X-Account von Wedgewood Polls (Archivbild): Sollten die gefälschten Umfragen die Midterms-Wahlen manipulieren? X-Account von Wedgewood Polls (Archivbild): Sollten die gefälschten Umfragen die Midterms-Wahlen manipulieren?

X-Account von Wedgewood Polls (Archivbild): Sollten die gefälschten Umfragen die Midterms-Wahlen manipulieren?

Foto: DER SPIEGEL

Der Umfrage von »Wedgewood Polls« misstraute Bruce Murphy sofort.

Die vermeintliche Befragung jenes Instituts, von dem er noch nie gehört hatte, zeigte ihm am 6. Juli 2026 Erstaunliches: Francesca Hong, eine Linksaußen-Politikerin, sollte unter den Kandidaten der Demokraten für die Gouverneurswahlen in Wisconsin vorn liegen. Und nicht etwa Hongs gemäßigter Kontrahent, der Demokrat David Crowley.

Stutzig machte Murphy, Herausgeber von Wisconsins Hauptstadtportal »Urban Milwaukee«, vor allem der angebliche Auftraggeber der Umfrage: ein »Isthmus Political Report«.

Von dem hatte der erfahrene Lokaljournalist noch nie gehört. Wohl aber von »Isthmus«: einer alternativen Wochenzeitung aus Wisconsin. Für die hatte er selbst jahrelang gearbeitet. »Die haben noch nie eine Umfrage gesponsert«, erzählt Murphy dem SPIEGEL am Telefon, »das wäre viel zu teuer gewesen.«

Als er bei »Isthmus« anrief, erklärten ihm seine früheren Kollegen, sie hätten keine Umfrage in Auftrag gegeben.

Murphy recherchierte weiter. Er stieß bei der Plattform X auf einen ominösen Account namens »Isthmus Political Report« sowie auf die Website des rechtsgerichteten Maciver Instituts. Beide verbreiteten jene »Wedgewood«-Umfrage über Hong weiter. Bald folgten eine Reihe führender Medien: »Newsweek«, »USA Today«, später auch die »New York Times«.

So kam Bruce Murphy, 75, schon im Juli einem Schwindel auf die Spur, der jetzt Amerikas Politik- und Medienlandschaft erschüttert: Kurz vor den Midterms am 3. November – den Zwischenwahlen, die über die politischen Machtverhältnisse in den USA entscheiden.

»Wedgewood Polls« hat im laufenden Wahlkampf reihenweise Meinungsumfragen aus diversen US-Bundesstaaten erfunden, ob aus Michigan oder Texas, Maine oder Ohio. Das Fake-Institut veröffentlichte Fake-Zahlen – die daraufhin von diversen Leitmedien verbreitet wurden. Auch Internetportale oder Aggregatoren wie Nate Silver, die Umfragedaten sammeln, gewichten und daraus Durchschnitte und Prognosen errechnen, übernahmen die »Informationen«.

Dahinter, so legen SPIEGEL-Recherchen nahe, steckte womöglich eine gezielte Strategie: die Siegeschancen der Republikaner in Duellen mit den Demokraten um höchste Posten zu steigern – ob Gouverneure oder US-Senatoren.

»Wedgewood Polls« hat die Manipulation eingeräumt. »Die meisten Daten« seien »fabriziert« worden, schrieb das Unternehmen am Dienstag auf X in einem mittlerweile gelöschten Statement. Man habe nur eine einzige echte Umfrage durchgeführt.

Mittlerweile abgeschaltete Website von »Wedgewood Polls«: »experimentelles Projekt«

Mittlerweile abgeschaltete Website von »Wedgewood Polls«: »experimentelles Projekt«

Foto: DER SPIEGEL

Mit diesem »experimentellen Projekt« habe man testen wollen, ob Medien, Umfrageaggregatoren und Kommentatoren über diese Daten berichten würden, ohne sie zu überprüfen, behauptete »Wedgewood«. Man habe »nie die Absicht gehabt, eine Wahl zu beeinflussen oder die Öffentlichkeit irrezuführen«.

