„Historisch“
In einer deutlichen Abrechnung mit der Politik von Präsident Donald Trump haben die Wählerinnen und Wähler in den USA den Demokraten die volle Kontrolle über den Kongress übertragen. Trumps Republikaner verloren sowohl im Abgeordnetenhaus als auch im Senat ihre bisherige Mehrheit. Für Trump wurden die mit Spannung erwarteten Midterms am Dienstag zur von der „Washington Post“ als „historisch“ bezeichneten Denkzettelwahl.
Online seit heute, 11.34 Uhr
Die Demokraten feierten hingegen historische Erfolge in US-Bundesstaaten, in denen sie zum Teil über Jahrzehnte nicht gewinnen konnten. Bei den Midterms – in der Mitte der Amtszeit des Präsidenten – wurde über alle 435 Sitze im Repräsentantenhaus sowie 35 der 100 Senatssitze entschieden.
Die Republikaner waren mit einer Mehrheit von 53 Senatssitzen in die Wahl gestartet. Noch bevor alle Rennen ausgezählt sind, liegen die Demokraten laut Hochrechnungen bei 54 Sitzen – mit Chancen auf mehr.
„Das ist ein Trump-Beben“
Trump forderte die Wähler und Wählerinnen im Vorfeld auf, so abzustimmen, als stünde er selbst auf dem Wahlzettel. Zudem wählte er die republikanischen Kandidaten in einigen der wichtigsten Senatsrennen persönlich aus.
Der Schuss ging nach hinten los: Die von Trump unterstützten Bewerber in den Bundesstaaten South Carolina, North Carolina, Michigan und Texas verloren allesamt. Die Niederlagen verschafften den Demokraten die Kontrolle nicht nur über das Repräsentantenhaus, sondern auch über den Senat und zeigten die Grenzen von Trumps politischer Macht auf. „Das ist ein Trump-Beben“, sagte der erfahrene republikanische Stratege Doug Heye.
Fox von „blauer Welle“ überrascht
„Die Demokraten haben ihre Mehrheiten im Repräsentantenhaus und im Senat in eindrucksvoller Weise zurückerobert – getragen von einer ‚blauen Welle‘, die die Erwartungen übertraf“, hieß es nach der geschlagene Wahl im konservativen Sender Fox.
Die Demokraten holten mit einer „vernichtenden Niederlage“ für Trump den Kongress zurück, so die „New York Times“. Die Wahl komme einer umfassenden Abfuhr für Trump gleich, schrieb die „Washington Post“. Die Republikaner wurden abgestraft, weil sich Trump „immer wieder selbst ein Bein stellt“, urteilte nach der geschlagenen Wahl das „Wall Street Journal“.
„Trump ist gezwungen worden, sich seiner politischen Vergänglichkeit zu stellen“, schrieb „The Atlantic“: „Er forderte die Wähler auf, diese Zwischenwahlen zu einem Referendum über ihn zu machen, sich vorzustellen, sein Name stünde auf dem Stimmzettel. Sie haben ihm zugehört – und ihm eine Absage erteilt.“
Keine Mehrheit für Darline Graham
Eine der überraschendsten Niederlagen erlitten die Republikaner in South Carolina. Der Bundesstaat hatte seit 1998 keinen demokratischen Senator mehr gewählt, und Trump hatte dort bei der Präsidentschaftswahl 2024 mit 18 Prozentpunkten Vorsprung gewonnen. Trump unterstützte Darline Graham, die Schwester des verstorbenen republikanischen Senators Lindsey Graham. Doch die Demokratin Annie Andrews eroberte den Sitz.
In North Carolina sprach sich Trump für den ehemaligen nationalen Wahlkampffunktionär der Republikaner, Michael Whatley, aus. Aber auch er unterlag dem früheren demokratischen Gouverneur Roy Cooper deutlich.
El-Sayed wird erster muslimischer Senator
In Texas – einer traditionell republikanischen Hochburg – griff Trump in eine turbulente Vorwahl seiner Partei ein, um den von Skandalen belasteten Generalstaatsanwalt Ken Paxton gegen Senator John Cornyn durchzusetzen. Cornyn galt bei vielen in der Partei als der aussichtsreichere Kandidat. So kam es, dass der Demokrat James Talarico einen klaren Sieg einfuhr und seiner Partei damit ein Mandat sicherte, das sie seit 1988 nicht mehr gewonnen hatte.
Auch in Michigan unterlag Trumps Favorit, der ehemalige US-Kongressabgeordnete Mike Rogers, dem Demokraten Abdul El-Sayed. Der 42-jährige El-Sayed wird damit der erste Muslim im US-Senat.
US-Demokraten erobern republikanische Hochburgen
Von Texas bis South Carolina: Die Demokraten feierten überraschende Erfolge in traditionell republikanischen Bundesstaaten. Sie gewannen wichtige Senatssitze und eroberten die Mehrheit im Repräsentantenhaus zurück.
Wahl im Zeichen von Umfragetief
Die Niederlagen der Republikaner fallen in eine Zeit, in der Trumps Beliebtheit Umfragen zufolge vor der Wahl noch geringer war als nach der Erstürmung des US-Kapitols am 6. Jänner 2021.
Das schürte bei den Republikanern die Sorge, dass der Präsident zu einer Belastung für die Partei geworden ist, die er ganz auf sich zugeschnitten hat. Der republikanische Stratege Heye verwies auf den Frust der Wähler über hohe Preise infolge von Zöllen und des Iran-Krieges. „Trump hat das ganze Jahr über den Wählern gesagt, was ihm wichtig ist, nicht was ihnen wichtig ist.“
„Im Grunde an Demokraten verschenkt“
Trump schlug angesichts der eintreffenden Wahlergebnisse einen trotzigen Ton an. „Ich stand nicht auf dem Wahlzettel, und wäre das der Fall gewesen, hätten wir einen Erdrutschsieg errungen“, schrieb er am Dienstagabend in sozialen Netzwerken.
Eine Meinung, die etwa von Reuters befragte Analysten nicht teilen. Geht es nach Thomas Kahn von der American University, habe etwa Trumps Eingreifen in die Vorwahl in Texas die Republikaner in Texas wohl einen sicheren Sitz gekostet. Eine Nominierung von Senator Cornyn wäre „für die Republikaner ein Selbstläufer gewesen“.
North Carolina war Kahn zufolge ein weiterer eindeutiger Fall. Der republikanische Amtsinhaber Thom Tillis hatte im vergangenen Jahr nach einem öffentlichen Zerwürfnis mit Trump angekündigt, nicht zur Wiederwahl anzutreten. Trump habe „diesen Sitz im Grunde an die Demokraten verschenkt“.
Source: ORF · ORF.at
At a glance
- Topic
- World
- Country
- 🇦🇹 AT
- Publisher language
- DE
- Added to Allnira