SOS-Kinderdorf
Wenige Tage vor der ORF-Dokumentation über das Leben von SOS-Kinderdorf-Gründer Hermann Gmeiner haben die SOS-Kinderdörfer einen entscheidenden Schritt getan: Sie schreiben wie von der Reformkommission empfohlen per 1. November eine historische Studie zur eigenen Organisationsgeschichte aus, die nicht zuletzt die Missbrauchsvorwürfe gegen den Gründer Gmeiner untersuchen soll. Wie das System Gmeiner funktionierte, legt die Dokumentation in Grundzügen offen.
Online seit heute, 13.48 Uhr
Als eine „Lichtgestalt“ der Zweiten Republik wurde Gmeiner bis über seinen Tod 1986 hinaus gepriesen. Seine SOS-Kinderdorf-Idee, die er mit Mitstreitern und Mitstreiterinnen 1949, in den Nachkriegsjahren im ärmlichen Tirol, in die Welt gesetzt hatte, brachte Einrichtungen, die elternlosen Kindern einen Familienverbund bescherten. Zu „Inseln der Liebe“ wurden Gmeiners Einrichtungen er- und teilweise verklärt, nach der Erwartung vieler sollte er gar den Friedensnobelpreis bekommen.
Viele Jahrzehnte waren die weltweit entstandenen Kinderdörfer Teil der österreichischen Identität, die Schuldfragen nach 1945 gerne hinter die zelebrierte Haltung der Hilfe und Nächstenliebe schob. Bei internationalen Staatsbesuchen sah man Ehefrauen von Staatsmännern beim Besuch der SOS-Kinderdorf-Einrichtungen vor winkenden, dankbaren Kindern, die Gedichte vortrugen.
Wende im öffentlichen Ansehen
Seit 2025 hat die Öffentlichkeit Kenntnis von den Schattenseiten von Gmeiners Konzept, das nicht nur Missbrauch, sondern ebenso die Vertuschung von Missbrauch begünstigte. Die Idee, Kindern, die ohne Eltern aufwachsen, ein Zuhause und eine Familie zu geben, wurde durch die Societas Socialis (SOS) auf die Grundlage einer eigenen Deutung der katholischen Soziallehre gestellt. Der früh mutterlose Gmeiner machte alleinstehende, zölibatär lebende Mütter zum Kern seiner Kinderdorf-Welt.
„Bevor ich mich mit der ganzen SOS-Kinderdorf-Sache näher befasst habe“, so die Vorsitzende der SOS-Kinderdorf-Reformkommission, die frühere Richterin Irmgard Griss, „war auch für mich der Hermann Gmeiner derjenige, der diese wunderbare Idee hatte, Kinderdörfer zu gründen“. Ein anderes Bild habe da nicht Platz gehabt. „Von dem, was wir heute wissen“, so Griss in der ORF-Dokumentation, „hat er Kinder sexuell missbraucht.“
TV-Hinweis
Die „Menschen & Mächte“-Dokumentation „Hermann Gmeiner und die SOS-Kinderdorf-Idee: Wie ein Retter zum Täter wurde“ ist am Donnerstag um 22.30 Uhr in ORF2 und ORF ON zu sehen.
Konstruktion eines Gesamtbildes
Einer, der die Kinderdorf-Idee am längsten mit Studien untersucht hat, ist der Historiker Horst Schreiber. In der Dokumentation von Robert Gokl erinnert er an die bewusste Konstruktion des Mythos der Kinderdörfer, nicht zuletzt den Bezug auf Gmeiners arme, aber glückliche Kindheit.
„Einerseits“, so Schreiber, sei das immer eine „bewusste Marketingstrategie“ des Medientalents Gmeiner gewesen: „Auf der anderen Seite ist die Konstruktion aber das Ergebnis eines traumatisierten Kindes, das im Alter von fünf Jahren die Mutter verliert, als die das neunte Kind zur Welt bringt.“ In Interviews verklärte Gmeiner seine Mutter immer wieder als Vorbild für „unbeirrbare Pflichterfüllung und aufopfernde Fürsorge für ihre Familie“.
