Abdul El-Sayed könnte die Midterms für die US-Demokraten entscheiden – doch viele Juden fürchten den scharfen Israelkritiker
Andere feiern den «Mamdani von Michigan» aber auch. Eine Reportage.
31.10.2026, 05.30 Uhr
9 Leseminuten
Für Abdul El-Sayed sind Israel und die Hamas ungefähr gleich schlimm.
Ari Saperstein / EPA
Wer wissen will, wie die Juden in Michigan über Abdul El-Sayed denken, den israelkritischen linken Shootingstar, der für den amerikanischen Senat kandidiert, der mag mit den unterschiedlichsten Reaktionen rechnen. Aber wohl kaum mit der Reaktion des Schuhmachers im jüdisch-orthodox geprägten Vorort Southfield, eine Viertelstunde nördlich von Detroit.
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In seinem Ladenfenster kleben hebräische Aushänge, die sich an die streng religiösen Haredim richten. Gegenüber ist der koschere Supermarkt, auf dem Parkplatz stehen die klassischen «Jew-Kanus», wie Juden selbstironisch ihre Minivans nennen, die Platz für die Grossfamilie bieten. Alles sehr jüdisch.
Frauen mit Scheitel, jüdischen Perücken, stossen Einkaufswagen zu den Autos, Männer in schwarzen Anzügen und mit Hüten heben die Tüten in den Kofferraum. Drüben beim Schuhmacher hat ein junger Herr mit Kippa gerade seine Slipper zum Besohlen gebracht. Nun wartet der Inhaber des Ladens, ein untersetzter Mann mit einem freundlichen runden Gesicht – gewiss ein Misrachi, ein orientalischer Jude, so denkt man sich –, auf den nächsten Kunden.
Darf man ihn zur Stimmung in der jüdischen Gemeinschaft befragen? Zu den Zwischenwahlen, der Kandidatur von El-Sayed, der Sorge über den wachsenden Antisemitismus? Wie nimmt er das alles wahr? Hinter der Ladentheke zuckt der Schuhmacher mit den Schultern.
«Ich bin nicht jüdisch», sagt er. Verschmitztes Lächeln, unschuldiger Blick. Dann fügt er hinzu: «Ich bin Palästinenser!»
Konfliktfreie Zone
Victor, wie er sich vorstellt, sieht alles nicht so eng. Mit seinen Kunden komme er wunderbar zurecht, sagt er. Der Nahostkonflikt sei in seiner Schuhreparatur kein Thema. Neue Absätze, so könnte man auch sagen, sind unpolitisch. Es braucht sie links und rechts.
Der Schuhmacher Victor steht mit den Orthodoxen auf gutem Fuss.
Andreas Scheiner / NZZ
Im kleinen Laden, Victors konfliktfreier Zone, riecht es angenehm nach Leder, ein Hauch von Schuhcrème. Es ist fast unwirklich. Während die Fronten in der Welt völlig verhärtet sind und auch die amerikanische Politik praktisch keinen Gedanken mehr fassen kann, der nicht irgendwie mit Israel zu tun hat, repariert ein Palästinenser die Schuhe der jüdisch-orthodoxen Nachbarschaft, und niemanden, weder ihn, noch seine Kundschaft, kümmert’s. Vielleicht, so denkt man unweigerlich, gibt es doch noch Hoffnung auf Frieden.
Vielleicht hängt das kulturelle Miteinander aber auch damit zusammen, dass Victor, wie sich schnell herausstellt, zwar Palästinenser ist, aber kein Muslim. An der Wand hinter der Ladentheke hängt nicht umsonst ein alter Jesus-Kalender. Ja, so verwirrend kann der Nahe Osten sein: Victor ist arabischer Christ. Ramallah, seine Heimat, vermisse er jeden Tag, sagt er. Doch in den USA, wo er seit rund dreissig Jahren lebe, gehe es ihm gut.
Skepsis gegenüber den Medien
Dass die Suche nach jüdischen Perspektiven auf El-Sayed, den womöglich ersten Muslim im amerikanischen Senat, ausgerechnet zu einem christlichen Palästinenser geführt hat, ist natürlich ironisch. Aber auch dankbar.
