Amerika setzt seine Hoffnungen auf diese Demokraten – auch für 2028
Die Demokraten sind wieder die Partei des Aufschwungs. Die nächste Generation an Führungsfiguren könnte vielfältiger nicht sein: ein bibeltreuer junger Mann, zwei Latinas, ein Muslim. Wir zeigen, welche Kandidaten man für die Präsidentenwahl im Blick behalten sollte.
06.11.2026, 00.08 Uhr
7 Leseminuten
Der 37-jährige James Talarico fordert Liebe statt Hass in der Politik.
Brandon Bell / Getty Images
Am Tag nach dem «blauen Tsunami» zeigte sich, dass es in Wahrheit viele, viele Wellen waren, die die Demokraten am Dienstag an die Hebel der Macht trugen. Junge Männer, Latinos, Frauen, Afroamerikaner, Weisse ohne Uni-Abschluss – praktisch jedes Wählersegment kippte im Vergleich zu 2024 deutlich nach links.
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So vielfältig wie die Wählerschaft sind auch die Kandidaten, die nun neu in den Kongress beziehungsweise in die Gouverneursvillen einziehen. Sie verkörpern ein anderes Amerika, als dies nach dem Erdrutschsieg der Republikaner vor zwei Jahren noch der Fall war. Auf einmal sind wieder die Demokraten die Partei, auf die die Wähler ihre Hoffnungen bauen.
Nach den Midterms ist bekanntlich vor der Präsidentenwahl. Es sind noch nicht einmal alle Stimmzettel ausgezählt, da driftet der Blick von Strategen und Lobbyisten bereits nach vorne. Welche Demokraten sollte man für 2028 im Auge behalten?
Die zwei Charismatiker
Sucht man nach neuen Führungsfiguren in der Demokratischen Partei, kommen einem als Erstes zwei charismatische, junge Männer in den Sinn.
Jon Ossoffs Charisma erinnert viele an John F. Kennedy oder Barack Obama.
Robin Rayne / Imago
Allen voran: Jon Ossoff aus Georgia. Er war der einzige demokratische Senator, der sein Amt am Dienstag in einem Gliedstaat verteidigen musste, in dem Trump 2024 gewonnen hatte. Und Ossoff tat es mit Leichtigkeit: Der 39-Jährige siegte mit verblüffenden achtzehn Prozentpunkten Vorsprung vor seinem republikanischen Herausforderer. Gross, schlank, volles Haar, die Ärmel stets dynamisch hochgekrempelt – Ossoff strahlt ein Charisma aus, das an John F. Kennedy oder Barack Obama erinnert. Wie diese ist auch er verheiratet und hat noch kleine Kinder. Neben aller Ausstrahlung verfügt er auch über das politische Geschick, immer wieder landesweit in die Schlagzeilen zu kommen. Und er hat bewiesen, dass er wiederholt in einem heiss umkämpften Swing State gewinnen kann.
James Talarico schlägt in der Politik einen neuen, sanfteren Ton an.
Joe Nogalski / Imago
Innerparteiliche Konkurrenz könnte er von James Talarico bekommen. Der 37-Jährige schrieb am Dienstag in Texas Geschichte: Im teuersten Senatsrennen der amerikanischen Geschichte besiegte er als erster Demokrat seit fast vierzig Jahren einen Republikaner im «Lone Star State». Talarico ist ledig, hat aber eine feste Partnerin und stammt aus ärmlichen Verhältnissen: Seine Mutter floh vor dem gewalttätigen Vater, als James erst wenige Wochen alt war. Er studierte Theologie, arbeitete als Lehrer und ist bekennender Christ, was ihm nicht nur im «Bible-Belt» Sympathien einbringt. Und er bemüht sich um einen gemässigten Ton. Politik sei seine Weise, den Nächsten zu lieben, sagte er in einem Podcast. Damit hob er sich im bisweilen hässlichen Wahlkampf von seinem republikanischen Gegner ab. Den Wählern gefällt der neue, sanfte Ton in der Politik offenbar gut.
Die Linken
Abdul El-Sayed fordert die Abschaffung der Einwanderungspolizei ICE.
