Die Zahl der Anträge auf Einbürgerung in Deutschland wegen Wiedergutmachung steigt in Deutschland stark an. Das zeigt eine Statistik des Bundesverwaltungsamts, die die Nachrichtenagentur KNA erfragt hat. Demnach erhielt die Behörde in den vergangenen Jahren demnach mehr als 170.000 Anträge auf Einbürgerung von ehemals durch die Nazis verfolgten Menschen aus aller Welt oder deren Nachfahren.
Für die Wiedergutmachungs-Einbürgerungen ist das Bundesverwaltungsamt zuständig. Die Einbürgerungen stehen laut Grundgesetz Personen und deren Nachkommen offen, die von den Nazis ausgebürgert wurden. Seit 2021 ist der Kreis der Berechtigten auf Personen und deren Nachkommen erweitert, die wegen NS-Verfolgung nie die deutsche Staatsbürgerschaft erwerben konnten. In den meisten Fällen handelt es sich um im Holocaust verfolgte Juden.
Absolute Mehrheit aus Israel – seit dem Hamas-Angriff
Der Soziologe Lukas Fuchs vom Deutschen Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM) spricht von einem »unglaublichen Anstieg an Popularität«.
Dass sich Menschen überhaupt für eine Wiedergutmachungs-Einbürgerung interessieren, hat laut Fuchs häufig geopolitische Gründe. Zunächst sei nach dem Brexit, also dem Austritt Großbritanniens aus der EU im Jahr 2020, die deutsche Staatsangehörigkeit für viele britische Juden mit deutschen Wurzeln interessant gewesen. Sie wollten einen EU-Pass behalten. Auch hätten sich nach Donald Trumps Wahl zur zweiten Amtszeit als US-Präsident vermehrt Amerikaner mit deutsch-jüdischen Wurzeln dafür interessiert.
»Aber die absolute Mehrheit der Antragsteller kommt im Moment aus Israel«, sagt Fuchs. »Da sieht man ab 2023 einen enormen Anstieg.« Am 7. Oktober 2023 griff die terroristische Hamas Israel an; es folgte der Gazakrieg. »Im Großteil der Fälle ist es eine Absicherung. Es hat sich in der jüdischen Geschichte bewährt, einen Plan B zu haben. In den Dreißigerjahren wollten die meisten Länder jüdische Flüchtende nicht aufnehmen. Das ist bei vielen noch präsent.«
Zudem habe Deutschland gerade bei Antragstellern in Israel, die noch nie in Deutschland waren, ein positives Image als liberale Demokratie und pluralistisches Land. Viele junge Menschen fänden es auch attraktiv, die deutsche Staatsbürgerschaft zu nutzen, um in Europa unkompliziert studieren zu können. »Das kann auch einer der Hintergrundgedanken sein, mit denen Eltern oder Großeltern diese Pässe für ihre Familie beantragen«, sagt der Experte.
Source: Der Spiegel · DER SPIEGEL
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