Vor knapp zwei Jahren hat Volkswagen seiner Belegschaft ein Versprechen gegeben. Keine betriebsbedingten Kündigungen, keine Werkschließungen sowie Investitionen und neue Produkte für deutsche Standorte. Bezahlt haben die Beschäftigten mit gekürzten Boni und Zulagen, ausgesetzten Entgelterhöhungen und dem Abbau von 35.000 Jobs.
Die Lage in der Autoindustrie hat sich seitdem erheblich verschlechtert. Angesichts der neuen Sparpläne des VW-Managements um Konzernchef Oliver Blume fragen sich die Arbeitnehmer: Was sind diese Zusagen noch wert? An diesem Freitag sitzen Unternehmen, IG Metall und Betriebsrat wieder an einem Tisch. Die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick.
Worum geht es?
Es ist das zweite Gespräch in diesem Format. Wichtig ist: Es handelt sich nicht um Verhandlungen, sondern um eine Überprüfung des Zukunftstarifvertrags 2024. Voraussetzung ist, dass sich wesentliche Rahmenbedingungen der Einigung nach Auffassung einer Tarifpartei verändert haben. Die Regelung ermöglicht also beiden Seiten, das Gegenüber zu Gesprächen zu zwingen.
»Diese Marktveränderungen sind strukturell und tiefgreifend.«
Arne Meiswinkel, VW-Personalvorstand
Die Arbeitnehmer hatten die Klausel Mitte September gezogen – und nach den Sparbeschlüssen des VW-Aufsichtsrats Klarheit darüber verlangt, ob und wie VW die Zusagen aus dem hart erkämpften Abschluss einhält. Das Management hatte im Gegenzug ebenfalls ein Gespräch beantragt, um darzulegen, weshalb die damals vereinbarten Einsparungen nicht mehr ausreichen.
Enttäuschender Auftakt
Die erste Gesprächsrunde war weitgehend ergebnislos verlaufen. Das Unternehmen hat nach Gewerkschaftsangaben erhebliche Zweifel daran angemeldet, die im Abschluss von 2024 vereinbarten Investitionen in neue Modelle und Werke wie zugesagt umsetzen zu können. Niedersachsens IG-Metall-Bezirksleiter Thorsten Gröger sagte danach, man sei enttäuscht und wütend. Die Gewerkschaft erwartet nun Antworten auf einen Fragenkatalog.
Der Personalvorstand der Kernmarke VW, Arne Meiswinkel, hatte die Vorwürfe damals zurückgewiesen: »Volkswagen hält sich an Verträge.« Ziel ist demnach, die bisher vereinbarten Maßnahmen konsequent umzusetzen und alle weiteren Möglichkeiten eines sozialverträglichen Personalabbaus auszuschöpfen.
Ringen an zwei Fronten
Was die Angelegenheit so kompliziert macht, ist die Tatsache, dass die Gespräche mit der anstehenden Tarifrunde zunächst nichts zu tun haben. Die Entwicklungen überlagern sich allerdings teilweise. Bereits am 23. September hatte die Gewerkschaft für die VW-Beschäftigten fünf Prozent mehr Geld gefordert. Das Unternehmen kündigte wiederum nach dem ersten sogenannten Überprüfungsgespräch zehn Tarifverträge zum 31. Dezember 2026 vollständig oder zum Teil – darunter den Manteltarifvertrag, der unter anderem Arbeitszeit und Urlaub umfasst. Andere Verträge regeln beispielsweise die Eingruppierung in Entgeltgruppen sowie Zulagen. Nicht sämtliche darin enthaltene Regelungen fallen aber unmittelbar weg.
Konkret betroffen sind die Beschäftigten der Volkswagen AG in Deutschland Dazu zählen die Volkswagen Pkw und Nutzfahrzeuge, die Komponentensparte und Konzernbereiche. Der Haustarif gilt für rund 130.000 Menschen.
Wettbewerbsfähigkeit ist oberstes Ziel
VW will seine Wettbewerbsfähigkeit verbessern und Kosten senken. Aus Sicht des Unternehmens seien verschiedene Regelungen in den Verträgen mit Blick auf den aktuellen Kostendruck anzupassen, hieß es.
Das wirtschaftliche Umfeld hat sich laut Meiswinkel für die Branche und damit auch für VW gravierend verschärft. »Diese Marktveränderungen sind strukturell und tiefgreifend. Unter anderem drängen chinesische Hersteller mit günstigen Exporten nach Europa«, teilte er mit. Die Maßnahmen aus dem Zukunftsplan müssen ihm zufolge schnell und konsequent umgesetzt werden.
Was beinhaltet der Zukunftsplan 2030?
Der Aufsichtsrat von Volkswagen hat sich angesichts der Probleme Anfang September auf diesen Plan des Vorstands geeinigt. Dieser soll VW deutlich profitabler machen. Das Management hat seitdem ein Mandat, den Konzern umzubauen und Milliarden einzusparen. Das Ziel: Bis 2030 sollen von 100 Euro Umsatz neun Euro operativer Gewinn übrig bleiben. Zuletzt waren es 3,80 Euro.
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Weltweit will der Vorstand in den nächsten Jahren unter anderem 50.000 Jobs streichen – zusätzlich zu bisherigen Abbauprogrammen. Die Marken sollen das ausplanen. Die Hälfte könnte auf Deutschland entfallen. Darüber hinaus ist die Zukunft der VW-Werke in Emden, Hannover und Zwickau sowie des Audi-Standorts Neckarsulm über die Jahre 2031 bis 2034 hinaus offen.
Alles auf den Tisch
Bei Volkswagen liegt nun alles auf dem Tisch. Die Kündigung der Tarifverträge soll nach Konzernangaben einen Verhandlungsraum öffnen, der auch die Sparmaßnahmen des Zukunftsplans umfasst. Welche Änderungen an den Verträgen Volkswagen konkret erreichen will, ist bislang aber offen.
Zugleich fordert die IG Metall mehr Geld. Es gilt als unwahrscheinlich, dass all diese Stränge separat verhandelt werden. Und auch die Zukunft der bedrohten VW-Werke dürften die Verhandler nicht ausklammern können. Die Gespräche müssen spätestens Anfang Dezember beginnen.
Die Gefahr, dass bei VW bald die Bänder still stehen, ist allerdings gering. Im Gegensatz zur Tarifrunde in der Metall- und Elektroindustrie endet die Friedenspflicht bei VW erst am 31. Dezember. Danach sind Ausstände möglich – und nicht unwahrscheinlich.
In den Kündigungen sieht Gröger einen tiefen Bruch mit der VW-Kultur und eine Kampfansage an die Belegschaft. Betriebsratschefin Daniela Cavallo rechnete mit einer »heftigen Auseinandersetzung zum Jahreswechsel«.
Source: Der Spiegel · DER SPIEGEL
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