiten gehöre breites Koordinieren und Zusammenarbeiten mit Menschen und anderen KI-Agenten. Für naturwissenschaftliche Anwendungen wichtig nennt Anthropic: «die Fähigkeit, mit der physischen Welt zu interagieren, indem Labor-Ausstattung, Roboter und andere Maschinen digital kontrolliert werden.«
Das grosse Angebot an künstlicher Intelligenz werde nach Anthropics Überzeugungen die globale Wirtschaft stärker verändern, als es Industrialisierung, Elektrizität, Chips und das Internet getan hätten.
Vielleicht die verrücktesten Versprechen drehen sich um Gesundheit: Anthropic stellt in Aussicht, dass seine KI Heilmittel für Krebs, Alzheimer, Herzkrankheiten und andere Krankheiten finden wird.
Will Anthropic eine Biotech-Firma werden?
Wie Anthropic seine Aktivitäten im Biotech- und Pharma-Bereich ausbauen will, erfährt man nicht aus dem Prospekt, sondern durch die Aktivitäten der Firma. Im April kaufte sie das kleine Startup Coefficient Bio, das KI für die Wirkstoffentdeckung einsetzte. Laut Medienberichten zahlte Anthropic dafür 400 Millionen Dollar. Anthropic stellte zudem prominente Forscher wie den Nobelpreisträger John Jumper ein, der bei Google Deepmind das KI-System Alpha-Fold für die Aufklärung von Proteinstrukturen entwickelt hatte. Dem CEO von Novartis, Vas Narasimhan, gab die KI-Firma im April einen Sitz in ihrem Verwaltungsrat.
Inzwischen hat Anthropic nicht nur KI-Software für die biologische Forschung, sondern auch eigene Labore für Experimente. Im August stellte es ein neues Kommunikationsprotokoll vor, mit dem seine KI-Agenten Laborgeräte wie Mikroskope oder Roboterarme steuern können.
All das deutet darauf hin, dass Anthropic die Biotech-Forschung als mögliche lukrative Anwendung seiner KI-Modelle ansieht und dieses Geschäftsfeld aufbauen will. Grosse Pharma-Unternehmen wie Roche, Eli Lilly und Bristol Myers Squibb nutzen bereits Anthropics KI in ihrer Forschung und Entwicklung. Bald könnte aus dem Technologielieferanten ein Konkurrent werden. Im Börsenprospekt präsentiert sich Anthropic als KI-Firma, die Technologie für Biotech-Forschung bereitstellt. Die Ausweitung in neue Geschäftsfelder, die durch KI ermöglicht werden, wird als Zukunftschance genannt.
Was erfährt man über Anthropics Finanzen?
Gewinne erwirtschaftet Anthropic nicht. Im ersten Halbjahr betrug der Verlust des Unternehmens sogar fast 700 Millionen Dollar. Das ist in absoluten Zahlen mehr als zuvor, doch im Vergleich zum Umsatz werden die Verluste kleiner.
Neu bekannt wurde auch, welche Summen Anthropic in den nächsten Jahren an verschiedenste Tech-Firmen für Rechenleistung und Chips zahlen muss. Die Summen sind enorm – das Thema Rechenleistung ist eines der grossen Geschäftsrisiken von Anthropic.
Man hat es lange gemutmasst, seit dem Börsenprospekt weiss man es konkret: Anthropic hat ein Klumpenrisiko bei seinen Kunden. Nur fünf Kunden machen 25 Prozent des Umsatzes der Firma aus. Diese wenigen Kunden dürften also je geschätzt etwa eine Milliarde Dollar bringen. Der Grossteil der Kunden kauft weit weniger.
Wovor fürchtet sich Anthropic am meisten?