Uneingeschränkter Herrscher
Für sich selbst und für SOS-Kinderdorf stellte Gmeiner sein Heranwachsen als das Werden eines Menschen vor, der gerade aus der Kargheit und Liebe seines Umfeldes Großes leisten wollte. Tatsächlich verabschiedete sich Gmeiner auch rasch aus dem Gründungskreis und wurde durch seine Überzeugungsgabe zum uneingeschränkten Herrscher der Kinderdorf-Idee. Spendeten zunächst die Ärmeren und einfacheren Menschen, zog er bald eine Mediengesellschaft in den Bann und verbreitete seine Idee weltweit.
„Es war kein Problem, gute Mütter zu finden“
Von Anfang an dokumentierte Gmeiner alle Schritte seiner Kinderdorf-Idee filmisch, auch, wie er zu Beginn die Mütter rekrutierte. „Es war ja nach dem Krieg, und es gab viele Frauen, die alleinstehend waren und einen Beruf, eine Existenz gesucht haben, die kinderliebend waren“, so Gmeiner: „Es war kein Problem, gute Mütter zu finden.“
Tatsächlich fanden Mütter in den Kinderdörfern eine Berufung und viele Kinder eine Heimat. Doch es gab auch andere Fälle, die eben nicht ans Licht der Öffentlichkeit kamen, sondern genau in dem von Gmeiner geschaffenen System intern verhandelt wurden, wie der 170-seitige Bericht der Kommission zeigt.
Kinderdörfer als Ersatzfamilie
Gmeiner, so erinnert Schreiber, habe sich als „auserwählt“ und „Werkzeug Gottes“ gesehen. Die Selbstüberhöhung habe auch eine Leere bei Gmeiner zugedeckt. Er konstatiert bei ihm eine starke Homoerotik, die nicht in das eigene Glaubensbild gepasst habe. Genau das habe sich Gmeiner nicht zustehen können, wobei genau das entscheidend gewesen wäre, „wenn man im Sozialbereich mit Kindern und Jugendlichen arbeitet“.
„Welche Mängel“, so fragt auch Griss, hätten im System bestanden, dass man die Übergriffe Gmeiners, aber auch anderer „so lange unter der Decke gehalten“ habe. Gmeiner sei als heroische Gestalt immer vorne gestanden. Kolportiert wurde auch Gmeiners eigener Führungsstil, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mitzureißen. Oft, so heißt es, sei eine Rede Gmeiners bedeutsamer gewesen als eine Prämie.
Opfer nicht erneut traumatisieren
Die Aufarbeitung, die die Reformkommission mit der Vorlage ihres Berichts im Juni gefordert hat, solle nicht zuletzt auch dem Schutz der Opfer dienen, damit diese nicht noch einmal vor den Vorhang der Öffentlichkeit gezogen würden, aber auch mit Respekt vor der Arbeit all jener Menschen, die im Sinne der sozialen Idee der Kinderdörfer ihre Arbeit leisteten.
„Mit unserem Bericht wollen wir die schon laufenden Bemühungen unterstützen, die Organisation zu reformieren“, heißt es im Bericht der Reformkommission: „Eine erfolgreiche Reform setzt voraus, dass Schwachstellen analysiert und die Mitarbeitenden gehört und eingebunden werden.“
SOS verpflichtet sich zur offenen Aufarbeitung
Wie SOS-Kinderdorf Österreich mitteilte, wird eine internationale wissenschaftliche Studie ausgeschrieben, in der die Organisationsgeschichte aufgearbeitet und insbesondere die Missbrauchsvorwürfe gegen Gmeiner sowie der Umgang damit untersucht werden sollen. Einbezogen sind auch alle internationalen Teile der SOS-Kinderdörfer – mehr dazu in tirol.ORF.at.
Im Blickpunkt steht nach Angaben der Organisation auch die Frage, welche institutionellen Strukturen Gewalt und Missbrauch ermöglichten und deren Aufdeckung verhinderten. In der Vergangenheit hatte SOS-Kinderdorf nach Missbrauchs- und Misshandlungsvorwürfen in Tirol und Kärnten zwei Studien beauftragt, die Ergebnisse aber für sich behalten. Erst durch die Veröffentlichung im „Falter“ waren die Missstände ans Licht gekommen.
Source: ORF · ORF.at
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