Historisches Bildarchiv SBB
Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg holte der Migros-Gründer Tausende junge Frauen als Dienstmädchen in die Schweiz. Über eine Wohltat mit Schattenseiten.
31.10.2026, 05.01 Uhr
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Eine Familie sitzt zu Tisch. Frau, Mann, Sohn, Tochter, alle adrett gekleidet. Auch ein Gast ist dabei, ein älterer Herr mit Brille und weissem Haar. Weisses Tischtuch, weisse Kräglein, eine Eimalzin-Dose auf dem Tisch: Schweizer Haushaltsidylle in den 1940ern.
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Da tritt ein Dienstmädchen mit karierter Schürze ins Bild und beginnt zu bedienen. Der Herr mustert sie, von Kopf bis Fuss. Zwischen ihm und der Frau des Hauses entspinnt sich folgender Dialog:
Antwort: Sie: Du, d Maria isch denn au vo dr Migros. Weisch, mer hend sie übercho über die Aktion da.
Antwort: Er: Ah, die «Trentiner Aktion» vo de Migros.
Antwort: Sie: Mir sind sehr froh gsi und mini Bekannte au, mer chunnt ja doch fascht kei Schwizer Meitli meh über.
Antwort: Er: Ich wär jetzt ä no froh um sones Tschinggeli. Mini Frau isch nämli grad no i de Ferie.
Da bricht die Gesellschaft in heiteres Gelächter aus.
Im Imagefilm «Familie M» wirbt die Migros für sich selbst – mit Schauspielgrössen wie Emil Hegetschweiler und Elsie Attenhofer. Auch dabei: das Trentiner Dienstmädchen «Maria».
Praesens-Film
So erfährt die Schweiz Ende der 1940er Jahre, in einem Werbefilm in Schwarz-Weiss, von der «Trentiner Aktion». Es ist eine der ersten grossflächigen Rekrutierungen von Arbeitsmigranten der Nachkriegszeit. Rund dreitausend junge Italienerinnen und Italiener kamen damals als Angestellte ins Land, vermittelt von einem Mann, der den Schweizern zuvor bereits Früchte und Gemüse aus Italien schmackhaft gemacht hatte.
Nackt auf dem Grenzposten
Gottlieb Duttweiler – Migros-Gründer, Politiker, Philanthrop – verstand es wie kein Zweiter, das gute Gewissen mit dem Geschäftlichen zu verbinden. Das Anwerben eines italienischen Mädchens, so ein Werbetext der Migros, sei die Gelegenheit, «einem bedrängten Nachbarn und unserem eigenen Land gleichzeitig einen Dienst zu erweisen».
Nach dem Anwerbeort, dem norditalienischen Trento, war das Vorhaben benannt: Die «Trentiner Aktion» – damals ein Hit, heute vergessen – nahm vor achtzig Jahren, im Frühherbst 1946, ihren Anfang.
Was Duttweilers Werbetexter als grosse Wohltat verkauften, war allerdings nicht für alle Beteiligten so wunderbar.
Antwort: Leda Fedrizzi, ehemaliges Dienstmädchen: An der Grenze hat man uns in eine grosse Halle geführt, wo wir uns ausziehen und unter die Dusche mussten. Mit nichts als einer Decke über den Schultern mussten wir danach warten, bis die Ärzte kamen.
Antwort: Agnese Magnago, ehemaliges Dienstmädchen: Da war ein grosser runder Tisch. Jede von uns musste vortreten und die Wolldecke ablegen. Da mussten wir stehen, nackt, komplett nackt.
Die jungen Frauen reisten über Chiasso in die Schweiz ein. Hier kam es zu unzimperlichen medizinischen Kontrollen.
Historisches Bildarchiv SBB
Antwort: Leda Fedrizzi: Sie untersuchten uns von Kopf bis Fuss, schauten nach, ob wir Flöhe hatten, Krankheiten oder Verletzungen. Nach der Kontrolle haben wir unsere Kleider und unsere Sachen wiederbekommen. Die Kleider waren mit einem weissen Pulver besprüht.
Antwort: Agnese Magnago: Gegen 11 Uhr nachts sind wir in Zürich am Bahnhof angekommen. Dort suchten sich die Herrschaften die Mädchen aus. Auch ich wurde so ausgesucht. Ich bin mit einer Familie mitgegangen und zwei Jahre geblieben. Kochen, putzen, zwei kleine Kinder, eine grosse Wohnung: Es war viel Arbeit. Und ich war ja noch so jung.
Insgesamt 1260 Frauen vermittelte die Migros Ende der 1940er Jahre dergestalt in Schweizer Privathaushalte. Dazu kamen 1385 Frauen und Männer, die an Landwirte vermittelt wurden. Begleitet wurde die Aktion von einer grossangelegten PR-Kampagne.
Früchte, Gemüse, Speisefett – und Dienstmädchen
Es begann mit den Anzeigen, in denen die Haushaltshilfen neben italienischen Aprikosen, algerischen Datteln und Produkten wie Speisefett Santa Sabina beworben wurden. Es folgten Umfragen unter den beteiligten Familien, der Auftritt im Imagefilm «Familie M» und eine umfangreiche Berichterstattung in den Migros-Zeitungen.
Die «Trentiner Aktion» als PR-Coup: Ausschnitte aus der Migros-Zeitung «Wir Brückenbauer», 1946.
Migros-Genossenschafts-Bund; Bearbeitung NZZ
Die Trentiner Mädchen, so heisst es in einem Artikel, seien «alles andere als ‹perfekte Perlen›». «Aus einfachen Verhältnissen» stammten sie, «ein äusserst primitives Leben» seien sie gewohnt, «einige kannten nicht einmal den Wasserhahn».