Mit Anhang ist das Börsenprospekt 400 Seiten lang, und etwa ein Viertel dessen behandelt die Risiken, die mit Anthropics Geschäft einhergehen. Das Grösste dabei sind «katastrophale oder existenzielles Risiken für die Menschheit». Das Ausmass des Schadens, der durch einen katastrophalen KI-Vorfall entstehen könnte», sei zudem so gross, dass es sich vermutlich nicht durch eine Versicherung abdecken lasse. Welche Versicherung deckt schon eine Ausrottung der Menschheit ab?
Und auch wenn die Menschheit nicht ausgerottet wird, so warnt die Firma doch vor KI-Systemen, die sich nicht mehr abschalten lassen, weil sie ihre menschlichen Betreiber erpressen: KI-Systeme könnten die Forschung und Entwicklung in erheblichem Masse automatisieren, so dass man nicht mehr in der Lage sei, neue Modelle zu bewerten und deren Sicherheit zu gewährleisten. Das wiederum könne sich nachteilig auf den Geschäftsgang sowie die Finanzlage auswirken.
Wie könnte Anthropics Geschäft Schaden nehmen?
Rechenleistung ist das Blut in den Adern von Anthropic: Ohne Chips und Datenzentren können die Modelle der Firma schlichtweg nicht laufen. Im Börsenprospekt warnt die Firma eindringlich vor einem Mangel an dieser Ressource.
Denn Rechenleistung wird zunehmend zu einem knappen Gut: erstens, weil auch andere grosse Tech-Firmen viel Rechenleistung benötigen, und zweitens, weil in den USA mehrere Gliedstaaten erst einmal keine neuen Rechenzentren mehr bauen wollen. Entsprechend muss Anthropic zunehmend tief in die Tasche greifen und kreativ darin werden, sich neue Quellen zu erschliessen. Gemäss dem Börsenprospekt ist die Firma Verpflichtungen von mehr als 800 Milliarden Dollar eingegangen, die bis ins Jahr 2045 reichen.
Anthropic nennt bei den Risiken auch ein paar politische und rechtliche Themen: Etwa die immer noch ungeklärte Frage, ob es legitim war, Unmengen an Daten ohne Einwilligung der Urheber für das Training der eigenen Modelle zu nutzen. Auch die Konflikte mit lokalen Bevölkerungen um Land, Wasser und Energie und der Widerstand gegen Rechenzentren bereitet Anthropic Sorgen.
Wenig überraschend kommen im Dokument auch der Konflikt mit dem Pentagon vor, bei dem der amerikanische Präsident Donald Trump Anthropic als Lieferkettenrisiko eingestuft hatte. Es erwähnt auch die geopolitischen Fragen rund um den Chiplieferanten Taiwan als Risik0 vor, vor denen Investoren gewarnt werden müssen.
Welche wichtigen Fragen lässt das Dokument unbeantwortet?
Im Dokument fehlen die Umsatzzahlen zum dritten Quartal. Das besorgt Analysten und Investoren, die ein abgebremstes Wachstum der Firma befürchten. Fable, das jüngste Modell Anthropics, erwies sich für viele Kunden als zu teuer, wodurch der Umsatz aus der Nutzung unter den Erwartungen blieb. Firmenkunden wichen stattdessen auf günstigere Modelle Anthropics oder auf jene der Konkurrenz aus, vor allem auf die günstigeren Modelle aus China.
Das Geschäftsmodell Anthropics basiert bisher darauf, dass Kunden immer auf das neueste Modell umsteigen und bereit sind, den Aufpreis für die höhere Leistungsfähigkeit zu zahlen. Nur so rechtfertigen sich die Milliarden, die in die Entwicklung immer besserer Modelle fliessen. Wenn die Nutzung der besten Modelle abnimmt oder deren Preise sinken, brechen die Umsätze weg. Einen Ausweg könnte die Firma im Bereitstellen spezialisierter Anwendungen ihrer Modelle finden. Für viele Analysten erklärt das Anthropics neuen Fokus auf Bereiche wie die Biotech-Forschung.
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Ruth Fulterer, Marie-Astrid Langer, Leonid Leiva Ariosa
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