Nach massiven Cyberangriffen auf Kühlsysteme in Supermärkten haben sich in die laufenden Untersuchungen neben der Polizei auch die deutschen Geheimdienste eingeschaltet. Das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) erklärte auf Anfrage des Handelsblatts, die Vorfälle seien „Gegenstand aktueller nachrichtendienstlicher Ermittlungen“. Ferner befasse sich das noch recht junge Gemeinsame Zentrum zur Bekämpfung hybrider Bedrohungen (GAZ Hybrid) mit dem Thema. Dort arbeiten Polizeikräfte und Geheimdienste wie der Bundesnachrichtendienst (BND) und der Militärische Abschirmdienst (MAD) zusammen, um Spionage, Sabotage und weitere hybride Bedrohungen abzuwehren.

Die Cyberattacken, bei denen Unbekannte gezielt die Temperaturregler von Kühlregalen und Tiefkühltruhen manipulierten, betreffen neben Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und Bayern mittlerweile zahlreiche weitere europäische Länder. So verzeichneten etwa auch Supermärkte in Belgien, Schweden, Irland, Luxemburg, Estland, Finnland und den Niederlanden entsprechende Angriffe.

In Frankreich gerieten neben der Lebensmittelversorgung die Kühlsysteme von Blutbanken ins Visier der Kriminellen, wobei diese Attacken rechtzeitig entdeckt wurden. Die Täter nutzten automatisierte Suchprogramme, um offene Systeme im Netz aufzuspüren. Sie verschafften sich über bekannte Schwachstellen veralteter Software oder unveränderte Standard-Passwörter Zugriff. In mindestens einem Fall erfolgte der Angriff über einen externen Wartungsdienstleister.

Die Auswirkungen waren verheerend: Die Kriminellen schalteten die Anlagen nicht nur ab, sondern aktivierten gezielt den Abtau- oder Heizmodus. Dadurch stiegen die Temperaturen in Kühlregalen teils auf bis zu 50 Grad, sodass große Mengen Lebensmittel verdarben und vernichtet werden mussten.

Internationale Warnungen vor verwundbarer Betriebstechnik

Ob die Angriffe Teil einer koordinierten Sabotagekampagne gegen die europäische Lebensmittelversorgung sind, ist bislang ungeklärt. Dem Bundesinnenministerium liegen laut dem Handelsblatt keine Erkenntnisse vor, die eine eindeutige Zuordnung zu einem spezifischen Akteur oder einer staatlichen Stelle zulassen würden. Eine abschließende Bewertung erfordere detaillierte Analysen, heißt es aus Berlin.

Dennoch schlagen internationale Ämter Alarm. US-Behörden wie das FBI und die CISA warnen vor Schwachstellen in Temperaturreglern, die mit dem Internet verbunden sind. Auch das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) erneuerte seine Hinweise und forderte Betreiber auf, den direkten Internetzugriff zu unterbinden und Software-Updates zu installieren.

Handlungsbedarf bei Fernwartung und operativer Sicherheit

Eine unmittelbare Gefährdung der Lebensmittelversorgung sieht die Bundesregierung derzeit nicht, da die betroffenen Betriebe unterhalb der Schwellenwerte für Kritische Infrastruktur (Kritis) liegen. Diese orientieren sich an einem Richtwert von 500.000 versorgten Menschen. Trotzdem führen die Vorfälle die enormen wirtschaftlichen Schäden vor Augen, die durch unzureichend gesicherte Fernzugänge zu vernetzter Betriebstechnik entstehen können.

Der eco–Verband der Internetwirtschaft fordert Unternehmen daher zu einer konsequenten Überprüfung ihrer Fernwartungszugänge und Sicherheitsmaßnahmen auf. Externe Zugriffe müssten über geschützte Verbindungen und starke Authentifizierung erfolgen. Dienstleister seien enger in die Sicherheitsstrategie einzubeziehen. Mittelfristig dürfte dem eco zufolge der europäische Cyber Resilience Act (CRA) für mehr Sicherheit sorgen, da die Verordnung Hersteller digitaler Produkte zu umfassenden Sicherheitsvorkehrungen über den gesamten Produktlebenszyklus hinweg verpflichtet.

(nen)

Source: Heise · Stefan Krempl

At a glance

Topic
Technology
Country
🇩🇪 DE
Publisher language
DE
Added to Allnira