An der Zürcher Nordstrasse befürchten Anwohner eine Rückkehr der Drogenszene – sie fühlen sich von der Stadt übergangen
In einer von der Stadt gemieteten und renovierten Liegenschaft in Unterstrass sollen Menschen mit psychischen und sozialen Problemen einziehen. Nachbarn stören sich an der Nähe zu zahlreichen Einrichtungen für Kinder.
07.11.2026, 05.03 Uhr
6 Leseminuten
In der Nähe des Schindlergut-Parks ziehen Menschen mit sozialen Belastungen ein.
Thomas Hussel / Baugeschichtliches Archiv
An der Nordstrasse 70 steht ein Eckhaus: rosa Fassade und mehr als dreissig kleine Balkone. Es wirkt frisch renoviert, aber noch unbewohnt. Ab dem 9. November sollen die 1,5- bis 2,5-Zimmer-Wohnungen, alle mit Küche und Nasszelle, nach und nach bezogen werden. Doch die künftigen Bewohner sorgen im Quartier für Aufruhr, bevor sie angekommen sind.
Optimieren Sie Ihre Browsereinstellungen
NZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.
Bitte passen Sie die Einstellungen an.
Das Haus liegt nördlich des Schindlergut-Parks. Es wurde vom Sozialdepartement der Stadt Zürich gemietet, um für Menschen mit «sozialen und gesundheitlichen Mehrbelastungen» Wohnmöglichkeiten zu schaffen. Unter ihnen können auch Suchtkranke sein.
Wie das Sozialdepartement auf Anfrage erklärt, sind die Bewohner jedoch psychisch und körperlich stabil genug, um alleine zu wohnen. Sie können aber ambulant Hilfe von Fachpersonen oder Sozialarbeitern in Anspruch nehmen. Es wird ihnen erlaubt sein, in ihren Zimmern und auf den Balkonen Alkohol oder illegale Substanzen zu konsumieren. Handel dagegen ist verboten.
Die Aussicht auf diese neuen Quartierbewohner hat mehrere Alteingesessene alarmiert. Sie befürchten, dass die harten Drogen zurück ins Quartier kommen könnten – so wie das in den 1990er Jahren der Fall war, als es am Letten eine offene Drogenszene gab.
Drei Anwohner mit unterschiedlichen Bedenken
Heute befinden sich in unmittelbarer Nähe des Hauses an der Nordstrasse mehrere Spielplätze sowie Einrichtungen für Kinder und Kleinkinder: das Gemeinschaftszentrum, ein Hort, ein Kindergarten und eine Kita. Mareike Stettler hat einen Plan mitgebracht, auf dem all diese Einrichtungen mit einem grünen Kreis markiert sind. Sie gruppieren sich dicht bei einem gelben Kreis, der für das Wohnangebot steht.
Stettler, die eigentlich anders heisst, ist eine der zahlreichen Anwohnerinnen, die sich Sorgen machen – die sich aber nicht trauen, ihre Bedenken mit ihrem richtigen Namen öffentlich zu äussern. Sie befürchten, dass sie und ihre Angehörigen Nachteile erfahren.
Zu dritt sitzen sie an diesem Morgen um den Esstisch in einem Haus nahe dem Schindlergut. Alle leben sie mindestens fünfzehn Jahre im Quartier, Heinz Keller, der ebenfalls anders heisst und inzwischen über 80 ist, sogar seit seinem 6. Lebensjahr. Die Bedenken, die sie wegen des Wohnangebots haben, sind zum Teil unterschiedlich gelagert. Aber in einem sind sie sich einig: Die Stadt habe ungenügend informiert. Sie fühlen sich schlecht auf die neuen Nachbarn vorbereitet.
Mareike Stettler sorgt sich vor allem um die Kinder, die sich von den neuen Quartierbewohnern bedroht fühlen könnten oder aber sich wegen der Hinterlassenschaften weniger frei bewegen könnten.
