Melat Kiros mit Wahlhelfern in Colorado (USA)

Weltspiegel

Stand: 01.11.2026 • 15:25 Uhr

Gemeinsam gegen Trump: Darin sind sich die Demokraten in den USA einig. Aber darüber hinaus? Im Wahlkampf in Colorado zeigt sich die ganze Bandbreite an politischen Ideen der Partei.

Isabel Schayani

In einem Nachtclub in Denver richten sich die Blicke auf eine zierliche, junge Frau. Melat Kiros, knapp 30 Jahre alt, Tochter äthiopischer Einwanderer, will in den US-Kongress, sie ist hier, um für sich zu werben. Wie Zoran Mamdani und Alexandria Ocasio-Cortez in New York gehört die Anwältin Kiros zu den demokratischen Sozialisten.

Bei schummriger Beleuchtung spricht sie eindringlich von "arbeitenden Familien", der "Oligarchie" und vom "Faschismus", der sich auf der ganzen Welt ausbreite. Mit US-Präsident Donald Trump hält sie sich nicht weiter auf.

Das System hält sie für kaputt und zeichnet eine positive Vision internationaler Zusammenarbeit, um Klimawandel und Künstliche Intelligenz in den Griff zu bekommen. Mehr Steuern für die Reichen fordert sie und vor allem eine Krankenversicherung für alle.

Melat Kiros setzt auf eine tiefgreifende Veränderung und spricht damit vor allem junge Wähler in den Städten an.

Die große Wut

Ein paar Tage später: Etwa 30 Wahlhelferinnen versammeln sich im La Raza Park in Denver, um auszuschwärmen und an den Haustüren für Kiros zu werben. Zehntausende Haushalte haben sie schon abgeklappert. "Sprecht mit euren Nachbarn über eine bessere Welt, für die wir kämpfen", ruft Kiros ins Megaphon und erntet Jubel. Dabei bleiben die Haustüren in Distrikt 1 oft verschlossen.

Vor allem junge und urbane Wähler fühlen sich von ihrer Wut angesprochen, die sie in etwas Produktives wandeln will. "Wut ist wichtig und hat zu allen Veränderungen geführt in diesem Land", sagt Kiros. "Wenn sich etwas Großes für die Massen verändert, dann, weil wir unsere Wut auf das System gezeigt haben."

Damit trifft die Sozialistin, wie sie sich nennt, offenbar das Lebensgefühl junger, linksgerichteter US-Wähler.

Die Latinos zurückgewinnen

24 Prozent der Bevölkerung in Colorado gehören zu den Latinos, damit hat der Bundesstaat mit den höchsten Anteil in den USA. Bei der Präsidentschaftswahl 2024 konnte Trump seinen Stimmenanteil bei diesen Wählern steigern, die Demokraten verloren etwa zehn Prozent.

Doch jetzt ist es anders. Nicht nur wegen der hohen Preise. Die Einwanderungsbehörde ICE und Trumps Abschiebepolitik haben selbst jene unter ihnen, die längst einen amerikanischen Pass haben, verunsichert. Die Demokraten setzen nun alles daran, ihre Stimmen zu gewinnen.

Mit der Lebensgeschichte überzeugen - und nicht anecken

Im Wahlkreis 8 soll das Manny Rutinel gelingen, ein Mann der Mitte, gerade Anfang 30, mit Wurzeln in der Dominikanischen Republik. Auf einem Parkplatz spricht er zu seinen Anhängern, die wenig später für ihn werben werden. Gerade Einwanderer können sich mit seiner Lebensgeschichte identifizieren. "Ich bin der Sohn einer alleinerziehenden Mutter. Ich erinnere mich, wie ich früher mehr als hundertmal Blut spendete, um am Ende des Monats die Miete zahlen zu können. Die Narbe bleibt auf meinem Arm."

Während der Highschool jobbte Rutinel bei McDonalds, später studierte er in an der Eliteuniversität Yale Jura. Wie der Inbegriff des "American Dream" steht er nun leger im Hemd vor seinen Anhängern. Ihm werden gute Chancen nachgesagt, seinen republikanischen Gegner zu besiegen - er darf nur nicht politisch anecken.

Wenn Rutinel den Republikanern diesen Wahlkreis abtrotzt, könnte das die Demokraten näher an die Mehrheit im Repräsentantenhaus bringen. Er will keine Kürzungen der öffentlich finanzierten Krankenversicherungen und den Krieg gegen den Iran auch, das Benzin muss billiger werden. Die Menschen sollen es nicht so schwer haben. Schon schiebt sein Manager ihn von dem ARD-Mikrofon weg zur nächsten Veranstaltung.

Manny Rutinel steht für die klassische amerikanische Vision vom sozialen Aufstieg. Mit Kritik an den Lebenshaltungskosten kann er auch bei konservativen Wählern punkten.

Von Tür zu Tür für Rutinel

Commerce City ist ein Stadtteil, wo viele Latinos leben und Rutinels Wähler. Rosa bewegt sich vorsichtig, fast unsicher von Haustür zu Haustür. Sie hört, dass Menschen im Haus sind. "Sie haben Angst, es könnte ICE sein", sagt sie. "Deshalb öffnen viele nicht."

