Jurypreis-Gewinnerteams von »ApplicAid« und »Straßennachlass«, Jury-Mitglied Patrick Bombis vom Handelsunternehmen BAUHAUS (3.v.l.): Der Ungleichheit mit Kreativität, Menschlichkeit und konkreten Lösungen begegnen
Foto: Carsten DammannEs gibt Menschen, die spalten wollen. Sie säen Zweifel, grenzen andere aus und profitieren davon, wenn Gräben in unserem Land breiter werden und Verbindungen sich lösen. Es gibt aber auch jene, die sich dem entgegenstellen: Initiativen, die Brücken bauen, Engagierte, die Gespräche suchen und Vereine, die Gemeinschaft schaffen. Sie stärken unsere Gesellschaft.
Genau solche Projekte wurden in diesem Jahr beim Social Design Award gesucht, unter dem Motto »Wir schaffen Verbindungen«. Zum 13. Mal hatte der SPIEGEL, unterstützt vom Handelsunternehmen BAUHAUS, den Wettbewerb ausgeschrieben, und rund 300 Einreichungen gingen ein. Zur Preisverleihung im SPIEGEL waren alle zehn Teams angereist, deren Projekte die Jury für die Shortlist nominiert hatte.
Jury-Mitglied und SPIEGEL-Chefredaktion-Mitglied Thorsten Dörting: »Beide Projekte stehen für etwas, das gerade in diesen Zeiten wertvoll ist«
Foto: Carsten DammannUnd es gab gleich eine Überraschung: Thorsten Dörting, Jury-Mitglied und in der Chefredaktion des SPIEGEL, erklärte, dass die Jury zum ersten Mal zwei Siegerprojekte ausgewählt habe. Manchmal sei es die beste Entscheidung, sich nicht zwischen zwei großartigen Ideen entscheiden zu müssen. Und so erhielten sowohl das Obdachlosen-Projekt »Straßennachlass « als auch die Bildungsinitiative »ApplicAid« einen mit 2500 Euro dotierten Jurypreis: »Beide Projekte stehen für etwas, das gerade in diesen Zeiten wertvoll ist: den Willen, soziale Ungleichheit nicht einfach hinzunehmen, sondern ihr mit Kreativität, Menschlichkeit und konkreten Lösungen zu begegnen«, sagte Dörting.
Das Publikum wählte auch ein Bildungsprojekt zum Gewinner: das Mentoring-Programm »MentForMigra«, das insbesondere Grundschulkinder beim Übergang in die weiterführende Schule unterstützt. Den auch mit 2500 Euro dotierten Publikumspreis überreichten Michelle Gerdes-Lampe und Christian Lampe von »Kjells Wunderland «. Sie hatten 2025 diesen Preis für ihren Verein gewonnen, der Familien mit schwerstkranken Kindern eine Woche lang ein Ferienhaus kostenlos zur Verfügung stellt.
Dabei ist jedes Projekt ein Gewinner – und ein Gewinn für unsere Gemeinschaft: Jede geschlagene Brücke erweitert den Horizont, verbindet uns und steht offen für andere.
Preis der Fachjury: Ein Ort für das Wichtigste im Leben
Wer ist man ohne Bilder aus der Kindheit, ohne Tagebucheinträge, ohne jegliche physischen Erinnerungen? Was bleibt von einem? Obdachlose Menschen haben kaum Möglichkeiten, ihre wichtigsten Dinge und Informationen sicher zu bewahren. Schmerzhaft deutlich wird das im Tod. Wenn sie sterben, wissen Behörden manchmal nicht, wen sie kontaktieren sollen und welche Bestattungswünsche die Person hatte.
Das Projekt »Straßennachlass« will hier Abhilfe schaffen. Es bietet einen sicheren digitalen Ort für alles, was wichtig ist. Obdachlose Menschen können dort Erinnerungen verwahren, wichtige Dokumente sichern, Wünsche für nach ihrem Tod vermerken und wichtige Kontaktpersonen benennen. Für akute Notfälle erhalten die Wohnungslosen außerdem ein Armband, auf dem die Kontaktdaten der wichtigsten Vertrauensperson gespeichert sind. Werden sie bewusstlos oder tot aufgefunden, können Helfer das Armband digital auslesen und die Vertrauensperson informieren.
