Absage an Roms Dirigismus: Der Markt ordnet Italiens Bankenwelt neu
Die Aktionäre der Bank Monte dei Paschi haben den Weg für eine Übernahme durch Intesa Sanpaolo geebnet. Doch das eigentliche Ziel des Intesa-Chefs Carlo Messina ist der Versicherungskonzern Generali.
Ulrike Sauer, Rom02.11.2026, 05.30 Uhr
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Die Konsolidierung von Italiens Bankensektor ist in vollem Gange. Die älteste Bank der Welt, Monte dei Paschi di Siena, ist dabei ein zentraler Akteur.
Chris Ratcliffe / Bloomberg
Lange hielt sich der Mailänder Bankier Carlo Messina zurück. Über die Konsolidierungswelle in der italienischen Bankbranche liess sich der Chef der Banca Intesa spöttisch aus. Er halte sich aus Kämpfen heraus, «die wirklich an den Wilden Westen erinnern», sagte er. Einen Monat später, im Juli 2025, legte Messina noch einmal nach: «Die Banken haben in Italien den Verstand verloren.»
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Das Übernahmefieber ist keineswegs abgekühlt, doch inzwischen greift der Intesa-Chef selbst ein. Im Juni legte der italienische Marktführer ein feindliches Kaufangebot für die toskanische Traditionsbank Monte dei Paschi (MPS) vor. Seiner 31,4-Milliarden-Euro-Offerte für das älteste Bankhaus der Welt steht jetzt nichts mehr im Weg.
Verteidigung gescheitert
Denn am vergangenen Donnerstag stürzte in Siena die Verteidigung des Instituts gegen eine Übernahme in sich zusammen: Die Aktionäre wiesen den Abwehrplan des MPS-Chefs Luigi Lovaglio zurück. Ist das Übernahmeangebot von Banca Intesa erfolgreich, würde in Italien die zweitgrösste börsenkotierte Bankengruppe der Euro-Zone entstehen.
Die Neuordnung der italienischen Bankenlandschaft erreicht damit einen neuen Höhepunkt. Seit zwei Jahren jagt eine überraschende Transaktion die nächste. Oft mit dabei: Monte dei Paschi. Die Bank galt in Europa bis zur Sanierung als ein marodes Finanzinstitut: bis unters Dach voll mit faulen Krediten, von Betrugsskandalen erschüttert und schliesslich 2017 vom Staat vor der Pleite gerettet.
Doch die oft totgesagte Monte dei Paschi riss sich vor einem Jahr in einer erbitterten Schlacht die viel grössere Mailänder Geschäftsbank Mediobanca unter den Nagel – ein Aushängeschild der italienischen Hochfinanz. Ohne den Rückhalt der Regierung, die im Hintergrund die Strippen zog, wäre dem MPS-Chef Lovaglio der Coup kaum gelungen. Ministerpräsidentin Giorgia Meloni wollte ihren Einfluss auf die Finanzbranche ausbauen. Beharrlich trieb Rom während Jahren die Entstehung eines dritten Bankenpols voran, hinter den Marktführern Banca Intesa und Unicredit.
Im Juni torpedierte Messina das politische Drehbuch der neuen Machtverteilung. In der vergangenen Woche zog er nun die Aktionäre von Monte dei Paschi auf seine Seite. Lovaglios Versuch, das Gespann MPS und Mediobanca gegen den Angreifer aus Mailand abzuschotten, scheiterte. Auf der ausserordentlichen Hauptversammlung schmetterten die Aktionäre seine Abwehrstrategie mit 90 Prozent der Stimmen ab.
Luigi Lovaglio, CEO von Monte dei Paschi di Siena, erhielt von den Aktionären eine Absage.
Yara Nardi / Reuters
Die Aktionäre geben die Richtung vor
Der MPS-Chef hatte nach der Offensive von Intesa eine Gegenofferte vorgelegt, um den Banco BPM für 25 Milliarden Euro und die Banca Generali für 8,7 Milliarden Euro zu übernehmen. Doch auch die geplante Fusion mit der Investmentbank Mediobanca, die MPS seit einem Jahr zu 86 Prozent kontrolliert, wurde von den Anteilseignern blockiert. Damit machten die Aktionäre den Weg frei für die offizielle Vorlage des Übernahmeangebots von Banca Intesa, das bereits von der Europäischen Zentralbank genehmigt war. Der Markt hat damit dem wirtschaftlichen Dirigismus Roms eine krachende Absage erteilt.
Die Übernahmeschlacht verlagert sich nun an die Börse. Voraussichtlich in der zweiten Novemberhälfte wird Banca Intesa ihre Milliardenofferte einreichen. Messinas Interesse richtet sich vor allem auf Mediobanca, die erste Adresse im italienischen Investment Banking. Der Börsenwert der feinen Geschäftsbank an der Mailänder Piazzetta Cuccia lag vor einem Jahr 70 Prozent über dem ihres Eigentümers MPS. Ihr grösster Vermögenswert ist die 13-Prozent-Beteiligung am Triester Versicherungskonzern Generali. Nach der Übernahme soll Mediobanca direkt in den Intesa-Konzern integriert werden, um dessen Position im lukrativen Investment Banking auszubauen.
Anderes hat der Intesa-Chef Messina in Siena vor: Die Banca Monte dei Paschi, die ihren Sitz im mittelalterlichen Kastell Rocca Salimbeni hat, soll zerschlagen werden. Rund die Hälfte der MPS-Filialen – 635 Standorte – gibt Intesa an den Versicherungskonzern Unipol ab, der sie anschliessend zusammen mit der Marke MPS und einem Grossteil der zentralen Funktionen an seine Banktochter BPER in Modena weiterreicht. Dieses Geschäft soll die Übernahme wettbewerbsrechtlich absichern. Mit einer Entscheidung der Kartellbehörden wird Ende November gerechnet.
Der Banca-Intesa-Chef Carlo Messina hat es auf Generali abgesehen.
Giorgio Perottino / Reuters
Alle wollen Generali
Die italienische Finanzwelt dürfte auch nach dem Vollzug dieser Übernahme nicht zur Ruhe kommen. Denn die Machtkämpfe unter den italienischen Banken galten in den vergangenen beiden Jahren fast immer einem übergeordneten Ziel: dem grössten Versicherungskonzern des Landes, den Assicurazioni Generali in Triest.
Auch Messina hat es heute weniger auf Monte dei Paschi in Siena als vielmehr auf Triest abgesehen. Bislang hält die Banca Intesa eine Beteiligung von 3,1 Prozent an Generali. Kommt der Mailänder Grosskonzern in den Besitz des Aktienanteils der Mediobanca, würde er mit 16,5 Prozent zum mit Abstand grössten Aktionär.
Dort träfe Messina auf den Mailänder Erzrivalen Unicredit sowie die beiden machtbewussten Generali-Grossaktionäre: die Finanzholding Delfin der Familie Del Vecchio und den römischen Bauunternehmer Francesco Gaetano Caltagirone.
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Ulrike Sauer, Rom
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