Die billigen Arbeitskräfte aus Italien, so versicherte das Unternehmen, seien jedoch fröhlich, bescheiden und «dankbar für jede Belehrung».
Wenn es zu Lohndisputen kam, stellte sich die Migros hinter die Familien. So schreibt es die Historikerin Eveline Schönberg in einer der wenigen historischen Studien zum Thema. Wer weniger bezahlte als ausgemacht, hatte demzufolge freie Hand.
Antwort: Laura Zentile, ehemaliges Dienstmädchen: Es war eine sehr nette Familie. Sie hatten drei Kinder: Ueli, Heidi und Ursi. Er war Zahnarzt. Ich habe gekocht, mich um die Kinder gekümmert, alles im Haushalt gemacht. Auf Ferien habe ich drei Jahre lang verzichtet.
Antwort: Agnese Magnago: Die Padroni sagten mir eines Tages, sie hätten einen Ring verloren. Als ich ihn in einer Schublade fand, habe ich ihn meinen Padroni gegeben. Es war ein dicker Goldring. Als Finderlohn zahlten sie mir 100 Franken. Später sagten sie, sie hätten mich damit auf die Probe gestellt. Denn: Die Italiener seien doch alles Diebe.
Antwort: Laura Zentile: Ich habe 70 Franken im Monat bekommen. Sie haben mir das Gehalt nie erhöht, in den ganzen fünf Jahren nicht. Wir sind damals aus Not gekommen. Wir hatten gar nicht den Mut, mehr zu verlangen.
Nicht alle der vermittelten Arbeitskräfte waren Frauen. Besonders Landwirtschaftsbetriebe waren auch an Männern interessiert. Fragebogen der Migros für Kunden der «Trentiner Aktion».
Migros-Genossenschafts-Bund
Gottlieb Duttweiler erhielt für seine «Trentiner Aktion» Unterstützung von höchster Stelle. FDP-Bundesrat Walther Stampfli persönlich hatte 1946 zur privaten Anwerbung und Vermittlung von Arbeitskräften aufgerufen. Die Schweiz stand am Beginn eines Wirtschaftsbooms. Besonders in Niedriglohnbranchen fehlten die Arbeitskräfte. Duttweiler – damals Nationalrat – liess sich nicht zweimal bitten.
Er hoffe auf «wohlwollende Behandlung und Förderung» seiner Bemühungen, schrieb er an Stampfli, was dieser ihm prompt zusagte.
Arbeit für die Frauen – und Werbung für die Migros
Für Duttweiler war die Aktion das ideale Mittel, um gleichzeitig ein wirtschaftliches und ein soziales Problem zu lösen. Das wirtschaftliche war der Mangel an Dienstboten, der vor allem in ländlichen Gegenden und bei Familien der unteren Mittelschicht verbreitet war. Das soziale Problem war dagegen ein ungleich grösseres: Frieden und Zusammenhalt in Europa.
Als Unternehmer zweifelte der Migros-Gründer am Sinn wohltätiger Spenden an die kriegsversehrten Nachbarländer. «Keine noch so gut gemeinte Caritas, keine noch so wohltätige Geste wirkt so versöhnend wie das Teilen der Arbeit und des Brotes mit Menschen anderer Länder», schrieb er 1946 in der Zeitschrift «Wir Brückenbauer». Der Titel des Beitrags: «Freizügigkeit für den Menschen».
Der Migros-Gründer Gottlieb Duttweiler war Initiator der «Trentiner Aktion».
RDB / Ullstein / Getty
Die «Basler Woche» karikierte ihn 1947 als Mädchenhändler.
Migros-Genossenschafts-Bund
Gleichzeitig verfolgte Duttweiler auch politische Ziele. In ihrer Studie zitiert die Historikerin Eveline Schönberg einen internen Migros-Bericht. Der schlägt vor, die Kunden der Aktion durch prominente Vertreter besuchen zu lassen, um sie für die Partei Duttweilers zu gewinnen, den Landesring der Unabhängigen.
Für die Italienerinnen und Italiener war Duttweilers Angebot derweil eines unter vielen. In Fabriken und Gaststätten, in Schneidereien und Bäckereien, auf Bauernhöfen und Baustellen wurden sie in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg zu einer festen Grösse – und standen im Zentrum der aufkommenden «Überfremdungsdebatte».
Antwort: Laura Zentile: Nach und nach gab es immer mehr Italiener auf den Baustellen. Man lernte sich kennen und verabredete sich am Sonntag im Park. Wir trauten uns aber nicht, auf die schönen Bänke zu sitzen. Wir dachten, die sind für die Schweizer. Wir sassen nur auf die Mäuerchen.
Die «Trentiner Aktion» endete bereits 1947, eine Folge bürokratischer Hürden in Italien. Doch das Bild, das sie von den Italienerinnen und Italienern schuf – das der fröhlichen, aber etwas primitiven, der ungebildeten, aber dafür günstigen Arbeitskräfte –, sollte die Zeit überdauern und noch während Jahrzehnten weiterwirken.
Begehrte Arbeitskräfte: italienische Bauerndienstmädchen in einem Schweizer Dorf, 1950.
Fondazione Museo Storico del Trentino
Die Zitate ehemaliger Dienstmädchen stammen aus dem Dok-Film «Wir waren die Tschinggeli» von Gabriel Heim («NZZ Format», 2016).
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Giorgio Scherrer, Reto Gratwohl
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