Patrick Bombis
Geschäftsführer BAUHAUS GmbH & Co. KG Nord
Friedrich von Borries
Künstler und Professor für Designtheorie an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg
Foto: Thomas SchweigertThorsten Dörting
Mitglied der Chefredaktion DER SPIEGEL
Robert Köhler
Leiter Marketingkommunikation bei BAUHAUS
Jolanthe Kugler
Chef-Kuratorin des Museum of Contemporary Design and Applied Arts in Lausanne und Professorin am Politecnico in Mailand und Dozentin an der HEAD in Genf
Philipp Löwe
SPIEGEL-Redakteur im Ressort Leben
Foto:Anna Dittrich / DER SPIEGEL
Marianne Wellershoff
Blattmacherin SPIEGEL Wissen und SPIEGEL Coaching
Foto: Sven BerghäuserDie Jury fand dieses Projekt herausragend, denn es verbindet zwei Themen, die oft verdrängt werden: Obdachlosigkeit und den Tod. Es befindet sich aktuell noch in der Pilotphase. Die digitale Plattform wird noch getestet, zuerst soll das Projekt in Hamburg umgesetzt werden.
SPIEGEL: Herzlichen Glückwunsch zum Gewinn des Social Design Awards! Warum haben Sie dieses Projekt ins Leben gerufen?
Merle Kruse: In Deutschland gibt es viele Menschen, die auf der Straße sterben. Die Polizei findet häufig nicht heraus, wer sie waren oder wie sie hießen. Sie werden dann ohne Grabstein beerdigt, Verwandte und Angehörige können nicht informiert werden.
SPIEGEL: Ihr Projekt befindet sich derzeit noch in der Pilotphase. Wie reagieren Menschen, wenn Sie ihnen anbieten, sich mit ihrem Nachlass auseinanderzusetzen?
Merle Kruse vom Wohnungslosen-Projekt »Straßennachlass«, SPIEGEL-Mitarbeiter Tom Kern: »Die obdachlosen Menschen, mit denen ich rede, haben eine riesige Angst davor, vergessen zu werden.«
Foto: Carsten DammannKruse: Die Reaktionen sind unterschiedlich. Manche sind schockiert. Andere sind total offen, weil sie sich schon selbst mit dem Tod beschäftigt haben. Die obdachlosen Menschen, mit denen ich rede, haben eine riesige Angst davor, vergessen zu werden. Sie möchten etwas hinterlassen, oft geht es ihnen um eine Botschaft für die Familie. Einige haben Kinder, zu denen sie keinen Kontakt mehr haben. Auf unserer Plattform möchten wir auch das ermöglichen: eine letzte Nachricht.
SPIEGEL: Was ist die größte Herausforderung bei der Umsetzung für Sie?
Kruse: Die Begleitung der Menschen. Technisch ist das alles kein großes Thema. Aber viele brauchen jemanden, der ihnen hilft, am Ball zu bleiben. Man kann bei uns eine Patientenverfügung ausfüllen oder eine Bestattungsverfügung. Das sind schwierige Themen. Und dann ist alles in Bürokratendeutsch. Es ist eine Herausforderung, das alles so einfach wie möglich zu erklären.
SPIEGEL: Hat das Projekt Sie persönlich verändert?
Kruse: Mich hat das nicht kaltgelassen. Die Geschichten von Menschen zu hören, die auf der Straße leben, ist belastend. Aber es gibt mir auch etwas, wenn ich das Gefühl habe, irgendwo meine Spuren hinterlassen zu können.
SPIEGEL: Deutschland gilt vielen als gespaltenes Land. Wie kann der Straßennachlass mehr Verbindung schaffen?
Kruse: Die Auseinandersetzung mit dem Ende des eigenen Lebens verbindet alle Menschen. Wir machen aber auch einen handfesten Unterschied. Verschiedene Hilfestellen stehen oft in Konkurrenz miteinander: Die Polizei, Rettungskräfte, Hilfsorganisationen. Wir setzen uns dafür ein, dass alle gemeinsam einer obdachlosen Person helfen, anstatt gegeneinander zu arbeiten.
Preis der Fachjury: Wo zusammen an Zukunftschancen gefeilt wird
Backtosch Mustafa und sein Team nahmen den Jurypreis mit einem breiten Grinsen entgegen. Die Jury begründete ihre Entscheidung damit, dass das Projekt ein zentrales Problem der Bildungsgerechtigkeit nicht nur erkannt habe, sondern es auch angehe. Die gemeinnützige Organisation »ApplicAid « bringt Stipendiaten und Stipendiatinnen mit jungen Menschen zusammen, die trotz Talent und Leistungsbereitschaft auf strukturelle Hürden stoßen: etwa als Erstakademiker:innen, Menschen mit Migrationsgeschichte, mit niedrigem sozioökonomischem Status oder chronischen Erkrankungen. ApplicAid macht deutlich: Zugänglichkeit ist keine technische, sondern eine gesellschaftliche Frage.