Sie ist schon seit einigen Tagen für Rutinel unterwegs. Wen hat sie zuletzt gewählt? Rosa blickt kurz zu Boden. "Ich kann nicht wählen." Sie wirkt verlegen. Einen amerikanischen Pass hat sie nicht - im Moment kann sie aber nicht abgeschoben werden.

Da liegt die Frage nahe, warum sie das alles macht, obwohl sie nicht wählen kann. Rosa stimmt nur kurz zu. Etwas Geld verdiene sie als Wahlhelferin für Rutinel. Aber sie hofft, dass sich durch die Wahl etwas für die Latinos verbessert. Da nimmt sie es in Kauf, sich selber in Gefahr zu begeben, dass ICE auf sie aufmerksam wird.

Das Establishment

Kiros links, Rutinel in der Mitte, am anderen Ende der politischen Skala könnte man Eileen Laubacher ansiedeln. Mit 58 Jahren und fünf Kindern verkörpert sie eine andere Generation. Vor allem seriös und solide muss sie im Gegensatz zu ihrer politischen Gegnerin Lauren Boebert wirken, um in diesem republikanischen Wahlkreis Erfolg zu haben.

Boebert ist MAGA-Anhängerin, die durch Schlagzeilen in der Boulevardpresse auffiel. Laubacher dagegen hat sich 34 Jahre lang bei der Navy noch oben gearbeitet. Zuletzt diente sie im Rang der Admiralin. Bis vor kurzem gehörte sie den Republikanern an.

Bei einem Treffen mit Wählern in einem Vorort von Denver fragt sie eine frisch gefeuerte Beamtin, warum sie die Partei gewechselt habe. "Mir ist es wichtig, keine Schulden zu machen, eine starke Verteidigung zu haben und persönliche Freiheiten. Hinter George W. Bush stand ich. Ich bin für das Recht auf Abtreibung und finde die Verteufelung der LGBT unwürdig."

Sie will sie keine Krankenversicherung für alle - ihre Wähler fürchten linke Demokraten wie Kiros. Ein weiteres Amtsenthebungsverfahren gegen Trump hält sie für "Zeitverschwendung". Wichtig sei die Sicherung der Grenzen. "Wir sollten keine Politik der offenen Grenzen haben. 34 Jahre lang war ich Geheimdienstoffizierin beim Militär. Es gibt echte Bedrohungen, die über unsere Grenze kommen."

Bild: Eileen Laubacher muss sich in einem Wahlkreis behaupten, der schon lange nicht mehr an die Demokraten gegangen ist.

Der roteste Wahlkreis im ganzen Land

Seit 1970 ist es den Demokraten nur einmal gelungen, diesen Wahlkreis 4 zu gewinnen. "Es ist der roteste Distrikt im ganzen Bundesstaat", sagt Laubacher und bezieht sich damit auf die Parteifarbe der Republikaner.

Sie hat für ihren Wahlkampf über 13 Millionen Zuwendungen und Hilfen von ihren Unterstützern bekommen. Auf die Frage, wer sie unterstütze, erklärt sie, das seien ganze normale Menschen, die kleine Beträge zahlen, Veteranen und Familien.

Am vorletzten Sonntag vor den Wahl ist sie unterwegs im ländlichen Teil ihres Wahlkreises, um für sich zu werben. Es ist neun Uhr und sie steht am Rande eines Sportfeldes in Fort Morgan. Eines gibt es hier genug: Platz. Doch den braucht es nicht. Wähler erscheinen nicht, nur drei Wahlhelfer.

Bald steigt Laubacher wieder ins Auto und fährt 70 Kilometer weiter zum nächsten Treffen nach Sterling. Die gleiche nüchterne Leere erwartet sie. Zwei oder drei Veteranen stehen ihr bei und wollen für sie an den Haustüren werben. Wie eng das Rennen ist? "Sehr knapp. Es ist ein Kopf-an-Kopf-Rennen." Sie lächelt und macht sich wieder auf den Weg.

Bild: Auch wenn sich am Wahlkampfstand in Sterling nur wenige interessierte Bürger einfinden - Laubacher glaubt in dieser Wahl an ihre Chance.

Hoffnung und Wut

Bei den demokratischen Wahlkämpfern und bei den drei Kandidaten ist in Colorado Hoffnung auf Veränderung nicht zu übersehen. Stärkt die Unterschiedlichkeit der Positionen die Demokraten oder schwächt es sie?

Der Politikwissenschaftler Robert Preuhs von der Metropolitan State University of Denver hält die Vielfalt der Positionen für eine Chance: "Die Republikaner waren immer geeinter als die Demokraten. Das Ziel muss sein, Sitze zu gewinnen. Und je größer die Vielfalt an Positionen, desto mehr Sitze bekommen sie."

Ihm bereitet vielmehr Sorgen, was passiert, wenn die Demokraten vorne liegen und der Präsident das Ergebnis anzweifelt.

Diese und weitere Reportagen sehen Sie im Weltspiegel - am Sonntag um 18:30 Uhr im Ersten.

Source: Tagesschau · Isabel Schayani

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