Stettlers Kinder sind inzwischen im Teenageralter. Aber die 48-Jährige erinnert sich noch, wie sie im Schindlergut beim Kastaniensammeln immer zuerst die Umgebung von Scherben, Zigarettenstummeln, Müll und auch immer Spritzen gesäubert hat, bevor sie die Kinder in einem klar definierten Perimeter suchen liess. Und wie sie vor etwa zehn Jahren, lange nach Schliessung des Lettens, auf dem Heimweg am frühen Abend von einem mutmasslichen Dealer mit dem Messer bedroht wurde, an der Hand die beiden Kinder.
Die Erinnerung an Spritzen und Scherben im Park
Es ist die Erinnerung an diese Zeit, die Mareike Stettler resolut werden lässt. Erst vor wenigen Jahren habe man an manchen Orten im Quartier die Stacheldrähte von den Gartenzäunen entfernt. Man habe sich das Quartier zurückerobert, und nun drohten möglicherweise der Drogenkonsum und auch der Handel zurückzukommen. Die Bewohner des Hauses müssten sich ihren Stoff ja irgendwo besorgen. Stettler sagt, dass sie von Eltern wisse, die ihre Kinder angesichts der neuen Situation wieder in den Park oder in den Kindergarten begleiten wollen. Der Standort für die Unterkunft sei einfach schlecht gewählt.
Heinz Keller erinnert sich ebenfalls mit ungutem Gefühl an die Zeit, als die Garageneinfahrten im Quartier noch blau ausgeleuchtet waren und sich Süchtige in die Gärten verirrten. Er stösst sich vor allem an der Art, wie die Stadt kommuniziert hat: spät und vor allem beschwichtigend. Ende September hätten sie einen Flyer im Briefkasten gehabt, vor zwei Wochen habe man das Haus – noch immer im Umbau begriffen – besichtigen können. Dort habe man zum Beispiel auch erfahren, dass es einmal im Monat einen Cafébetrieb gebe, bei dem Anwohner unangemeldet dazukommen und sich mit den Bewohnern des Hauses austauschen könnten. Und dass zu Bürozeiten auch immer jemand da sei, an den man sich bei Auffälligkeiten wenden könne.
Allerdings, so sagt Keller, habe man den Interessierten auch zu verstehen gegeben: Der Entscheid sei gefallen, man müsse sich mit der Situation abfinden. Keller gibt zu bedenken, dass Cracksüchtige ein anderes, viel aggressiveres Verhalten zeigten als die Heroinabhängigen, die in den 1990er Jahren im Quartier anzutreffen gewesen seien. Und Crack sei nun die dominierende Droge auf der Strasse. Vereinzelt habe er auch schon Konsumenten im Schindlergut gesehen.
Keller hat Angst, dass der Handel ins Quartier zurückkommt. Er sieht in dem Wohnprojekt einen Widerspruch zum Engagement der Stadt in den letzten Jahren. Man habe im Schindlergut einen tollen, sehr familienfreundlichen Ort geschaffen, sagt Keller. Mit diesem Projekt gefährde man diesen.
Bedenken wegen der Grösse der Gruppe
Das für das Wohnintegrationsprojekt zuständige Sozialdepartement wehrt sich gegen den Vorwurf, zu spät informiert zu haben. Die Medienmitteilung sei bereits im letzten Dezember verschickt worden, und auch der Vorstand des Quartiervereins sei frühzeitig informiert gewesen. Die Anwohner habe man bewusst Wochen vor dem Termin über die Möglichkeit einer Besichtigung informiert. Diese wäre wegen der Bauarbeiten nicht früher möglich gewesen, schreibt das Sozialdepartement.
Der neue Standort ist nötig geworden, weil die Mietverträge von drei anderen Liegenschaften mit integrativen Wohnangeboten auslaufen und nicht verlängert werden können. Die Stadt legt an der Nordstrasse somit drei Wohnprojekte zusammen.
