40 Jahre nach Schweizerhalle Als die Chemiekatastrophe den Rhein vergiftete
Vor 40 Jahren löste ein Brand in einer Lagerhalle von Sandoz bei Basel eine Umweltkatastrophe aus, die Auswirkungen hat bis heute.
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Heute schwimmen im Rhein in Basel Aale und Lachse. Und an heissen Sommertagen lassen sich Menschen mit Schwimmsack im Wasser treiben. Vor 40 Jahren war der Rhein jedoch fast tot und statt Badenden trieben leblose Fische flussabwärts.
Ihren Anfang nahm die Chemiekatastrophe in der Nacht auf den 1. November 1986. In einer Lagerhalle der Chemiefirma Sandoz brach ein Feuer aus. Meterhoch loderten die Flammen. Die Feuerwehr kämpfte mit einem Grossaufgebot gegen den Brand.
Es sieht dramatisch aus. Mal brennt es links, mal rechts.
Online-Medien gab es damals noch keine, nur eine Journalistin berichtete live während der Brandnacht: Cathy Flaviano, Reporterin beim Lokalsender Radio Basilisk. Hörer hatten die Redaktion angerufen und von Flammen in Schweizerhalle berichtet. Flaviano, damals 19 Jahre alt, fuhr an die Tore der Chemiefirma und erzählte von der Telefonkabine aus am Radio, was sie vor Ort sah: «Es sieht dramatisch aus. Mal brennt es links, mal rechts.»
Am frühen Morgen war die Lagerhalle komplett niedergebrannt. Das vergiftete Löschwasser am Boden färbte sich durch die Pestizide in der Lagerhalle rot. Die Feuerwehr liess es ungefiltert in den Rhein fliessen. Ein folgenschwerer Fehler, wie sich bald herausstellte.
Auf die Chemiekatastrophe folgte eine Protestwelle
Doch die erste Sorge der Bevölkerung galt der Luft. Es stank gewaltig. Viele Menschen trauten sich nicht, Fenster und Türen zu öffnen. Schülerinnen und Schüler wurden dennoch angewiesen, zur Schule zu gehen. Es bestehe keine Gefahr mehr durch giftige Gase in der Luft, hiess es von den Behörden.
Das kam nicht gut an. Nur wenige Tage nach der Katastrophe gingen Schülerinnen und Schüler auf die Strasse.
«Wir wollen nicht als Beruhigungspille missbraucht werden», skandierten die Jugendlichen und kritisierten die Kommunikation der Behörden.
Rhein war biologisch tot
In Basel forderte die Chemiekatastrophe keine Toten. Doch für die Umwelt hatte sie verheerende Folgen. Hunderttausende Fische starben durch das giftige Löschwasser. Der Rhein war abschnittsweise biologisch tot, der Aalbestand vielerorts ausgelöscht.
Die Chemie- und Pharmaindustrie und deren Mitarbeitende wurden für das Fischsterben verantwortlich gemacht. «Ich wurde innert Minuten vom stolzen Chemiker zum Bösewicht, der die Umwelt schädigt», sagt Peter Marbet heute. Er war damals Betriebschemiker bei Sandoz. Das sei auch für ihn nicht einfach gewesen.
Heute hat sich der Rhein erholt
Doch die Industrie lernte aus dem Unglück. Heute gibt es Rückhaltebecken für Löschwasser, es gibt Bereitschaftsdienste für Notfallsituationen und auch die Kommunikation wurde professionalisiert.
Die Katastrophe in Schweizerhalle hat zu einem Aufwachen geführt.
Um die Qualität im Rhein zu gewährleisten, gibt es unterdessen eine Überwachungsstation. Dabei arbeitet die Schweiz auch mit Deutschland und Frankreich zusammen. «Da werden Proben entnommen, mit denen man auch nachverfolgen kann, wenn etwas passiert ist», sagt die emeritierte Professorin für Ökologie an der Uni Basel, Patricia Holm. So habe man auch schon Schadensfälle entdeckt, die die Firmen selbst nicht bemerkt hatten.
40 Jahre später gilt Schweizerhalle als Wendepunkt in der Schweizer Umwelt- und Industriegeschichte. Die Bilder der roten Rauchwolke und der toten Fische bleiben in Erinnerung. Gleichzeitig hat die Katastrophe ein Umdenken ausgelöst, das den Rhein heute besser schützt als je zuvor.
Schweizerhalle 1986: Der SRF-Podcast zur Chemiekatastrophe
Regionaljournal Basel Baselland, 30.10.2026, 17:30 Uhr ; glam/zems;fise;liea
Source: SRF · 01.11.2026, 11:42
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