10 Jahre «Superdirektorin» «Es gab Tage und Wochen, in denen ich wenig geschlafen habe»

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«Superdirektorin» heisst die Stelle an der Spitze des Kunstmuseums Bern und des Zentrums Paul Klee, die Nina Zimmer 2016 antrat. Als neue Direktorin hatte sie eine Mega-Aufgabe auf dem Tisch: den Umgang mit dem Nachlass Gurlitt, der 2014 überraschend an das Kunstmuseum Bern vermacht wurde. Wie blickt sie auf den Fall Gurlitt zurück? Was bleibt von ihrer Zeit in Bern? Ein Gespräch zum Abschied in der letzten Ausstellung unter ihrer Leitung: «Reise in die Freiheit».

SRF: Ihre zehnjährige Etappe in Bern nimmt ein Ende. Erinnern Sie sich ans Gefühl, als Sie in Bern ankamen?

Nina Zimmer: Es war ein unglaubliches Glück, zum ersten Mal an der Spitze die Verantwortung zu haben – in einem Moment, in dem ganz viel zu gestalten war. Ich wusste, da kann man die Ärmel hochkrempeln und etwas weiterbringen.

Legende: Ein riesiges Erbe, das eine grosse Verantwortung mit sich brachte: der Nachlass von Cornelius Gurlitt. (Im Bild: Ansicht aus der Ausstellung «Gurlitt – eine Bilanz») Keystone/Anthony Anex

Eine Aufgabe von grosser Tragweite: der Umgang mit dem Gurlitt-Erbe. Wie schauen Sie auf diese Herausforderung zurück?

Das Thema Gurlitt hatte eine einmalige Medienaufmerksamkeit. Zum Teil waren wir täglich in der «South China Morning Post», in der «New York Times» und natürlich in allen Schweizer Medien. Diese extreme Aufmerksamkeit führte dazu, dass das Thema Provenienzforschung der Umgang mit möglicher NS-Raubkunst in den Museen breit angekommen ist. Das hat uns die Chance gegeben, Umgangsweisen und auch Formate zu definieren, die Forschung und Entscheide ermöglichen.

Schwarzweiss-Fotografie eines Mannes auf einem Papier mit handschriftlichem Text.
Legende: Hildebrandt Gurlitt: Kunsthändler in der NS-Zeit. Keystone / EPA / Sascha Steinbach

2014 vermachte Cornelius Gurlitt, Sohn von Hildebrandt Gurlitt, einem wichtigen Kunsthändler in der NS-Zeit, dem Kunstmuseum Bern überraschend rund 1600 Kunstwerke. Darunter befanden sich auch Werke, die im Verdacht standen, geraubt oder ihren jüdischen Besitzerinnen und Besitzern unter Zwang entzogen worden zu sein.

Das Kunstmuseum nahm das Erbe an und verpflichtete sich, die Herkunft der Werke systematisch zu prüfen. Unter Direktorin Nina Zimmer wurde der Nachlass aufgearbeitet, erforscht und öffentlich thematisiert. Der Fall machte Bern international zum Zentrum der Debatte über NS-Raubkunst und Provenienzforschung.

War Ihnen das Gurlitt-Erbe manchmal auch zu viel?

Es gab Tage und Wochen, in denen ich wenig geschlafen habe. Es war aber auch ein enormes Adrenalin da. Wir haben uns diesem Abenteuer gestellt. Es ist uns gut gelungen, denke ich.

Sie gelten als Überfliegerin – haben zwei Institutionen geleitet: das Kunstmuseum Bern und das Zentrum Paul Klee. Auch als Frau haben Sie Akzente gesetzt im Programm. Wie wichtig war Ihnen Diversität?

Das Thema Diversität ist mir ein Herzensanliegen. Es gab viele Ausstellungen von Künstlerinnen. Aber Diversität soll auf allen Ebenen stattfinden: von den Ankäufen bis zu den Ausstellungen bis zum Team. Und: Diversität ist auch breiter. Es geht um Generationen, um Herkunft, um soziale Klasse. Da wollte ich den Blick weiten.

Gab es persönliche Höhepunkte im Programm?

Ich würde gerne zwei nennen: Ein Highlight war die Meret-Oppenheim-Ausstellung mit dem Nachlass Meret Oppenheim, der im Kunstmuseum Bern verankert ist. Die Ausstellung ging weiter an das MoMA in New York und in die Menil Collection in Houston. Da bin ich sehr stolz drauf, dass uns das für unsere Bernerin Meret Oppenheim gelungen ist. Auch im Zentrum Paul Klee haben wir tolle Ausstellungen realisieren können. Da war sicherlich unsere Paul-Klee-Tourneeausstellung in Brasilien der absolute Höhepunkt.

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  • Bild 1 von 4. Eindrücke von der Meret-Oppenheim-Retrospektive in Bern in den Jahren 2021 und 2022: «Der grüne Zuschauer» von Meret Oppenheim. Bildquelle: Keystone/Alessandro della Valle.

  • Bild 2 von 4. Die Ausstellung zeigte einen umfassenden Querschnitt von Meret Oppenheims Schaffen. Hier im Bild: «Das Paar (mit Ei)». Bildquelle: Keystone/Alessandro della Valle.

  • Bild 3 von 4. Gezeigt wurden rund 150 bis 200 Schlüsselwerke – darunter Gemälde, Skulpturen, Objekte, Zeichnungen und Arbeiten auf Papier. Hier Oppenheims Werk «Neue Sterne». Bildquelle: Keystone/Alessandro della Valle.

  • Bild 4 von 4. Die Ausstellung zeigte eine Künstlerin, die sich zeitlebens gegen Schubladen wehrte. Im Bild: das Werk «Mein Kindermädchen». Bildquelle: Keystone/Alessandro della Valle.

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Kein Highlight war, dass das Stimmvolk den Finanzierungskredit für eine Sanierung und Erweiterung des Kunstmuseums Bern abgelehnt hat. War das hart?

Die Abstimmung haben wir verloren, das war sehr schmerzhaft. Wir haben diesen Prozess sehr, sehr sorgfältig über viele Jahre mit ganz vielen Menschen und Anspruchsgruppen entwickelt. Und ich bin überzeugt, dass der Stiftungsrat mit derselben Sorgfalt die nächste Phase weiterführen wird.

Nun geht’s für Sie weiter nach Wien: Sie leiten neu die renommierte Galerie Belvedere. Was nehmen Sie aus Bern mit nach Wien?

Ich habe sehr viel lernen dürfen in Bern. Die Art und Weise, wie man Aufgaben gemeinsam bewältigt, wie man sich immer wieder zusammenrauft, einander zuwendet. Auch wenn es schwierige Momente gibt. Da nehme ich einen ganzen Werkzeugkoffer mit auf meine weitere Reise.

Das Gespräch führte Danja Nüesch.

SRF 1, 10vor10, 26.10.2026, 21:50 Uhr. ;  nued

Source: SRF · 01.11.2026, 10:33

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