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Allzweckrobotern mangelt es noch an Feingefühl. Ingenieure hoffen jetzt auf einen neuen Ansatz: haptische Intelligenz

Roboter sind nicht geschickt genug, um in der chaotischen Welt ausserhalb standardisierter Industrieanlagen nützlich zu sein. Ein Zürcher Startup will das ändern – mit selbstentwickelten Motoren. Ein Werkstattbesuch.

22.10.2026, 05.30 Uhr

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Nach dem Studium an der ETH Zürich war Manuel Galliker bei der Silicon-Valley-Firma 1X angestellt. Jetzt hat er sein eigenes Startup.

Nach dem Studium an der ETH Zürich war Manuel Galliker bei der Silicon-Valley-Firma 1X angestellt. Jetzt hat er sein eigenes Startup.

PD

Viermal muss Manuel Galliker neu ansetzen. Er will mit einem Roboter einen einfachen Handgriff erledigen, nämlich eine Kartonschachtel mit einem Deckel verschliessen: «Ich spüre nicht, was passiert», sagt er, ohne den Blick von der Schachtel vor ihm abzuwenden. Dann gelingt es: Der Roboter, der Gallikers Bewegungen nachahmt, packt den Deckel der Schachtel mit den Greifern der rechten Hand, legt ihn über die Schachtel und drückt leicht darauf, als wollte er sichergehen, dass der Deckel nicht sofort wieder aufspringt.

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Manuel Galliker, Gründer und CEO von Enact, steuert einen Roboter mit Teleoperation.

NZZ

Der Vorgang dauert rund zwanzig Sekunden. «Viel zu lange», sagt Galliker kopfschüttelnd. Um die Schachtel von Hand zu schliessen, brauchte er maximal eine Sekunde. «Dem Roboter fehlt die Feinmotorik», erklärt Galliker, «darum sind Aufgaben, die uns Menschen leichtfallen, für Roboter noch immer unglaublich schwer.»

Und genau dieses Problem möchte Galliker lösen. Er hat dafür ein Startup gegründet. Enact heisst es, der Firmensitz ist im Zürcher Binz-Quartier. Dort erklärt Galliker seine Idee: Er will einen Roboter erfinden, der haptische Informationen verarbeitet. Sprich: Er will Motoren bauen, die interaktiv erspüren können, wie viel Kraft sie in welchem Gelenk einsetzen müssen, um eine bestimmte Aufgabe auszuführen, wie zum Beispiel eine Kartonschachtel zu schliessen oder einen Kürbis hochzuheben. Das ist zwar schwierig – aber auch vielversprechend.

Ohne Geschicklichkeit bleiben Roboter Fachidioten

Um die Tragweite von Gallikers Plänen zu verstehen, lohnt sich ein Blick auf die grosse Lücke zwischen Hype und Realität, die für die Robotikforschung gegenwärtig typisch ist. In den sozialen Netzwerken kursieren beeindruckende Videos von Robotern: Sie stellen Kung-Fu-Bewegungen nach, sie machen Kaffee, sie räumen auf. Das suggeriert: Bald gibt es Allzweckroboter, die alles können und eigenständig handeln.

Die Realität sieht anders aus. Häufig zeigen die Videos nur gerade die Best-of-Momente der Roboter. Wie oft sie das Kaffeepulver verschüttet haben, statt es in den Kolben zu füllen, bleibt den Zuschauern der Videos meist verborgen. Gezeigt wird nur, was funktioniert.

Fakt ist: Gewinnbringend lassen sich Roboter oft erst in standardisierten Industrieanlagen einsetzen. Dort erledigen sie die Arbeit von Fachidioten: Sie können nur gerade jene Aufgabe übernehmen, für die sie optimiert wurden. Sie nehmen zum Beispiel ein Bonbon vom Förderband und legen es in eine Schachtel. Oft sind es einfache Transport- oder Sortierarbeiten.

Was den Robotern für die Einsatzfähigkeit ausserhalb von Fabriken noch fehlt, ist die Geschicklichkeit. Erst sie macht aus einem Gerät für eine einzelne Aufgabe ein vielseitig einsetzbares Werkzeug.

Genau an dieser Geschicklichkeit forschen Robotikfirmen und Universitäten seit Jahrzehnten. Es ist ihnen aber noch nicht gelungen, einen Roboter zu entwickeln, der eine Orange schälen kann; oder einen Schlüssel in einem Türschloss drehen. Oder ein Kabel entwirren.

