350 Millionen Franken verschwunden: Serbiens Behörden schliessen Bank und nehmen deren Chef mit Nähe zu Vucic fest

Der Skandal um die Alta-Bank und deren dubiose Geschäftspraktiken setzt die Chefin der Nationalbank unter Druck. Auch sie stand dem gefallenen früheren Präsidenten Vucic nahe.

07.11.2026, 05.30 Uhr

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Das Ende der Alta-Bank: Die Behörden haben die Bank geschlossen.

Das Ende der Alta-Bank: Die Behörden haben die Bank geschlossen.

Maxim Konankov / Nurphoto via Getty

Serbische Behörden haben zu Beginn der Woche den Besitzer der Alta-Bank festgenommen. Davor Macura steht im Verdacht, nach der Wahlniederlage des früheren Präsidenten Aleksandar Vucic vor zwei Wochen gemeinsam mit zwei Mitarbeitern den Tresor der Bank geplündert zu haben. Laut der Staatsanwaltschaft für organisierte Kriminalität sollen sie umgerechnet insgesamt rund 350 Millionen Franken entwendet haben.

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Die mutmassliche Veruntreuung brachte die Alta-Bank in akute Zahlungsnot. Infolgedessen entzog die serbische Nationalbank dem privaten Kreditinstitut am Samstag in einer Nacht-und-Nebel-Aktion die Betriebslizenz und leitete ein Insolvenzverfahren ein.

Sie war gezwungen zu handeln: nicht nur, um die Einleger zu schützen, sondern auch, um zu verhindern, dass Macura die verbleibenden Vermögenswerte wegschafft und Spuren verwischt. Das Durchgreifen gegen das klientelistische System von Vucic ist eine erste Reaktion der serbischen Behörden auf das veränderte Machtgefüge im Land.

Russische Kunden

Davor Macura stieg vom Betreiber einer Wechselstube am Stadtrand von Belgrad zu einem der einflussreichsten Geschäftsmänner Serbiens auf. Es ist kein Geheimnis, dass sein Erfolg eng mit seiner Nähe zu Vucic verknüpft ist. Zum Durchbruch verhalf Macura zunächst die auffällig günstige Übernahme eines staatlichen Kreditinstituts 2019, über das er in den Folgejahren lukrative Grossaufträge abwickelte, die ihm der serbische Staat zuspielte.

So zahlte die Belgrader Bevölkerung ihre Stromrechnungen seit 2025 direkt über das Konto der Alta-Bank. Deren Zusammenarbeit mit dem staatlichen Stromanbieter EPS brachte ihr Millionengewinne ein. Auch ein Teil der Parkplatzgebühren und das Ticketsystem des öffentlichen Nahverkehrs in der Hauptstadt liefen über die Konten der Alta-Bank.

Geld machte sie auch mit russischen Kunden. Nachdem im Zuge des Ukraine-Kriegs fast alle europäischen Banken Russen aufgrund der Sanktionen gesperrt hatten, öffnete ihnen die Alta-Bank ihre Türen. Der starke Anstieg russischer Einlagen und Transaktionen weckte bei Finanzanalysten Zweifel daran, ob die Bank die Herkunft der Gelder vorschriftsgemäss prüfte. Auch die Bilanzstruktur war verdächtig, weil sie massenhaft volatile Gelder einsammelte und ungenutzt im Tresor parkierte, anstatt sie in das reguläre Kreditgeschäft zu investieren.

Solches fiel der Europäischen Zentralbank (EZB) auf. Als Macura 2024 versuchte, nach Europa zu expandieren und einen Grossteil der österreichischen Addiko-Bank zu erwerben, zog sie die regulatorische Notbremse. Wegen verdeckter Absprachen zur Umgehung der Meldepflicht und erheblicher Zweifel an der Herkunft der Gelder sowie des Verdachts auf Geldwäsche fror die EZB die Stimmrechte der Alta-Bank ein.

Die serbische Nationalbank ignorierte die Missstände und Warnungen. Das hatte damit zu tun, dass deren Chefin, Jorgovanka Tabakovic, ebenfalls zum engen Machtzirkel von Vucic gehörte und Macura offenbar Schutz gewährte. Die Vorzeichen änderten sich mit der Wahlniederlage Vucics Ende Oktober. Dem Bankbesitzer war wohl klar, dass mit dem Machtwechsel seine Geschäfte geprüft würden und seine Sonderstellung enden würde. Aus Angst, aufzufliegen und Millionen zu verlieren, brachte er wohl panikartig einen Teil des Vermögens in Sicherheit. In der Strafanzeige wird ihm vorgeworfen, in den Tagen nach der Wahl überhastete Devisen- und Geldtransaktionen nach Moskau und Skopje getätigt zu haben.

Nach über einem Jahrzehnt unter der Kontrolle des Vucic-Systems dauerte es, bis Justiz und Nationalbank reagierten. Trotz auffälligen Kapitalabflüssen und expliziten Warnungen versuchte die Zentralbankchefin Tabakovic, die Situation zunächst auszusitzen, und spielte die Lage herunter. Erst als die Alta-Bank faktisch zahlungsunfähig war, leitete sie das Insolvenzverfahren ein.

Kritik für späte Reaktion

Am Tag danach distanzierten sich Tabakovics Stellvertreter in einem öffentlichen Schreiben von ihr. Darin erklärten sie, dass sie erst im letzten Moment über das wahre Ausmass der finanziellen Krise der Alta-Bank informiert worden seien, und forderten die Staatsanwaltschaft auf, den Fall strafrechtlich aufzuklären. Wie es mit Tabakovic weitergehen wird, ist derzeit unklar. Die Staatsanwaltschaft für organisierte Kriminalität will sie als Zeugin zur Klärung des Falls vorladen. Beobachter gehen davon aus, dass sich die Ermittlungen bald auch gegen sie richten könnten. Laut Medienberichten musste sie bereits ihren Reisepass abgeben und bekam eine Ausreisesperre auferlegt.

Die frühere Chefin der Nationalbank kritisierte in einem Interview im öffentlichrechtlichen serbischen Fernsehen RTS die späte Reaktion der Nationalbank. Sie sagte, dass die Aufsicht nach den Parlamentswahlen angesichts drohender Kapitalabflüsse hätte verstärkt werden müssen. Die Reaktion von Tabakovics Stellvertretern führt sie auf ein Klima der Angst zurück und auf die Zentralisierung der Entscheidungsfindung innerhalb der Institution. Sie stellte aber auch deren Verhalten infrage. «Jeder von ihnen musste einen Teil des Systems sehen», sagte sie. Es komme ihr vor, als wollten die Stellvertreter jetzt ihre Verantwortung von sich weisen.

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Nicole Anliker

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