Abhängig von Fachrichtung, Stipendium und Hintergrund stellt »ApplicAid« die Paare zusammen. In individueller Einzelbetreuung arbeiten sie gemeinsam an jedem Schritt der Bewerbung: vom Motivationsschreiben bis zum Auswahlgespräch. Seit der Gründung hat »ApplicAid« mehr als 1200 Stipendienbewerbungen begleitet. Im vergangenen Jahr waren 42% der Bewerbungen erfolgreich, insgesamt konnte der Verein 7,3 Millionen Euro an Stipendiengeldern einsammeln. Die Unterstützung ist kostenlos und kann, weil sie vollkommen digital stattfindet, in ganz Deutschland angeboten werden.
Vom EU-Parlament wurde »ApplicAid» bereits ausgezeichnet. Nun folgte der mit 2500 Euro dotierte Jurypreis des Social Design Award. Das Team um den Gründer Backtosch Mustafa möchte den Gewinn nutzen, um die digitale Plattform weiter auszubauen und zu verbessern.
Publikumspreis: Nachhaltige Unterstützung, die Leben verändert
Die Geschichte von »MentForMigra « begann mit einem Viertklässler: Moubarak, der von Togo nach Düsseldorf gekommen war, fiel seiner Lehrerin Dorothee Kettner auf. Er war aufnahmefähig und lernte schnell. Sie sprach mit seinen Eltern und wollte sich dafür einsetzen, dass er im Anschluss auf ein Gymnasium wechselte. Doch die Eltern aus Togo trauten sich die Anmeldung ihres Sohnes an einem Gymnasium nicht zu, sie sprachen noch wenig Deutsch. Kettner wurde zur Ansprechpartnerin für den Jungen und seine Familie, unterstützte ihn beim Lernen der Bildungssprache und, als die Zeit gekommen war, begleitete sie ihn zum Anmeldetermin beim Gymnasium. Das ist fünfzehn Jahre her. Seitdem hat Moubarak sein Abitur gemacht, ein duales Studium begonnen – und Dorothee Kettner »MentForMigra« gegründet.
Publkumspreis-Gewinner MentForMigra: Kinder aus Migrationsfamilien werden auf dem Weg von Grundschule zur weiterführenden Schule und bei Bedarf darüber hinaus begleitet
Foto: Carsten DammannWas mit Moubarak als ersten Mentee begann, ist heute eine gemeinnützige Düsseldorfer Unternehmergesellschaft, die ehrenamtliche Mentorinnen und Mentoren mit Kindern und Jugendlichen mit Flucht- oder Migrationsgeschichte zusammenbringt. Die Idee: Zusätzlich zu den Hausaufgaben lesen die Kinder dreißig Minuten am Tag und notieren unbekannte Wörter. Dadurch erweitern sie ihren Wortschatz und gelangen von der Alltags- zur Bildungssprache. Das Team um Geschäftsführerin Dorothee Kettner umfasst drei hauptamtliche Koordinatorinnen und über 250 aktive Ehrenamtliche in Düsseldorf, Köln, Meerbusch und Neuss.
Wöchentlich treffen sich Mentorin oder Mentor und Mentee in der Stadtbücherei und arbeiten dort an der Lesekompetenz, dem Deutsch und persönlichen sowie schulischen Zielen. »MentForMigra« begleitet die Mentees und ihre Familien in der Regel für mindestens vier Jahre: auf dem Weg von der Grundschule zur weiterführenden Schule und bei Bedarf darüber hinaus.
Als ihr Gewinn verkündet wurde, übertönte ein Freudenschrei den Applaus: Dorothee Kettner und ihr Team lagen sich in den Armen und hüpften im Kreis. Die Vorjahresgewinner von »Kjells Wunderland« überreichten die Glückwünsche, die Blumen und den Scheck über 2500 Euro. Mit dem Preisgeld möchten Dorothee Kettner und ihr Team unter anderem Bücher, Hefte und Lehrmaterial finanzieren.
