Bei den Ermittlungen zu der Ursache des tödlichen Bahnunglücks in Spanien wird der Funkverkehr zwischen der Leitstelle in Madrid und den beiden Lokführern eine zentrale Rolle spielen. Aus dieser Kommunikation gehen nach übereinstimmenden spanischen Medienberichten mögliche Fehlentscheidungen der Betriebszentrale hervor.
Bei dem Unglück am Mittwochmorgen südlich von Madrid kamen Dutzende Menschen ums Leben, mehr als hundert weitere Personen wurden verletzt. Nahe der Gemeinde Urda in der Provinz Toledo waren zwei Hochgeschwindigkeitszüge kollidiert: Ein Zug der staatlichen Bahngesellschaft Renfe fuhr von hinten auf einen stehenden Zug des privaten Bahnunternehmens Iryo auf.
Nach den Worten von Verkehrsminister Óscar Puente war die Kollision auf eine »unerklärliche« und »falsche« Entscheidung der Bahnleitstelle zurückzuführen: Obwohl das automatische Zugsicherungssystem nach einem Computerausfall noch nicht wieder funktionierte, habe die Leitstelle dem Renfe-Zug grünes Licht zur Weiterfahrt gegeben, während der Iryo-Zug noch auf der Strecke stand.
Audiomitschnitte des Funkverkehrs
Spanische Medien geben jetzt den fraglichen Funkverkehr auf der Grundlage ihnen vorliegender Audioaufnahmen wieder: Demnach hat die Leitstelle dem Lokführer des Renfe-Zuges die Anweisung gegeben, »den normalen Fahrbetrieb« wiederaufzunehmen, obwohl der andere Zug rund 25 Kilometer weiter vorn weiterhin stand. Der Lokführer habe noch nachgefragt: »Normale Fahrt?« Die Leitstelle habe geantwortet: »Ja.«
Laut dem staatlichen Rundfunk RTVE ist auf diesem Abschnitt eine Höchstgeschwindigkeit von 200 Kilometern pro Stunde erlaubt. Die Zeitung »El País« schreibt unter Berufung auf die Regierung, der Renfe-Zug hätte angesichts der Lage angewiesen werden müssen, höchstens 40 Kilometer pro Stunde zu fahren, und zwar »auf Sicht«.
Den Berichten zufolge bekam auch die Lokführerin des Iryo-Zuges die Anweisung, den »normalen Fahrbetrieb« wieder aufzunehmen. Die Lokführerin habe der Betriebszentrale aber zurückgemeldet, der Systemneustart funktioniere nicht, sie könne daher nicht weiterfahren: »Deshalb stehe ich noch vor dem Signal zur Einfahrt nach Urda.«
Suche nach möglichen weiteren Opfern dauert an
Darauf habe die Leitstelle geantwortet: »Na gut, dann sobald es geht. Und falls es Probleme gibt, rufen Sie uns an.« Der Renfe-Zug sei zu diesem Zeitpunkt bereits wieder unterwegs gewesen – und nur etwa fünf Minuten später auf den Iryo-Zug aufgefahren.
Die Zahl der Toten bei dem Unglück ist unterdessen auf 69 gestiegen. In der Nacht sei an der Unfallstelle eine weitere Leiche gefunden worden, teilte der Präsident der Region Kastilien-La Mancha, Emiliano García-Page, mit. Er äußerte die Hoffnung, dass keine weiteren Todesopfer gefunden werden: »Man kann vorsichtig optimistisch sein.«
Dennoch ist auch am Donnerstagvormittag die Suche nach möglichen weiteren Opfern fortgesetzt worden. Wie ein Journalist der Nachrichtenagentur AFP schilderte, durchkämmten Rettungskräfte die Zugtrümmer. Dabei kamen demnach auch Polizeidrohnen und riesige Kräne zum Einsatz.
Viele Menschen suchten noch nach Angehörigen, die mit den verunglückten Zügen unterwegs gewesen waren. »Es ist wichtig für die Angehörigen, dass sie ihre geliebten Menschen finden, auch wenn diese tot sind«, sagte José Miguel Fernández, ein Pfarrer aus Urda, der die Opferangehörigen mit betreut, dem Sender Onda Cero. Schließlich verlaufe der Trauerprozess schneller, »wenn man in der Lage war, in diesem letzten Moment Abschied nehmen zu können«.
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Wegen des Unglücks nahe der Gemeinde begann am Donnerstag in Spanien eine dreitägige Staatstrauer. Auch die Flaggen vor dem EU-Parlament und der EU-Kommission in Brüssel wurden als Zeichen der Trauer und Solidarität auf halbmast gesetzt.
Ministerpräsident Pedro Sánchez sicherte den Betroffenen und ihren Angehörigen Unterstützung zu. »Der gesamte Staat steht angesichts dieser Tragödie zusammen«, sagte er nach einer Sitzung des Krisenstabs. Die Behörden konzentrierten sich auf drei Aufgaben: die Rettung und Versorgung der Opfer sowie ihre Identifizierung, die Aufklärung der Unfallursache und eine materielle Entschädigung der betroffenen Familien.
Zudem kündigte Sánchez an, die Sicherheit im Bahnverkehr zu verstärken. Die Regierung arbeite Tag und Nacht daran, jedes Detail der Tragödie aufzuklären und dafür zu sorgen, dass sich ein solches Unglück nicht wiederhole.
Source: Der Spiegel · DER SPIEGEL
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