Denn der Tag in Michigan hat kompliziert begonnen. Stimmen in der orthodoxen Nachbarschaft zu finden, erweist sich als schwierig. Vielleicht liegt es daran, dass strenggläubige Juden nicht unbedingt den irdischen Medien zugeneigt sind.
Aber auch reihenweise liberale jüdische Organisationen haben im Vorfeld Interviewanfragen abgelehnt. Traut man sich in diesen aufgeheizten Zeiten nicht mehr, sich zu exponieren? Oder spielt der alte Diaspora-Reflex mit: nur ja nicht auffallen?
In der Bäckerei in Southfield schreien höchstens die Ruggelach, die gefüllten süssen Gipfeli, nach Aufmerksamkeit: «Kein Kommentar zur Politik», lässt der Chef in der Backwerkstatt über seine Kassierin ausrichten. Auch im grössten Gemeindezentrum des Gliedstaates, im «The J» in West Bloomfield, will sich niemand zu der Senatswahl äussern.
Gegen die Oligarchen kämpft er auch: El-Sayeds progressive Politik scheint mehrheitsfähig, Umfragen sehen einen Sieg voraus.
Kristen Norman / AP
Nicht einmal eine Zufallsbegegnung mit einem Rabbiner, der den gleichen Namen wie der Reporter trägt, bringt nennenswerte Erkenntnisse. Rabbi Scheiner, ursprünglich aus Australien, ist viel zu religiös, als dass er sich über El-Sayed den Kopf zerbrechen würde.
Im koscheren Schnellrestaurant, wo er die Einhaltung der jüdischen Speisegesetze kontrolliert, räumt er zwar ein, etwas besorgt zu sein über den Aufstieg von El-Sayed, der laut der jüngsten Umfrage von CNN mit sieben Prozentpunkten vor Rogers liegt. Aber das Aufnahmegerät ist dem Mann mit dem zwirbeligen grauen Bärtchen suspekt, und viel mehr, als dass es Gott schon richten werde, hat er auch «off the record» nicht zu sagen.
Gesprächiger ist der Mitarbeiter an der Kasse, Andy. Dass er in seinem Leben schon einiges durchgestanden hat, sagen nicht nur die fehlenden Zähne. Um Dinge wiedergutzumachen, so erwähnt er, arbeite er ehrenamtlich als sogenannter Schomer. Er hält Totenwache.
Nach jüdischem Gesetz darf ein Leichnam bis zur Beisetzung nicht allein gelassen werden. Weil die Seele eines Verstorbenen noch verletzlich sei, wacht Andy also nächtelang an Särgen. Der Mann, möchte man sagen, hat starke Nerven. Aber er hat auch einen guten Realitätssinn.
Der Anschlag auf die Synagoge
«Sobald ich nach draussen gehe, lege ich meine Kippa ab», sagt er. Andy, der sich nur mit Vornamen vorstellt, verzichtet in der Öffentlichkeit auf das Tragen jüdischer Symbole. «Man weiss ja nie.» Er erinnert an den Anschlag auf die Temple-Israel-Synagoge im März, als ein libanesischstämmiger Amerikaner einen mit Sprengsätzen beladenen Geländewagen in das Gemeindehaus steuerte. Über hundert Kinder, die sich im Gebäude aufhielten, überlebten nur, weil es einem Sicherheitsmann gelungen war, den Attentäter auf der Stelle zu erschiessen.
Der Senatskandidat El-Sayed verurteilte die Tat. Aber wie um sie zu erklären, sagte er einen Satz, der an ihm haften blieb: «Hurt people hurt people», meinte er. In seinem eigenen Schmerz habe der Attentäter weiteren Schmerz verursacht, sollte das heissen. Offenbar hatte der Mann bei einer israelischen Anti-Terror-Operation in Libanon Familienmitglieder verloren.
Im März steuerte ein Attentäter einen mit Sprengsätzen beladenen Geländewagen in die Temple-Israel-Synagoge.
Paul Sancya / AP
Viele verstanden die Aussage so, als wollte El-Sayed den Anschlag auf die Synagoge relativieren. Mittlerweile hat sich der Politiker mehrfach für den Satz entschuldigt. Aber seine Sensibilitäten, diesen Eindruck kann er nicht zerstreuen, liegen wohl weniger bei der jüdischen Bevölkerung als bei der muslimischen, die grösstenteils in der Stadt Dearborn lebt.
