Russlands Präsident Putin und Chinas Staatschef Xi beim Abschreiten einer Ehrengarde in Peking im Mai 2026: Freundschaft mit strategischem Kalkül
Foto:Maxim Shemetov / REUTERS
Wenn die chinesische und russische Rüstungselite in diesem Dezember in Sankt Petersburg zusammenkommt, werden die Militärs und Vertreter von Waffenherstellern einiges zu besprechen haben. Sie reisen zum sechsten Treffen des »Russisch-Chinesischen Forums für Militärtechnik« an, einem Abstimmungsformat, das bis zu diesem Sommer öffentlich nicht bekannt war.
Die Teilnehmer früherer Veranstaltungen mussten sich vorab verpflichten, keine Informationen über Inhalte des Forums weiterzureichen. Selbst die Programmhefte mussten sie am Ende der Veranstaltung wieder zurückgeben. Nichts sollte nach draußen dringen.
Entsprechend groß war das Aufsehen, als der SPIEGEL, die französische Zeitung »Le Monde« und das russische Investigativportal »The Insider« im Juli erstmals über die militärtechnischen Arbeitstreffen berichteten – und konkrete gemeinsame Planungen aus den Vorjahren, etwa eine russisch-chinesische Anti-Starlink-Allianz, enthüllten.
Besucher am Norinco-Stand auf der Luftfahrtmesse 2024 im südchinesischen Zhuhai: Russisches Wissen für Chinas Waffen
Foto: Tingshu Wang / REUTERSDie Materialien fielen auch Analysten der Washingtoner Forschungsorganisation Center for Advanced Defense Studies (C4ADS) auf, die anhand öffentlich verfügbarer Daten unter anderem zu Sanktionsumgehungen forschen. Die Denkfabrik, die überwiegend vom US-Außenministerium und Stiftungen finanziert wird, veröffentlicht nun einen neuen Bericht über die immer engere chinesisch-russische Kooperation bei modernen konventionellen Waffensystemen. Der Report lag dem SPIEGEL und »The Insider« vorab vor.
Der Bericht mit dem Titel »Eine Vernunftehe? Verheißungen und Fallstricke der chinesisch-russischen Zusammenarbeit bei fortschrittlichen konventionellen Waffen« kommt zu dem Ergebnis, dass die Kooperation bei Kriegsgütern erheblich umfassender und strategischer geworden ist. Kurzfristig würden chinesische und russische Unternehmen ihre Produktion und Lieferketten abstimmen, um die kriegsbedingte Nachfrage der russischen Rüstungsindustrie nach Dual-Use-Gütern, also Gütern, die sowohl zivil als auch militärisch genutzt werden können, zu decken, heißt es darin. Schon jetzt sei China der wichtigste Lieferant, um Russlands Rüstungsmaschinerie am Laufen zu halten.
Zugleich sei China der »wichtigste Partner Russlands bei der Umgehung von Sanktionen«. Der Nachbar im Osten liefere hochmoderne chinesische Waren und Güter und diene als Umschlagplatz für westliche Technologie, auf die Russland aufgrund der Sanktionen nicht mehr direkt zugreifen könne.
Technik für künftige Konflikte
Laut dem Bericht wollen China und Russland mittelfristig noch enger zusammenarbeiten. Geplant sei, gemeinsam neue konventionelle Waffen zu erforschen und ihre strategischen Fähigkeiten auszubauen und besser miteinander zu verzahnen. Dabei wollten Peking und Moskau »technologische Rückstände gegenüber rivalisierenden Streitkräften aufholen, die Abhängigkeit von westlicher Technik verringern und gegenseitiges Vertrauen aufbauen, mit Blick auf mögliche bewaffnete Konflikte mit strategischen Rivalen in den kommenden Jahren.«
Russlands Präsident Wladimir Putin und der chinesische Staats- und Parteichef Xi Jinping hatten kurz vor der russischen Vollinvasion im Februar 2022 von einer Freundschaft »ohne Grenzen« und ohne »verbotene Bereiche« gesprochen. Eine militärische Unterstützung des russischen Angriffskriegs weist Peking jedoch zurück: China beteuert offiziell stets, keine tödlichen Waffen an Russland zu liefern, Dual-Use-Güter streng zu kontrollieren und sich im Ukrainekonflikt neutral zu verhalten. Anderslautende Vorwürfe seien »Falschinformationen«.
Start einer Rakete mit Starlink-Satelliten im September 2026: Ein Netzwerk im Visier Moskaus und Pekings
Foto: SPACEX / UPI / ddpWie eng die Zusammenarbeit ist, zeigen die C4ADS-Autoren anhand von neuen Fallbeispielen. Eines davon greift auch Dokumente auf, über die der SPIEGEL und »The Insider« im Sommer berichtet hatten.
Es geht dabei um Drohnen und um neuartige Methoden, diese weit hinter die feindlichen Linien zu bringen – etwa als Beiladung einer Feststoffrakete, die die Drohne erst im Zielgebiet freisetzt.