Für Eckart Friese (Name geändert) ist dies neben der Kommunikation der zentrale Kritikpunkt: Es sei ein grosses Haus, in dem bis zu 55 Personen leben würden. Friese hat in den 1990er Jahren, als der Letten erst Zentrum der Drogenszene war und dann geschlossen wurde, an der nahen Langstrasse gewohnt, bevor er in den Kreis 6 gezogen ist. Er sei einiges gewohnt und Angst um sich persönlich habe er nicht, sagt er.
Und doch befürchtet er, dass das Haus und seine Bewohner die Gemengelage im Quartier verändern werden. Die Stadt mache anscheinend «trial and error», um herauszufinden, wie sich das Wohnprojekt auf das Quartier auswirke und was den Anwohnern zuzumuten sei – das stört ihn. Auch wisse man nicht, was denn rote Linien wären, bei denen die Betreiber sagen würden: So geht es nicht.
Mareike Stettler hat in den letzten Wochen viel unternommen. Sie hat den Kontakt mit dem Sozialdepartement, dem Quartierverein und zu für das Quartier gewählten Gemeinderäten gesucht. Verstanden fühlt sie sich nicht.
Auch Patrik Brunner hat eine E-Mail von Stettler bekommen, allerdings eine anonyme. Der FDP-Gemeinderat war Präsident der Sozialkommission, als das Projekt dort beraten wurde. Er und seine Partei hatten sich dafür eingesetzt. Zürich als grosse Stadt habe eine gesellschaftliche Verantwortung gegenüber Menschen mit Suchterkrankungen sowie psychischen und sozialen Belastungen – und diese müsse fair auf die Quartiere verteilt werden, sagt Brunner. «Ich gehe davon aus, dass das Sozialdepartement die Institution gut begleiten wird.»
Brunner, der selbst Kinder hat, kann zwar Verständnis dafür aufbringen, dass solche Projekte Fragen und Ängste auslösen. «Aber ich halte nichts davon, es bereits vor seiner Inbetriebnahme wegen Befürchtungen infrage zu stellen. Entscheidend sind konkrete Erfahrungen und nicht Vorurteile.» Danach könne man reagieren. Ähnlich klingt es vom Quartierverein: Dessen Co-Präsident Sebastian Vogel rät den Anwohnern, Zwischenfälle möglichst genau zu dokumentieren und zu melden. Sowohl Vogel als auch Brunner stört, dass die besorgten Anwohner ihnen gegenüber anonym auftreten – und sie nicht wissen, wie gross die Gruppe ist.
Brief ans Sozialdepartement
In einer Whatsapp-Gruppe, in der sich Quartierbewohner über das Projekt austauschen und in welche die NZZ Einsicht bekommen hat, sind mehrere Dutzend Personen. Einige besorgte Anwohner haben sich auch bereits an die Stadt gewandt. Sie stellten Fragen zur Wahl des Standorts, zum Sicherheitskonzept oder zum Umgang mit den Bewohnern, wenn es brenzlig werde. Der Hinweis auf dem Informationsflyer, wonach man sich ausserhalb der Bürozeiten bei Problemen an die Polizei oder die ambulanten Sozialarbeiter der SIP wenden solle, sei vielen – und auch ihr – zu wenig, sagt Mareike Stettler.
Keller, Friese und auch Stettlers Mann haben sich in die Resonanzgruppe eingeschrieben; dort sollen sich Vertreter der Stadt und Anwohner regelmässig austauschen können.
Das Sozialdepartement verweist auf die Erfahrung mit ähnlichen Einrichtungen; insgesamt leben 330 Personen an 14 Standorten in einer ambulanten Wohnintegration. Die Angebote wirken sich laut den Angaben nicht negativ auf die Quartiere aus. Im Gegenteil: Der öffentliche Raum werde entlastet, wenn auch Menschen am Rand der Gesellschaft ein gesichertes, stabiles Daheim hätten. Ab der kommenden Woche wird das für einige von ihnen an der Nordstrasse 70 sein.
Passend zum Artikel
Source: Neue Zürcher Zeitung · Nina Belz
At a glance
- Topic
- World
- Country
- 🇨🇭 CH
- Publisher language
- DE
- Added to Allnira