Frontstadt Oleschky: Ab Dienstag sollen die bisher eingeschlossenen Einwohner die Stadt verlassen können
Foto: Ukrainian 34th Separate Marine B / Ukrainian 34th Separate Marine Brigade "Borysfen" / dpaUngeachtet neuer US-Vermittlungsbemühungen führen Russland und Ukraine ihre Angriffe fort. Zuletzt sind bei einem ukrainischen Raketenangriff im Gebiet Orjol laut russischer Behörden mindestens drei Menschen getötet worden.
Die Leichen seien aus den Trümmern eines Werkgebäudes gezogen worden, teilte Gouverneur Andrej Klytschkow mit. Die Behörden hatten zuvor auch acht Verletzte gemeldet. Welches Werk das Ziel war, wurde nicht offiziell mitgeteilt.
Der ukrainische Generalstab in Kyjiw teilte mit, dass ein Rüstungsbetrieb für die Herstellung elektronischer Bauteile für Raketen und Flugzeuge getroffen worden sei, sowie ein Betrieb für die Produktion von Raketentreibstoff in Toljatti im Gebiet Samara. Dort sei es zu einer Explosion und einem Brand gekommen.
Die russischen Streitkräfte wiederum haben nach eigenen Angaben ihre Angriffe auf die ukrainische Hafeninfrastruktur in der Nacht fortgesetzt. Das russische Verteidigungsministerium teilt mit, Drohnen hätten den Schwarzmeerhafen Tschornomorsk und ein Frachtschiff mit Ziel Odessa angegriffen. Die Angaben beider Länder sind von unabhängiger Seite nicht unmittelbar überprüfbar.
Waffenruhe um die Frontstadt Oleschky
Nach der Pendeldiplomatie von US-Unterhändler Steve Witkoff war wieder etwas Bewegung in die Friedensbemühungen im Ukrainekrieg gekommen. First Lady Melania Trump hatte nach Angaben des Weißen Hauses vom Freitag in der seit Monaten abgeriegelten Frontstadt Oleschky im russischen Besatzungsgebiet im Süden der Ukraine eine lokale Waffenruhe zwischen Moskau und Kyjiw vermittelt. Russland und die Ukraine bestätigten dies.
Der russische Generalstabschef Walerij Gerassimow sagte dem Verteidigungsministerium zufolge, im Rahmen einer humanitären Operation im Bereich von Oleschky würden die russischen Streitkräfte das Feuer in der Richtung Cherson dann einstellen. Auch Kyjiw stimmte einer Waffenruhe zu. Die beiden Seiten teilten mit, die Waffenruhe solle am Dienstag ab 2 Uhr MEZ gelten. Wie lange sie dauern soll, war zunächst nicht bekannt.
Der Kyjiwer Generalstab kündigte in sozialen Medien an, die ukrainischen Streitkräfte würden alles tun, um den Einwohnern Oleschkys zu helfen und die Sicherheit und Rettung ihrer Mitbürger zu gewährleisten. Laut dem ukrainischen Menschenrechtsbeauftragten Dmytro Lubinez soll gemäß der Vereinbarung eine Waffenruhe gewährleistet werden. Zudem sollen humanitäre Hilfsgüter nach Oleschky geliefert werden.
Die seit Monaten abgeriegelte Kleinstadt liegt auf russisch besetztem Gebiet im Süden der Ukraine und ist von der Versorgung abgeschnitten. Nach ukrainischen Angaben hält Russland dort etwa 2000 Menschen fest. Hilfsorganisationen beklagen seit Langem die prekäre humanitäre Lage. Die Gebietshauptstadt Cherson ist in ukrainischer Hand und nur neun Kilometer entfernt. Dazwischen verläuft die Front.
Humanitärer Korridor für Evakuierung
Kremlsprecher Dmitrij Peskow sagte der staatlichen russischen Nachrichtenagentur Tass zufolge, die Evakuierung werde mindestens einige Tage dauern. Wer wolle, könne Oleschky verlassen. Der Fraktionsvorsitzende der Partei des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj, David Arachamija, erklärte auf der Plattform Telegram, in Kürze werde eine Operation zur »Entsperrung« von Oleschky beginnen. Das Ziel sei die Schaffung eines dauerhaften humanitären Korridors für eine sichere Evakuierung der Zivilbevölkerung und die Lieferung von Hilfsgütern.
Nach einem Gespräch mit US-Unterhändler Witkoff hatte sich Kremlchef Wladimir Putin zuletzt bereit gezeigt, die Kontakte mit Vertretern der USA und der Ukraine wiederaufzunehmen. Kremlsprecher Peskow bestätigte, dass für Mitte November ein Treffen in den Vereinigten Arabischen Emiraten vorbereitet werde. Als möglicher Zeitraum für ein Dreiertreffen in Abu Dhabi wurde ein Termin ab dem 10. November genannt.
Gegenseitiger Gefangenenaustausch
Am Freitag tauschten die Ukraine und Russland jeweils 270 Kriegsgefangene aus. »270 unserer Leute sind zu Hause«, schrieb der ukrainische Präsident Selenskyj auf der Plattform X. Zu den Freigelassenen zählten seinen Angaben nach Soldaten der Streitkräfte, der Nationalgarde und anderer Einheiten sowie neun Zivilisten. Viele seien seit 2022 in russischer Gefangenschaft gewesen.
Der Austausch fand wie zuletzt üblich an einem Grenzübergang zwischen Belarus und der Ukraine statt. 270 russische Soldaten seien in Empfang genommen worden, teilte das Verteidigungsministerium in Moskau mit. Sie sollten in Russland medizinisch und psychologisch betreut werden. Die Verhandlungen zum Gefangenentausch und der Rückgabe toter Soldaten sind einer der wenigen funktionierenden Gesprächsfäden zwischen den Kriegsparteien.
Starlink-Internet wieder
Nach mehr als einer Woche mit Einschränkungen funktioniert das Satellitenkommunikationssystem Starlink in der Ukraine wieder mit normaler Geschwindigkeit. »Die Überwachungssysteme des Verteidigungsministeriums registrieren eine Rückkehr zur normalen Geschwindigkeit von Starlink und seiner Militärversion Starshield«, sagte der ukrainische Verteidigungsminister Jewhenij Chmara vor Reportern in Kyjiw. »Die Verbindung ist stabil.« Die Ukraine ist für ihre Kommunikation auf dem Schlachtfeld und den Einsatz von Drohnen auf das Satellitennetzwerk Starlink von Elon Musks Raumfahrtkonzern SpaceX angewiesen.
Die Ukraine hatte SpaceX vorgeworfen, seit dem 14. Oktober die Nutzung des Satellitennetzwerks eingeschränkt zu haben. Dies hatte in der Ukraine Befürchtungen genährt, die USA könnten die Unterstützung auf dem Schlachtfeld reduzieren, um Kyjiw zu Zugeständnissen zu zwingen.
US-Präsident Donald Trump hatte zuvor ein Abkommen mit Russland über den Kauf von russischem Dieselkraftstoff bekannt gegeben. Gleichzeitig hatte er auf neue Sanktionen gegen Moskau verzichtet und die Ukraine gedrängt, ihre Angriffe auf russische Ölraffinerien einzustellen.
Weder SpaceX-Chef Musk noch die US-Regierung hatten die Verantwortung für die Drosselung von Starlink in der Ukraine übernommen.
abl/dpa/Reuters
Source: Der Spiegel · DER SPIEGEL
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