Daran lässt sich zweifeln.

So wiesen die »Wedgewood«-Zahlen bei den demokratischen Vorwahlen in Wisconsin wie auch in Michigan auffallend hohe Werte für weit links stehende Kandidaten aus.

In Wisconsin erklärte Francesca Hongs Kontrahent David Crowley kurz nach der Veröffentlichung der »Wedgewood«-Umfrage vom Juli das Ende seiner Kandidatur, da er keinen Weg zum Sieg sehe. Später jedoch stieg der gemäßigte Politiker wieder ins Rennen ein – und gewann schließlich die Vorwahl der Demokraten.

Auch für die Vorwahlen der Demokraten in Michigan publizierte »Wedgewood« dubiose Umfragewerte. Der linksgerichtete Kandidaten Abdul El-Sayed kam demnach Ende Juni auf 46 Prozent. Seine weiter in der Mitte stehenden Kontrahentin Haley Stevens und die dritte Bewerberin Mallory McMorrow hingegen nur auf 39 beziehungsweise neun Prozent.

Wähler in Tennessee bei vorzeitiger Stimmabgabe für die Midterms: Wahlbeeinflussung mit Fake-Umfragen?

Wähler in Tennessee bei vorzeitiger Stimmabgabe für die Midterms: Wahlbeeinflussung mit Fake-Umfragen?

Foto: Seth Herald / REUTERS

Kandidatin McMorrow sagt nun der »Washington Post«, nach der Veröffentlichung seien die Spenden für ihre Kampagne »versiegt«. Freiwillige seien am Boden zerstört gewesen, Medien hätten das Team »verfolgt« mit Aufrufen zum Aussteigen. »Es hat uns umgebracht«, schreibt sie auf X. McMorrow stieg tatsächlich bald aus, El-Sayed gewann die Vorwahl und kämpft nun für die Demokraten gegen den Republikaner Mike Rogers um den Senatsposten von Michigan.

Es ist ein Kopf-an-Kopf-Rennen, obwohl der landesweite Trend gegen Trumps Republikaner auch im Swing State Michigan greifen müsste. El-Sayed hat es schwer: Sein Gegner attackiert ihn wegen seiner angeblichen Nähe zu den Democratic Socialists of America , einer linken Organisation in den USA. Ein Kandidat aus der politischen Mitte hätte es womöglich leichter gehabt.

Im benachbarten Wisconsin, ebenfalls Swing State, sieht es hingegen gut aus für David Crowley, den Bewerber aus dem Zentrum.

»Urban Milwaukee«-Journalist Murphy vermutet, dass »Wedgewood« gezielt bei den demokratischen Vorwahlen Linksaußen-Politiker wie Hong nach oben bewertet hat. Diese sollten so Kandidaten werden – und dann in den Duellen gegen die Republikaner geringere Chancen haben als gemäßigte Demokraten.

Dubioses Schwesterinstitut

Auch ein anderes mutmaßliches Fake-Institut namens »Median Strategies« wies außerordentlich hohe Werte für die demokratische Sozialistin Hong aus. Wer hinter ihm steckt, ist unklar.

Und: der Hintermann oder die Hintermänner von »Wedgewood« selbst betrieben zumindest ein weiteres dubioses Meinungsforschungsinstitut, wie SPIEGEL-Recherchen zeigen.

Einer der »Wedgewood«-Verantwortlichen, Jack Sims, gründete laut dem Handelsregister von Florida im März 2025 das Unternehmen »SoCal Strategies«.

Dieses selbst ernannte Meinungsforschungsinstitut veröffentlichte unter anderem kurz vor der republikanischen Vorwahl in Kentucky am 19. Mai 2026 eine Umfrage. Ihr zufolge lag der republikanische Kongressabgeordnete Thomas Massie, ein langjähriger Kritiker von Donald Trump, deutlich hinter seinem innerparteilichen Gegner Ed Gallrein. Ob die Daten echt oder erfunden waren, ist unklar.

