Hoffnung in Frontstadt

Am Freitag haben in der von Russland besetzten Frontstadt Oleschky die Evakuierung und die Lieferung von Hilfsgütern begonnen. Die seit drei Tagen haltende lokale Feuerpause ermöglichte den Einsatz in der Stadt, die zuvor de facto ausgehungert worden war. Russland dämpfte zugleich Hoffnungen, die Feuerpause könnte ein Vorbild für weitere Friedenspläne sein.

Online seit heute, 13.47 Uhr

Die Feuerpause war durch Papst Leo XIV. und die First Lady der USA, Melania Trump, vermittelt worden und bezog Russland und die Ukraine ein. Am Freitag traten die russische Menschenrechtsbeauftragte Jana Lantratowa und ihr ukrainischer Amtskollege Dmytro Lubinez in Oleschky gemeinsam vor die Presse. Lubinez sagte, jeder und jede Hilfsbedürftige werde unterstützt. Lantratowa sagte, die Einwohner sollten Lebensmittel, Hygieneprodukte, medizinische Güter und Treibstoff erhalten. Wer wolle, könne in die Ukraine oder nach Russland ausreisen.

Zuvor waren 25 Busse mit mehr als 750 Plätzen bereitgestellt worden. Begleitet werde die Kolonne von neun Krankenwagen für den Transport von Bettlägrigen. Haustiere könnten in Käfigen mitgenommen werden.

Anzahl unklar

Wie viele Menschen in welche Richtung die Stadt verlassen oder in Oleschky bleiben wollten, war weiter unklar. Der ukrainische Ministerpräsident Serhij Korezkyj sagte im Parlament in Kiew, die Evakuierungsroute führe über Russland nach Belarus. Von dort aus sollten die Menschen über die ukrainischen Regionen Kiew und Tschernihiw in die Ukraine einreisen, wie die Nachrichtenagentur Interfax Ukraine meldete. Weitere Details zu der Route nannte der Regierungschef nicht.

Karte zeigt die russisch kontrollierten Gebiete um der Stadt Oleschky, in der seit Kurzem eine Waffenruhe in Kraft getreten ist.

Desaströse Lebensbedingungen

Oleschky liegt am Dnipro-Ufer gegenüber der Großstadt Cherson und wurde kurz nach Beginn der russischen Invasion im Februar 2022 von russischen Truppen eingenommen. Russland nutzt die Stadt als Ausgangspunkt für Angriffe Richtung Cherson, die Ukraine wiederum beschießt die Stellungen der Russen in und um die Stadt. Durch die Zerstörung des Kachowka-Staudamms wurde die Stadt 2023 überflutet. Die Einwohner litten zuletzt unter katastrophalen Lebensbedingungen.

Zwischen 1.700 und 2.000 Menschen sind derzeit noch in der Stadt, die vor dem Krieg rund 24.000 Einwohner und Einwohnerinnen zählte. Die humanitäre Lage ist prekär, es fehlt an Essen und medizinischer Versorgung, an Strom, Gas und fließendem Wasser. Einige Bewohner mussten nach eigenen Angaben an manchen Tagen mit einer Tasse Reis oder Buchweizen auskommen. Zur Beschaffung von Wasser und Lebensmitteln riskierten sie ihr Leben auf verminten Wegen.

der ukrainische Human-Rights-Botschafter Dmytro Lubinets und die russische Human-Rights-Botschafterin Yana Lantratova im Gespräch mit Journalisten
Lantratowa und Lubinez am Freitag in Oleschky

Für Kreml ein Einzelfall

Vor dem Start der Hilfsaktion wurde das Gebiet von Minen geräumt, wobei laut Lantratowa zwei Personen ums Leben kamen. Die auf sechs Tage angelegte Waffenruhe hält dem ukrainischen Menschenrechtsbeauftragten Lubinez zufolge bereits mehr als drei Tage – ein Novum seit Kriegsbeginn für einen so langen Frontabschnitt.

Eine vergleichbare Zusammenarbeit beider Seiten in dem vor mehr als viereinhalb Jahren von Russland begonnenen Krieg ist bisher nicht bekannt. Doch der Kreml dämpfte umgehend und ausdrücklich Hoffnungen auf Perspektiven für einen Frieden.

Bei der mit den USA abgestimmten Feuerpause in Oleschky handle es sich um einen Einzelfall, der nicht auf den allgemeinen Friedensprozess in der Ukraine übertragen werden dürfe, sagte Präsidialamtssprecher Dmitri Peskow am Freitag im russischen Staatsfernsehen.

Angriffe setzen sich fort

Andernorts gingen die Kämpfe mit unverminderter Härte weiter. Am Freitag nahm Russland nach eigenen Angaben Energieinfrastruktur in und um Kiew sowie Hafenanlagen in der Region Odessa ins Visier. Mehr als 1.000 ukrainische Drohnen über russischen Regionen seien abgeschossen worden, teilte Russland mit. Angriffe auf russische Ölraffinerien setzte die Ukraine einem Zeitungsbericht zufolge auf Druck von US-Präsident Donald Trump aber aus.

Die inoffizielle Unterbrechung der Angriffe habe Anfang vergangener Woche begonnen und werde voraussichtlich bis nach den US-Zwischenwahlen am 3. November und möglicherweise noch bis später im November andauern, berichtete das „Wall Street Journal“ unter Berufung auf Insider.

Source: ORF · ORF.at

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