SPIEGEL: »ApplicAid» und »MentForMigra«, zweimal herausragendes Engagement im Bereich der Bildungschancen. Wie blicken Sie beide auf die Bildungsgerechtigkeit in Deutschland?
Dorothee Kettner: Vielen Dank. Ich bin froh, dass wir den Schulunterricht haben, und ich bin dankbar gegenüber allen Lehrkräften, die ihre Arbeit ernst nehmen. Aber es gibt noch so viel mehr! Es zählt auch, was zu Hause passiert: Manche Familien leben in Flüchtlingsunterkünften, viele teilen sich ein Zimmer. Unsere Erfahrung zeigt, dass es für diese Kinder schwieriger ist, Hausaufgaben zu erledigen, als für solche, die einen eigenen Schreibtisch und Ruhe haben.
Dorothee Kettner von »MentForMigra«, Backtosch Mustafa von »ApplicAid«, SPIEGEL-Mitarbeiterin Linn Bertelsmeier: »Nicht alle Menschen haben die gleichen Chancen, Potenzial und Talent zu realisieren.«
Foto: Carsten DammannSPIEGEL: Herr Mustafa, bei »ApplicAid« schauen Sie auch auf das Bildungssystem – aber eher in Richtung Universität.
Mustafa: Es gibt auch Stipendien für Schüler und Auszubildende. Aber die meisten Stipendien beginnen mit der Uni-Zeit. Was für uns zentral ist: Wir sind der Überzeugung, dass alle Menschen Potenzial und Talent haben. Aber nicht alle haben die gleichen Chancen, diese zu realisieren.
SPIEGEL: Sie beide begegnen dieser Chancenungleichheit mit individuellen Mentoring-Programmen. Wie schaffen Sie dadurch auch über das Mentoring-Duo hinaus Verbindungen?
Kettner: Bei uns eindeutig über die Dauer. Auch nach dem Mentoring bleiben wir Ansprechpartner für die Familien. Mein eigener Mentee war 9 Jahre alt, als ich ihn kennengelernt habe. Heute ist er 25. Ich habe ein vertrauensvolles Verhältnis zu ihm, aber auch zu seinen Eltern und Geschwistern. Die Familie stammt aus Togo, ist streng muslimisch. Ich durfte viel von Ihnen lernen, was ich aus meiner eigenen Familienkultur nicht kannte. Den Kontakt werden wir für immer halten.
Mustafa: Wenn unsere Mentees das Stipendium bekommen haben, landen sie durch die Förderung in einem recht homogenen Umfeld. Aber mindestens ein Anknüpfungspunkt zu jemandem mit einem ähnlichen Hintergrund besteht im Stipendium ja bereits – der Mentor! Dadurch starte ich in der neuen Community mit einer Verbindung, die schon besteht. Und darauf kann ich dann aufbauen.
Kettner: Ja, fantastisch! Das ist doch auch etwas für unsere Mentees. Gut, dass wir gerade unsere Visitenkarten ausgetauscht haben.
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BAUHAUS Sonderpreis: Kulturklüngel
Selbst wenn man schon Jahrzehnte in ein und derselben Stadt wohnt, gibt es vieles, was man nicht über sie weiß. Gassen, durch die man noch nie gegangen ist, Menschen, die man noch nie getroffen hat. Bei den Stadtführungen von »Kulturklüngel« können Menschen ihre eigene Nachbarschaft besser kennenlernen – indem sie in die Perspektive des Touristen schlüpfen.
BAUHAUS-Sonderpreis-Gewinner »Kulturklüngel« mit Preisverleihungsmoderatorin Katharina Zingerle (l.) und Jury-Mitglied und BAUHAUS-Geschäftsführer Nord Patrick Bombis (2.v.r.): Projekt, das einen Perspektivwechsel ermöglicht
Foto: Carsten Dammann»Kulturklüngel « möchte die kulturelle Vielfalt in Deutschland sichtbarer machen. Internationale Kochkurse und Stadtführungen ermöglichen Einblicke in andere Kulturen. Das Projekt wird seit 2007 in Köln, Düsseldorf und Bonn umgesetzt. »Mich hat begeistert, was für einen Perspektivwechsel dieses Projekt bietet. Kulturklüngel schafft echte Verbindung«, sagt Robert Köhler, Marketingleiter bei BAUHAUS. »Man kann die Welt nicht auf einmal retten, aber so ein kleines Stück geht eben schon.«
Source: Der Spiegel · Tom Kern, Linn Bertelsmeier
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