Andrew Roth / Imago
Mit Abdul El-Sayed zieht erstmals ein Muslim in den Senat ein. Der 42-Jährige hat für die Demokraten am Dienstag den wichtigen Swing State Michigan gewonnen. El-Sayed steht politisch am linken Rand der Partei, auch wenn er sich selbst nicht als «Democratic Socialist of America» bezeichnet: Er will die Einwanderungspolizei ICE abschaffen, die Steuern auf Kapitalerträge und Erbschaften erhöhen und die Technologiekonzerne zumindest teilweise verstaatlichen.
Alexandria Ocasio-Cortez denkt offen über eine Präsidentschaftskandidatur nach.
Tom Williams / Cq-roll / Getty
Aus der linken Ecke der Partei stammt auch Alexandria Ocasio-Cortez. Die 37-jährige Abgeordnete für die New Yorker Stadtteile Bronx und Queens wurde am Dienstag mit einer klaren Mehrheit von 79 Prozent zum fünften Mal in den Kongress gewählt. Mit Forderungen wie einem kostenlosen Unistudium und einer staatlichen Krankenversicherung macht die selbsterklärte Sozialistin seit Jahren landesweit auf sich aufmerksam. «AOC» wäre 2028 erstmals alt genug, um für das Präsidentenamt zu kandidieren. In einem Interview mit der «New York Times» machte die Latina jüngst klar, dass sie eine Kandidatur erwäge und dies nach den Midterms entscheiden wolle.
Nichtweisse Frauen an der Spitze konservativer Gliedstaaten
Mit Gina Hinojosa steht künftig erstmals eine Latina an der Spitze von Texas, sie stürzte am Dienstagabend den amtierenden Greg Abbott nach zwölf Jahren.
Gina Hinojosa steht als erste Latina an der Spitze von Texas.
Ashley Landis / AP
Die 52-Jährige arbeitete als Anwältin für Bürgerrechtsbelange, bevor sie 2017 in das texanische Parlament gewählt wurde. Im Wahlkampf bewies sie ein hervorragendes Gespür für Themen: Sie versprach einen sechsmonatigen Baustopp für neue KI-Rechenzentren, bis das gliedstaatliche Parlament ein Gesetz zur Finanzierung des Strombedarfs verabschiedet habe. Die durch die Datenzentren steigenden Stromkosten beschäftigen zurzeit viele Bürger. Auch beim Thema Zuwanderung ist Hinojosa glaubwürdig, sie wuchs in der Grenzstadt McAllen auf. Die zweifache Mutter setzt sich dafür ein, dass Migranten, die schon lange in den USA leben, «irgendeine Möglichkeit bekommen, ihren Status zu legalisieren», wie sie in einem Interview sagte.
Keisha Lance Bottoms ist die erste Afroamerikanerin an der Spitze von Georgia.
Carlos Barria / Reuters
Keisha Lance Bottoms ist die erste Afroamerikanerin, die das Gouverneursamt von Georgia innehaben wird. Während ihrer Zeit als Bürgermeisterin von Atlanta schaffte sie einen ausgeglichenen Haushalt. Die 56-Jährige will das öffentliche Schulwesen attraktiver machen, indem Lehrern die Einkommenssteuer erlassen wird, und das duale Ausbildungssystem fördern, das in den USA im Vergleich zu Europa kaum entwickelt ist. Zudem hat sie im Wahlkampf versprochen, die staatliche Krankenversicherung für Bedürftige (Medicaid) auszuweiten.
Peggy Flanagan ist Mitglied des Volksstamms der Ojibwe.
Abbie Parr / AP
Peggy Flanagan, 47, darf sich seit dieser Woche «Senator-elect» für Minnesota nennen. Ihre Mutter ist weiss, ihr Vater Mitglied des Volksstamms der Ojibwe, als dessen Mitglied sich auch Flanagan bezeichnet. In ihrer politischen Karriere – erst im Repräsentantenhaus, dann als stellvertretende Gouverneurin – setzte sie sich stets für soziale Belange ein; viele Native Americans leben unterhalb der Armutsgrenze. Im Wahlkampf gewann sie den Rückhalt vieler junger Wähler mit dem Thema Studienschulden. Viele Studenten haben durch Trumps «Big Beautiful Bill» den Zugang zu günstigen Krediten verloren. Flanagan selbst stotterte ihre Schulden auch achtzehn Jahre nach dem Abschluss noch ab, als sie bereits stellvertretende Gouverneurin war.