»Es ist an der Zeit, dass das aufhört [...]. Ich will das alles einfach nur hinter mir lassen.«

Jack Sims, »Wedgewood«-Verantwortlicher

Tatsächlich verlor Massie – und nur drei Tage später löste Jack Sims »SoCal Strategies« auf. Ins Handelsregister schrieb der 30-Jährige einen bemerkenswerten Kommentar: »Es ist an der Zeit, dass das aufhört [...]. Ich will das alles einfach nur hinter mir lassen.«

Über »Wedgewood« schrieb der Journalist Bruce Murphy schon im Juli und August zwei Artikel für »Urban Milwaukee«, in denen er die Seriosität des Instituts anhand diverser Indizien anzweifelte. Nichts passierte.

Der Betrug flog landesweit erst am vergangenen Dienstag auf, als der Aggregator FiftyPlusOne nach Unstimmigkeiten bei einer vermeintlichen Umfrage aus Mississippi kritische Nachfragen bei »Wedgewood« stellte. Woraufhin das Fake-Institut sein Statement veröffentlichte: fast alles sei erfunden gewesen.

Manipulierten Wahlprognosen und Onlinewetten

Womöglich haben die Betreiber nebenbei versucht, Kasse mit ihren Fake-Daten zu machen. Denn die Aktivitäten von Jack Sims und seinen Umfragefirmen erschienen wiederholt im Umfeld von Online-Wettanbietern.

2024 etwa riefen Kollegen anderer Polling-Unternehmen dazu auf, Geld für »SoCal« Projekte zu spenden. Dabei verlinkten sie nicht nur auf die entsprechende GoFundMe-Seite, sondern auch auf die Website »BetOnline«. Diese ist nicht mehr online, aber die damals genutzte URL www.betonline.ag/sportsbook/futures-and-props/us-election/2024-presidential-election legt nahe, dass es um Wetten zur Präsidentschaftswahl ging.

Auch die Firma »BetInt« hat in einem detaillierten Bericht Indizien zusammengetragen, die darauf hindeuten, dass bei manipulierten Wahlprognosen von »SoCal« und »Wedgewood« Geld bei Onlinewetten verdient wurde.

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»SoCal« wie auch »Wedgewood« haben ihre Internetseiten abgeschaltet und diverse Social-Media-Konten gelöscht. Der SPIEGEL hat bislang keinen Weg gefunden, die Unternehmen zu erreichen. Jack Sims ging bei mehreren Anrufen an seine mutmaßlichen Nummern nicht ans Telefon und hat bislang nicht auf Rückrufbitten reagiert.

Klar ist: Der Skandal wird dem Ruf der Umfrageinstitute schaden. Der ist ohnehin angekratzt. Denn die Demoskopen haben Donald Trump bei den vergangenen drei Präsidentschaftswahlen mehr oder weniger klar unterschätzt. Bei den Midterms 2022 hingegen waren die Demokraten stärker als vorhergesagt.

Wer kann in diesen Tagen den Umfragen trauen?

Dieses Mal legen die meisten Institute nahe, dass die Demokraten die Kontrolle über das Repräsentantenhaus übernehmen werden – und womöglich auch über den Senat. Liegen sie wieder falsch? Gerade beim Senat sind die Machtverhältnisse schwer vorherzusagen. Zu eng ist das Rennen in Michigan und anderen neun Schlüsselstaaten, deren Wahlausgang über die Mehrheitsverhältnisse in Washington bestimmt.

Und: Wer kann in diesen Tagen den Polls trauen?

Auch die US-Medien sind Verlierer. Reihenweise haben Institutionen wie die »New York Times« oder »USA Today« in den vergangenen Tagen Artikel mit Bezug zu »Wedgewood«-Umfragen gelöscht oder mit entsprechenden Hinweisen versehen. Aggregatoren haben Zahlen von »Wedgewood« und »SoCal« aus ihren Datenbanken entfernt. Sie alle sind reingefallen.

Dabei hätten sie den Betrug viel früher entdecken können. Wenn sie bloß mal »Urban Milwaukee« gelesen hätten.

Mitarbeit: Marcel Pauly

Source: Der Spiegel · DER SPIEGEL

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