Stellvertretend dafür steht eine Tonaufnahme, die zu Beginn des Iran-Krieges an die Öffentlichkeit gelangt ist. Damals besprach er mit seinem Wahlkampfteam, wie man den Tod von Ayatollah Ali Khamenei kommentieren wolle, einem brutalen Diktator und Holocaustleugner. El-Sayed erklärte, sich nicht äussern zu wollen, «weil es in Dearborn viele Leute gibt, die traurig sind».
Er lehnt ausserdem einen jüdischen Staat ab, und weil er im Wahlkampf auch mit dem Podcaster Hasan Piker aufgetreten ist, der seine Verachtung für Israel gerne besonders rabiat zum Ausdruck bringt, bleibt El-Sayed für viele Juden in Michigan nicht wählbar.
Rechtsextreme Auswüchse beim Gegner
Aber mit seinem Konkurrenten, dem Republikaner Mike Rogers, fremdeln manche mindestens genauso sehr. Er hat Millionenspenden von einem glühenden christlichen Nationalisten erhalten, der muslimische Politiker verhindern will. Ausserdem hat ein Wahlkampfmitarbeiter antisemitische Hassbotschaften verbreitet, und dass Rogers sich mit dem Pastor Lorenzo Sewell umgibt, stösst auch auf Kritik. Laut dem «Guardian» organisierte dieser eine christlich-nationalistische Kundgebung mit, an der am Rande offenbar Hakenkreuzfahnen geschwenkt wurden.
«Was soll man nur machen?», fragt sich Andy im koscheren Schnellrestaurant. «Lässt man das Kästchen einfach leer? Ich weiss es nicht.» Er sei ja auch nicht die intelligenteste Person, sinniert er weiter. «Meine Frau muss entscheiden. Ich entscheide so, wie sie entscheidet.»
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Ähnlich wie vor einem Jahr in New York, als Zohran Mamdani durchstartete, hadern die Juden in Michigan mit ihrer Wahl. Zwar leben nur etwas über hunderttausend in dem Gliedstaat, aber in dem Swing State, in dem die Resultate notorisch eng sind, können ihre Stimmen entscheidend sein. Es gibt Leute wie Mark Gorge, einen konservativen Juden aus dem Detroiter Vorort Oak Park, der sagt: «Mike Rogers ist das kleinere Übel.»
Gorge ist bei Chabad aktiv, der grössten jüdisch-orthodoxen Organisation der Welt. Vor dem Treffen in seinem kleinen Einfamilienhaus schickt Gorge über Whatsapp eine Infografik, die alles zusammenfasst, was Abdul El-Sayed vorgeworfen wird. Darunter etwa eine Aussage aus einem CNN-Interview, wonach Israel genauso böse wie die Hamas sei. Auch Verbindungen von El-Sayed zur Muslimbruderschaft werden insinuiert, für die es allerdings keine Belege gibt.
«El-Sayed ist indiskutabel», sagt Gorge. Allein die progressive Agenda des «Mamdani von Michigan», wie der 41-Jährige auch genannt wird, schreckt ihn ab. Er hält ihm etwa vor, dass er sich früher für die «Defund the police»-Bewegung ausgesprochen habe, die der Polizei finanzielle Mittel entziehen will. «Wo kämen wir hin ohne Law and Order?», fragt Gorge.
Weil er Recht und Ordnung für unerlässlich halte, habe er in seinem Leben immer republikanisch gewählt, sagt er. Aber wirklich warm, so stellt Gorge klar, werde er mit Mike Rogers nicht. Nur, was bleibe ihm anderes übrig, als für diesen zu stimmen?
Ein namhafter Jude für El-Sayed
Der frühere Kongressabgeordnete Andy Levin kann sich dagegen in Rage reden, wenn El-Sayed kritisiert wird. «Junge», würde er antworten, «denkst du eigentlich noch selber mit?» Levin ist vielleicht der namhafteste jüdische Politiker, der sich für den muslimischen Politiker ausgesprochen hat. Er sei schon bei den Vorwahlen «der Jude für Abdul» gewesen, sagt er stolz. Er lässt nichts auf den Kandidaten kommen.
