Auszählungskrimi

Den Erdrutschsieg bei den US-Midterms haben die Demokraten vor allem ihren Erfolgen in vielen republikanischen Hochburgen zu verdanken, etwa Texas und Kansas. Ob ihre Mehrheit im Senat noch eindeutiger ausfällt, steht noch aus. Allerdings bahnt sich im erzkonservativen Bundesstaat Mississippi eine Sensation an: Der Demokrat Scott Colom könnte dort der erste demokratische Senator in über 40 Jahren sowie der erste schwarze Senator in dem Südstaat seit den 1880er Jahren werden. Geschafft hat er das auch mit einem auffälligen Wahlkampf.

Online seit heute, 15.45 Uhr

Mit diesem knappen Rennen wurde Mississippi – recht unüblich für den Staat im Süden – in den letzten Tagen zum „nationalen Spotlight“, wie CNN berichtete. Mit Stand Samstag führte Colom laut Daten mehrerer US-Medien bei einem Auszählungsstand von mehr als 95 Prozent mit über 2.000 Stimmen vor der republikanischen Amtsinhaberin Cindy Hyde-Smith – also „too close to call“ wie es in den USA heißt.

Das enge Rennen veranlasste viele Parteifunktionäre, Anwaltsteams, Aktivistinnen und Aktivisten sowie Content-Creators, nach Mississippi zu strömen, um der Überprüfung Tausender Stimmzettel beizuwohnen und sich auf mögliche rechtliche Anfechtungen der Endergebnisse vorzubereiten.

Scott Colom bei einer Pressekonferenz
Colom konnte mit seiner Kampagne im tiefroten Mississippi reüssieren

Das Warten könnte sich noch länger hinziehen, da die Frist für die Annahme von Briefwahlstimmen in jedem Bezirk erst am Dienstag abläuft. Ob ein Ergebnis dann schon feststehen wird, ist fraglich. Mit einem vorläufigen Endergebnis wird voraussichtlich am kommenden Freitag zu rechnen sein.

„Lieber einen anderen Senator aussuchen“

US-Präsident Donald Trump konnte bei der Präsidentschaftswahl 2024 mit etwa 23 Prozentpunkten Vorsprung den tiefroten Bundesstaat Mississippi haushoch für sich entscheiden. Die ihm nahestehende republikanische Senatorin Hyde-Smith galt daher als klare Favoritin für eine weitere Amtszeit. Ein Wahlwerbespot Coloms beflügelte jedoch die Kampagne des Demokraten.

In dem etwa 30 Sekunden langen Video sieht man Hyde-Smith in einem Interview, wo es unter anderem um die steigenden Rindfleischpreise geht. Als diese sagt, „man hat ja so viele Proteinquellen zur Auswahl“, schneidet das Video zu einem Mann, der Burger grillt. Dieser antwortet: „Ein anderes Protein wählen? Da würde ich mir lieber einen anderen Senator aussuchen.“

Spenden und prominente Unterstützung

Kurz nach der Erstausstrahlung des Spots investierte der demokratische Super-PAC Senate Majority PAC, der wichtigste Super-PAC für demokratische Senatskandidatinnen und -kandidaten, laut „New York Times“ 1,2 Millionen Dollar (1,08 Mio. Euro) in Coloms Wahlkampf, später folgte eine weitere Million Dollar. Ein Super-PAC ist ein politisches Komitee, das unbegrenzt Spenden für den Wahlkampf sammeln darf.

Prominente Unterstützung bekam Colom auch von den ehemaligen demokratischen Präsidenten Barack Obama und Bill Clinton sowie Ex-Vizepräsidentin Kamala Harris. Die Senatoren Cory Booker aus New Jersey und Raphael Warnock aus Georgia absolvierten gemeinsame Wahlkampfauftritte mit dem 43-jährigen Bezirksstaatsanwalt Colom.

Unter republikanisches Wahlvolk gemischt

Zudem verfolgte der Demokrat seine eigene Strategie: Eine Woche vor den Midterms nahm er an einer Wahlkampfveranstaltung von US-Präsident Trump mit der republikanischen Senatorin Hyde-Smith in Mississippi teil. Dabei mischte er sich unter das Wahlvolk, um mit den Menschen über Themen wie hohe Spritpreise, Lebensmittelkosten und Gesundheitsversorgung zu diskutieren.

Donald Trump und Cindy Hyde-Smith bei einer Wahlkampfveranstaltung in Corinth, 26. Oktober 2026
Trump erschien kurz vor den Midterms bei einem Wahlkampfauftritt der republikanischen Senatorin Hyde-Smith

Starke Unterstützung durch schwarze Bevölkerung

Laut „New York Times“ punktete Colom vor allem bei den schwarzen Einwohnerinnen und Einwohnern von Mississippi. Diese Bevölkerungsgruppe macht in etwa 37 Prozent des Bundesstaates aus, das ist der höchste Anteil schwarzer Amerikanerinnen und Amerikaner in allen US-Bundesstaaten. Die schwarzen Wählerinnen und Wähler sind in der Regel stark den Demokraten zugeneigt.

Laut den von der „New York Times“ zusammengestellten Wahldaten erzielte Colom in überwiegend von Schwarzen bewohnten Bezirken die größten Vorsprünge. Sollte er gewinnen, wäre er Mississippis erster schwarzer Senator seit den 1880er Jahren und der Zeit nach dem Ende der Sklaverei.

Weiterer Krimi in Alaska

Ein weiterer Auszählungskrimi findet im ebenfalls überwiegend konservativen Alaska statt. Nach Angaben mehrerer US-Medien liegt die demokratische Senatskandidatin Mary Peltola nach Auszählung von rund 75 Prozent der Stimmen knapp vor dem republikanischen Amtsinhaber Dan Sullivan. Aufgrund eines speziellen Wahlsystems wird sich die Stimmenauszählung in Alaska wohl noch länger hinziehen.

Wegen der noch laufenden Auszählungen einer Reihe von Sitzen im Repräsentantenhaus lag das offizielle Endergebnis der Kongresswahlen noch nicht vor. Allerdings lässt sich am Erdrutschsieg der Demokraten nicht mehr rütteln. Im Senat haben die Demokraten nach bisherigen Auszählungen eine klare Mehrheit von 54 zu 44 Sitzen, Mississippi und Alaska sind noch offen. Und auch im Repräsentantenhaus liegen sie mit Stand Samstag mit 254 zu 162 Sitzen deutlich voran, 19 Sitze sind noch nicht entschieden.

Source: ORF · ORF.at

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