Bolsonaro auf Flucht
Zuerst floh er illegal in die USA, dann sprach er von Wahlbetrug und erklärte sich zum wahren Präsidenten Brasiliens: Das Vorgehen von Flavio Bolsonaro stößt dieser Tage auf viel Empörung, Spott und Kritik – auch aus den eigenen Reihen.
Online seit heute, 21.27 Uhr
Die US-Regierung etwa will sich Insidern zufolge nicht dem Anspruch Bolsonaros auf die Führung seines Landes anschließen. Präsident Donald Trump habe derzeit nicht vor, die politische Ambitionen des Rechtspopulisten zu unterstützen, sagten zwei Insider am Donnerstag.
Nach der Wahl am Sonntag hatte Trump erklärt, es sehe danach aus, als ob bei der Abstimmung manipuliert worden sei. Zugleich betonte er, sich nicht einmischen zu wollen und keinen der Kandidaten offiziell unterstützt zu haben. Auch erklärte er, ein gutes Verhältnis zum Wahlsieger Luiz Inacio Lula da Silva zu pflegen.
Kritik aus dem eigenen Lager
Kritik an Bolsonaros unbelegten Wahlbetrugsvorwürfen kam am Donnerstag auch aus dem eigenen politischen Lager. Laut dem Vorsitzenden seiner rechten Partei PL, Valdemar Costa Neto, hat niemand den offenen Brief Bolsonaros gebilligt.
Auch Bolsonaros früherer Wahlkampfkoordinator Rogerio Marinho wies die Betrugsvorwürfe zurück. „Die PL kann diese Behauptung nicht aufstellen, und ich kann sie ebenfalls nicht aufstellen, denn es gibt keine Beweise dafür“, sagte er. Tarcisio de Freitas, der Gouverneur von Sao Paulo und ein wichtiger Verbündeter Bolsonaros, forderte, das Wahlergebnis zu respektieren.
Berichte: Brief mit ChatGPT erstellt
Bolsonaro hatte nach seiner Wahlniederlage gegen Präsidenten Lula da Silva einen Brief veröffentlicht, in dem er die Wahl als „abscheulichen Wahlbetrug“ bezeichnete und sich zunächst zum „wahren“ und „gewählten Präsidenten“ des größten und wirtschaftsstärksten Landes in Lateinamerika erklärte. Später änderte er die Formulierung in „Anführer“ Brasiliens, hielt aber an seinen Vorwürfen fest.
Stichwahlergebnisse
Bei der Stichwahl am Sonntag hatte der linksgerichtete Amtsinhaber Lula da Silva 51,8 Prozent der Stimmen erhalten, Bolsonaro kam auf 48,2 Prozent.
Wie der „Guardian“ am Freitag berichtete, soll die Änderung auf Druck der US-Regierung erfolgt sein. Zudem soll Bolsonaro den Brief mit ChatGPT erstellt haben, was sich etwa im falschen Wappen ausdrückte: „In dem geänderten Schreiben wurde auch das veraltete brasilianische Wappen aktualisiert, das fälschlicherweise im Briefkopf der ersten Version verwendet worden war und sich auf die ‚Vereinigte Staaten von Brasilien‘ bezog – ein Name, den das südamerikanische Land seit 1967 nicht mehr verwendet“, so der „Guardian“.
„Welle von Spott“ in brasilianischen Medien
Bolsonaro sei in den brasilianischen Medien dafür mit einer „Welle von Spott“ überzogen worden. Von einem „verrückten Dummkopf“ und einem „Irrenhaus-Napoleon“ sei da die Rede sowie von einer „unmöglich zu ignorierenden Peinlichkeit“.
Auch die überstürzte Flucht Bolsonaros sei auf harsche Kritik gestoßen. Diese würde einmal mehr den „wahren Charakter der autoritären, ignoranten und inkompetenten Familie Bolsonaro“ offenbaren, so die Berichte. Während die einen in den Ereignissen der vergangenen Tage das Ende des Bolsonarismus sehen würden, meinten andere wiederum, dass dieser trotz allem eine starke politische Kraft bleiben würden.
Berichte: Hilfe aus USA bei Flucht
Bolsonaros Entscheidung zur Flucht fiel laut Insidern jedenfalls in letzter Minute, nachdem ein Richter des Obersten Gerichtshofs in Brasilien die Einziehung seines Passes angeordnet hatte. Gegen ihn wird wegen mutmaßlicher Geldwäsche ermittelt, er bestreitet die Vorwürfe.
Ein Berater Trumps soll einem Insider zufolge bei der Organisation der Flucht geholfen haben. Den US-Tageszeitungen „Wall Street Journal“ und „New York Times“ zufolge wurde das Flugzeug von Jason Miller, einem Berater von Trump, gechartert. Das Weiße Haus äußerte sich dazu nicht. Auf Empfehlung von US-Außenminister Marco Rubio habe Trump der Einreise Bolsonaros zugestimmt. Die US-Behörden erteilten ihm und den Familienangehörigen in seiner Begleitung vorläufige Aufenthaltserlaubnisse.
Auch Flavio Bolsonaors Vater, Ex-Präsident Jair Bolsonaro, war nach seiner Niederlage gegen Lula da Silva 2022 in die USA gereist und hatte sich geweigert, das Ergebnis anzuerkennen. Nach seiner Rückkehr nach Brasilien wurde er wegen Planung eines Putschversuchs zu 27 Jahren Haft verurteilt.
Source: ORF · ORF.at
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