Für das Zoom-Interview hat er sich an einem schönen Herbsttag im gemusterten Kurzarmhemd in seinen Garten in West Bloomfield gesetzt. Mit den schütteren Locken erinnert er ein wenig an den jüdischen Komiker Gene Wilder. Aber das Gespräch wird nicht heiter.
Levin unterstützt die israelkritische Rhetorik von El-Sayed ohne Wenn und Aber. Wie das israelische Militär Dörfer in Libanon «plattgemacht» habe, sei ein «Kriegsverbrechen», sagt er mit bebender Stimme. «Gaza war ein Genozid, jede Menschenrechtsorganisation bestätigt es.»
Rückfragen, ob denn etwa den Opferzahlen der Hamas zu trauen sei, will er nicht akzeptieren. Wieso man nicht über die rechtsextremen Geldgeber von Mike Rogers rede, ereifert er sich. Nicht eine einzige Frage würde ihm dazu gestellt.
Gleichzeitig seien alle Journalisten wie besessen von El-Sayed. «Es tut mir leid, Bruder, aber diese Besessenheit ist islamophob und rassistisch.» Sämtliche Fragen, ärgert er sich weiter, liefen immer nur darauf hinaus, wieso er als Jude El-Sayed wähle. «Weil unsere Demokratie an einem seidenen Faden hängt, dude!»
«Diese Besessenheit ist islamophob und rassistisch»: Andy Levin ärgert sich über Kritik an El-Sayed.
Bill Pugliano / Getty Images North America
Für die jüdische Sicherheit, sagt Levin, sei das Allerwichtigste eine intakte Demokratie, und die grösste Gefahr gehe auch für die Juden in Amerika vom Autoritarismus von Donald Trump aus. Die Existenz eines jüdischen Staates findet er dagegen nicht zwingend.
Er halte es mit El-Sayed, der sich einen säkularen Staat vorstelle, der Juden und Palästinensern gleichermassen gehören würde. Letztlich, so sagt er, müssten die Menschen sowohl in Israel als auch in Palästina in einem freien und fairen Prozess darüber entscheiden.
An Amerika sei es jedoch, Druck aufzusetzen, damit sich Israel dieser Diskussion öffne. Dafür brauche es eine Neuausrichtung der amerikanisch-israelischen Beziehungen, und der aufstrebende linke Flügel der Demokraten um El-Sayed, so ist er überzeugt, würde nach den Midterms für eine Kurskorrektur sorgen.
Ist Trump ein Glück für Israel?
In seinem Haus in Oak Park sieht Mike Gorge alles ganz anders. Die Demoskopen, die den Republikanern eine Niederlage voraussagen, hält er für voreilig. Aber selbst wenn El-Sayed in Michigan gewinne, glaubt Gorge, würde er sich in Washington bloss als zweitklassiger Senator herausstellen. Viel könne er kaum bewegen, sagt er.
Denn der konservative Jude vertraut auch darauf, dass Trump Israel weiter zur Seite steht. Man müsse sich glücklich schätzen über den Präsidenten, der sich als «unverbrüchlicher Freund Israels» hervorgetan habe.
Ähnlich wie Andy Levin hat sich Mark Gorge festgelegt. Viel gemeinsam haben der linke und der rechte Jude nicht, aber wie repräsentativ sie für die jüdischen Wähler in Michigan sind, ist die andere Frage.
Vielleicht geht es den meisten auch wie Andy im koscheren Schnellrestaurant, der keine Ahnung hat, für wen er stimmen soll. Für die Situation in Israel hat er nur noch Fatalismus übrig. Sein Vater habe 1967 im Sechstagekrieg gekämpft, sagt er. «Der Krieg hat bis jetzt nicht aufgehört.»
Oder man hält es mit dem Schuhmacher in Southfield, der des Konflikts ums Heilige Land längst überdrüssig ist. Die Diskussion darüber, wem das Land gehöre, findet Victor mühselig. «Das Land», sagt der christliche Palästinenser aus Ramallah, während er ein paar Sandalen verstaut, «gehört Gott».
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Andreas Scheiner
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