„Everytime“
Eine brillante Reflexion über Trauer und Verlust, ein modernes Drama mit schmerzlich-schönen Bildern und einer herausragenden Birgit Minichmayr ist der neue Film der österreichischen Regisseurin Sandra Wollner. Zwischen der Lebensrealität einer alleinerziehenden Mutter in Berlin und einer surrealen Reise nach Teneriffa tun sich Fragen auf, die einen nicht mehr loslassen. „Everytime“ ist einer der besten Filme des Jahres und hatte bei der Viennale seine Österreich-Premiere.
Online seit heute, 11.29 Uhr
Familienleben in Berlin: Auf engem Raum wohnen Ella (Minichmayr), ihre 17-jährige Tochter Jessie (Carla Hüttermann) und die zehnjährige Mellie (Lotte Shirin Keiling) zusammen – die Mutter grantelt, der Teenager ist verliebt, die kleine Schwester nervt. Alles ganz normal, nicht für die große Leinwand in Szene gesetzt, man identifiziert sich.
Doch plötzlich endet der Alltag, der am Vorabend eines geplanten Familienurlaubs gezeigt wird, abrupt: Jessie stürzt von einem Dach und stirbt. Ihr Freund Lux (Tristan Lopez) war dabei, ihm geben alle die Schuld. Während das Leben von Ella, Mellie und Lux fundamental erschüttert ist, dreht sich die Welt um sie herum weiter – die Sonne geht auf, Menschen reden über Belanglosigkeiten, irgendwo muss Klopapier gekauft werden.
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Ein Jahr später haben alle drei einen Umgang mit ihrer Trauer gefunden. Mellie scrollt durch alte Nachrichten, Fotos und Videos ihrer Schwester und hat dadurch das Gefühl, ihr nahe zu sein. Ella gießt die Blumen an Jessies Grab mit stoischer Miene und probiert dieselben Drogen wie ihre verstorbene Tochter, um zu verstehen, was diese zuletzt gefühlt hat. Lux wiederum sucht die Nähe der beiden Hinterbliebenen und deren Vergebung.
Filmhinweis
„Everytime“ läuft auf der Viennale noch am 27. Oktober um 20.30 Uhr im Stadtkino im Künstlerhaus (Q&A nach dem Film).
Der im Rahmen des ORF-Film-/Fernsehabkommens koproduzierte Film startet am 27. November in den österreichischen Kinos.
Die Schuldfrage schwebt über dieser Konstellation, ohne sich bequem auflösen zu lassen. Wer war verantwortlich? Hätte sich der Tod verhindern lassen? Und was bedeutet Vergebung, wenn sich das Geschehene nicht rückgängig machen lässt?
Tage, die es nicht gab
Das merkwürdige Trio landet schließlich auf Teneriffa, an jenem Ort, an dem die Familie einmal gemeinsam Urlaub machen wollte. Die Reise ist ein Versuch, etwas nachzuholen, das es nicht mehr geben kann. Unter der flirrenden Sonne der Insel beginnen Vergangenheit und Gegenwart zu verschwimmen, und der Film kippt ins Surreale. Hotelzimmer und Poollandschaften wirken plötzlich wie Kulissen aus einem Traum, aus dem man lieber nicht erwachen möchte. Der Film endet in einer Parallelwelt, die viele Fragen aufwirft, gleichzeitig aber Hoffnung verspricht.
„Everytime“ hat bei den Filmfestspielen von Cannes den Preis für den besten Film der Sektion „Un Certain Regard“ gewonnen und wird als deutsch-österreichische Koproduktion von Deutschland ins Rennen um die Oscars 2027 geschickt. Das ist bemerkenswert, weil Regisseurin Wollner es ihrem Publikum nicht gerade leicht macht. Eine klassische Geschichte über Trauer, Bewältigung und Heilung sollte man nicht erwarten, denn Wollner verweigert einfache Antworten und lässt ihren Figuren den Raum, sich in der aus den Fugen geratenen Welt unkonventionell zu positionieren.
Herzzerreißend und mutig
Im Zentrum steht die herausragende Charakterdarstellerin Minichmayr, ihre signifikante Stimme hört man zu Beginn des Films bereits vor dem ersten Bild. Doch es sind nicht ihre Worte, sondern die Blicke und Bewegungen, die überzeugen. An ihrer Seite wird Keiling als Mellie zur eigentlichen Entdeckung des Films. Ein Kind, das den Verlustschmerz auf seine ganz eigene Art bewältigt, ganz sicher nicht nach den Regeln der Erwachsenen.
Herzzerreißend und voller überraschender Kunstgriffe gegen gängige Seh- und Erzählgewohnheiten ist „Everytime“ ein mutiger Film, der unbequem lange im Gedächtnis bleiben wird. Zum Glück gibt es nach den Vorstellungen bei der Viennale Gelegenheit für Fragen und Antworten.
Source: ORF · ORF.at
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