Neuartige Motoren sollen das Training der KI erleichtern

Glaubt man Galliker, liegt das vor allem daran, dass die Firmen bisher fast nur mit Bildmaterial gearbeitet haben. «Kameraaufnahmen zeigen dem Roboter zwar, wo ein Objekt ist», sagt Galliker. Sie zeigten aber nicht, wie stark der Greifer zudrücken müsse, ohne ein Objekt wie ein Ei oder einen Plastikbecher zu zerquetschen.

Aufgaben, die uns Menschen leichtfallen, sind für Roboter noch immer unglaublich schwer.

Aufgaben, die uns Menschen leichtfallen, sind für Roboter noch immer unglaublich schwer.

China News Service via Getty

Er ist überzeugt davon, dass es solche haptischen Informationen braucht, um geschickte Roboter bauen zu können. Die Robotik müsse man daher von Grund auf neu denken, sagt Galliker. Nun entwickelt er mit seinem Startup einen Roboter, der neuartige Motoren hat: «Krafttransparent» nennt er sie. Im Vorzimmer der Werkstatt entwickelt einer der ersten Startup-Angestellten gerade eine Gussform für einen Prototyp.

Der Vorteil der krafttransparenten Motoren ist laut Galliker besonders wichtig beim Training des KI-Modells, das den Roboter kontrolliert. «Bewegt sich der Roboter, bekommt er nicht nur Feedback aus den Kameras, wo sich seine Greifer nun befinden, sondern er bekommt auch Kraftinformationen direkt aus den Motoren in den Gelenken, ohne dass er sich auf teure zusätzliche Sensoren verlassen muss», erklärt Galliker. So könne der Roboter effizienter lernen.

Galliker verspricht sich davon, dass er so die Trainingszeit für Roboter, die eine neue Aufgabe erledigen sollen, verkürzen kann. «Statt mehrere Monate werden wir künftig nur noch einige Tage benötigen», prognostiziert der Gründer.

Die Forschung gibt ihm recht

Galliker weiss, wovon er spricht. Nach seinem Studium an der ETH Zürich war er bei der Silicon-Valley-Firma 1X angestellt, die einen humanoiden Haushaltroboter entwickelt. Danach war er kurz bei einer der weltweit führenden Firmen der Robotik: Physical Intelligence.

Mit Enact pokert er hoch. Für die Firma hat er 30 Millionen Dollar an Investorengeldern eingesammelt – wesentlich mehr als die meisten anderen Schweizer Startups nur wenige Monate nach der Firmengründung.

Doch dass Gallikers Idee funktionieren könnte, zeigt eine kürzlich publizierte Studie. Forscher an der Universität Berkeley haben festgestellt, dass ihre Roboter rund 30 Prozent besser abschnitten, wenn sie die Kraft fortwährend kontrollierten. Und dies bei Aufgaben, die für Roboter bislang noch kaum zu bewältigen waren: Zahnpasta aus einer Tube auf eine Zahnbürste drücken. Eine Glühbirne aus feinem Glas in ein Gewinde drehen. Ein Ei in die Hand nehmen und in eine Schüssel legen.

Forscher der Universität Berkeley konnten dem Roboter mit haptischen Daten Aufgaben beibringen, die bisher schwierig zu automatisieren waren.

Forschungsprojekt T-Rex, Universität Berkeley

Galliker sagt über die Forscher aus Berkeley, sie hätten nur mit «rudimentären» haptischen Daten gearbeitet. Er hofft, mit seinen selbstentwickelten Motoren nochmals wesentlich bessere Resultate zu erzielen. Tatsächlich will er seine selbstentwickelten Motoren so einstellen, dass sie über 1000-mal pro Sekunde die Kraft messen, mit der sie gerade auf ein Objekt einwirken. Die Forscher aus Berkeley massen die Kraft nur rund 20-mal pro Sekunde.

80 Prozent der Schweizer Startups scheitern

Galliker setzt für den Erfolg seines Startups auf ein Konzept, das noch niemand wirklich kennt. Vielleicht erfasst er mit seiner Firma zu detaillierte Daten über die Kraft, die für geschickte Roboter gar nicht nötig wären. Vielleicht gelingt es ihm nie, ein ausreichend günstiges Produkt zu erschaffen, das vielseitig einsetzbar ist. Dann würde das Startup scheitern, genauso wie 80 Prozent aller Jungunternehmen in der Schweiz.

Vielleicht löst Galliker aber ein Problem und macht Roboter für Orte rentabel, wo sie bisher zu teuer waren: erst in Fabrikhallen ohne Massenproduktion, wo Maschinen mehrere Aufgaben erledigen müssen. Später vielleicht in Restaurants, wo sie Tische abwischen und Geschirr wegräumen könnten. Und vielleicht eines Tages sogar als autonome Haushalthelfer.

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Gioia da Silva

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