Deb Haaland ist die erste Ureinwohnerin an der Spitze eines amerikanischen Gliedstaats.
Jon Austria/keystone-sda.ch
Und eine zweite Native American feierte diese Woche einen historischen Sieg: Mit Deb Haaland steht erstmals eine Ureinwohnerin an der Spitze eines amerikanischen Gliedstaats. Die neue Gouverneurin von New Mexico hat bereits viele gläserne Decken für die «First Nations» durchbrochen, unter anderem war sie als erste Ureinwohnerin Kabinettsmitglied, und zwar als Innenministerin in der Regierung Biden. Haaland, 65, wohnt heute auf dem Indianerreservat Laguna Pueblo. In ihrer Kindheit waren ihre Eltern auf Lebensmittelmarken angewiesen, die Arztrechnungen für Debs Astma wurden von der staatlichen Krankenversicherung Medicaid bezahlt. Entsprechend setzt sie sich für die Belange bedürftiger Kinder ein und kritisierte etwa die Einschnitte der Regierung Trump beim Sozialnetz.
Zwei offen homosexuelle Männer
Mit Chris Pappas zieht zum ersten Mal ein offen Homosexueller in den Senat ein. Der 46-Jährige ist in New Hampshire schon lange bekannt, weil seine Familie ein bekanntes Hühnchenrestaurant führt und er selbst seit fast 25 Jahren in der lokalen Politik engagiert ist. Seit 2019 vertritt er den Gliedstaat im Repräsentantenhaus. Dort setzt er sich für die Rechte von LGBTQ ein, etwa dafür, dass die Civil Rights Act auf sie ausgeweitet wird. Der Gesetzesentwurf hängt aber seit Jahren im Senat fest.
Chris Pappas kämpft seit 2019 für die Rechte von LGBTQ in Washington.
Tom Williams / Imago
Ein anderer Name, der immer wieder fällt, ist der von Pete Buttigieg. Der 44-Jährige ist homosexuell und Vater zweier Kinder. Er kandidierte bereits 2020 und wurde dann Verkehrsminister unter Joe Biden. Er gilt als hochintelligent, politisch geschickt und hat ein grosses Netzwerk. Zurzeit hat er kein politisches Amt inne, unterstützte aber zahlreiche Kandidaten im Wahlkampf.
Pete Buttigieg war Verkehrsminister unter Joe Biden.
Julia Demaree Nikhinson / AP
Das Establishment
Die grosse Frage ist, ob Kamala Harris ein drittes Mal kandidieren wird. In den meisten Umfragen führt sie das Kandidatenfeld an, was sich aber auch mit der Bekanntheit der früheren Vizepräsidentin erklärt. Und sie verfügt über ein grosses Spendernetzwerk. Doch an der Basis dürften sich viele nach einem echten Neuanfang sehnen, um die Ära Biden hinter sich zu lassen. Sie selbst sagte dazu im April bei einem Auftritt: «Hör mal, vielleicht mache ich das. Vielleicht. Ich denke darüber nach.»
Ähnlich offensichtlich ist die Kandidatur von Gavin Newsom. Der langjährige Gouverneur Kaliforniens und frühere Bürgermeister von San Francisco versucht seit Monaten, sich landesweit zu profilieren, indem er etwa immer wieder die Konfrontation mit Präsident Trump sucht. Als Vertreter des bevölkerungsreichsten und mit Abstand wohlhabendsten Gliedstaats hat er durchaus Chancen, doch man darf nicht vergessen: Für viele Amerikaner ist «California Politics» ein Schimpfwort.
Trump als Feindbild fällt weg
So unterschiedlich die Kandidaten sein mögen, die auf den blauen Wellen nun nach oben gespült wurden, so ist ihnen allen doch eins gemeinsam: Sie waren im Wahlkampf gegen Präsident Donald Trump. Doch dieser wird 2028 nicht mehr zur Wahl stehen. Statt zu sagen, wogegen sie sind, müssen die Anwärter dann erklären, wofür sie stehen – und hoffen, dass auch dann Wellen von unterschiedlichsten Wählern sie nach oben tragen.
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Marie-Astrid Langer
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