Die russische Rüstungsindustrie verfolgte diese Idee bereits vor mehr als 20 Jahren. Der Rüstungsbetrieb Splav in Tula, der unter anderem den Mehrfachraketenwerfer Smerch produziert, stellte schon 2004 ein System vor, bei dem eine 300-Millimeter-Rakete eine Aufklärungsdrohne ins Zielgebiet trägt. Ein Smerch-Raketenwerfer konnte die Drohne nach Herstellerangaben mithilfe dieser Rakete in kürzester Zeit in ein 90 Kilometer entferntes Zielgebiet bringen.
Wissenstransfer zwischen Rüstungskonzernen
Die Drohne hatte vier Flügel, die sich nach der Trennung von der Rakete entfalteten. Sie sollte exakte Zieldaten sammeln und liefern, damit derselbe Raketenwerfer die aufgeklärten Ziele ohne Zeitverzug bekämpfen konnte. 2005 wurde das System bei einer Rüstungsmesse in Abu Dhabi vorgestellt. Ein Splav-Chefkonstrukteur sagte 2017 der russischen Nachrichtenagentur Tass, die »Drohne in der Rakete« sei fertig entwickelt und warte auf Kunden.
Von C4ADS ausgewertete russische Handelsdaten legen nahe, dass China Wissen über das Waffensystem erhielt. Demnach übermittelte der russische Konzern Splav dem staatlichen chinesischen Rüstungskonglomerat Norinco zwischen 2014 und 2015 technische Dokumentationen zu einer »Aufklärungsrakete«. Weitere Unterlagen folgten offenbar 2022.
Das ist deshalb brisant, weil die chinesische Regierung 2025 eine ähnliche, allerdings erheblich weiterentwickelte Waffe vorgestellt hat. Es handelt sich um eine Aufklärungs- und Angriffsdrohne, die von einem chinesischen Raketenwerfer des Typs SR-5 starten kann – der von Norinco hergestellt wird. Auch die chinesische Drohne ist ein Starrflügler, dessen Tragflächen erst nach dem Start ausklappen. Anders als beim russischen Modell hat die moderne chinesische Drohne aber selbst einen Feststoff-Raketenbooster, der sie in Zielnähe trägt, wo sie sich mit einem zusätzlichen Elektroantrieb weiterbewegen kann.
Straße von Taiwan im Blick?
Die »dokumentierten Wissenstransfers von SPLAV« hätten die Entwicklung der Waffe bei Norinco beschleunigt, folgern die C4ADS-Analysten. Ihre Einschätzung beruhe »vor allem auf der funktionalen Gleichwertigkeit der betreffenden Systeme.«
Brisant erscheint ihnen auch, dass ein Referent der chinesischen Volksbefreiungsarmee beim russisch-chinesischen Militärtechnik-Forum im Jahr 2023 eine Folie präsentierte, auf der ein Raketenwerfer Starrflüglerdrohnen im Schwarm über eine Meerenge hinweg ins Ziel schickt. Es handle sich wahrscheinlich um eine Grafik, die darstelle, wie die chinesische Volksbefreiungsarmee diese Systeme bei militärischen Operationen über die Taiwanstraße einsetzen würde, so der C4ADS-Report.
Die enge Rüstungskooperation verlaufe allerdings nicht problemlos – immerhin handle es sich um eine ungleiche Beziehung. China kooperiere mit Russland nur dort, wo es den eigenen »technonationalistischen Ambitionen« nicht widerspreche. Peking benötige »den Zugang zu amerikanischen und westlichen Märkten, zu Kapital und Technologie mehr, als es Russland braucht.« Zudem sei die verstärkte Kooperation weiter von »Misstrauen« geprägt. So wirkte auf russischer Seite der Vorwurf des Technologiediebstahls nach: Der staatliche Rüstungskonzern Rostec hatte China 2019 öffentlich beschuldigt, innerhalb von 17 Jahren mehr als 500 Mal russische Waffensysteme illegal kopiert zu haben, darunter Flugzeugtriebwerke und Luftverteidigungssysteme.
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Wie weit die gemeinsamen Überlegungen trotz dieses Misstrauens reichen, zeigen die Pläne gegen Starlink: Zwei Mitarbeiter des chinesischen Konzerns China Aerospace Science and Technology Corporation hatten beim »Russisch-Chinesischen Forum für Militärtechnik« im November 2023 über »Gegenmaßnahmen« gegen den dominierenden Satelliten-Internetanbieter von Elon Musk referiert, da dieser dem Westen einen »Gefechtsvorteil« verschaffe. Man könne Starlink etwa durch Cyberangriffe stören oder verlangsamen. Als weitere Möglichkeit nannten die Referenten, die »gegnerischen Satelliten im Orbit zu zerstören«.
Wie empfindlich solche Einschränkungen die moderne Kriegsführung treffen können, erfährt derzeit das ukrainische Militär: Die Nutzung der militärischen Starlink-Variante Starshield ist bei hohen Fluggeschwindigkeiten eingeschränkt. Verantwortlich dafür sind allerdings weder Russland noch China – sondern die USA.
Source: Der Spiegel · Christoph Giesen, Marcel Rosenbach, Fidelius Schmid
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