Ein Mann geht am Morgen mit einem Regenschirm im Regen über eine Brücke

Forschungsbericht Macht Mann-sein krank?

Stand: 03.11.2026 • 11:07 Uhr

Männer haben im Schnitt eine deutlich geringere Lebenserwartung als Frauen. Ein neuer Bericht zeigt: Auch Geschlechterrollen und das Wirken von Gesellschaftsnormen spielen bei der Gesundheit von Männern eine Rolle.

Von Niels Walker, NDR

Es klingt paradox: im weltweiten Vergleich zu Frauen haben Männer mehr Geld und Möglichkeiten, medizinische Dienste in Anspruch zu nehmen. Trotzdem sterben sie früher und leben ein ungesünderes Leben

Ein internationales Forscherteam hat berechnet, dass die sogenannte Krankheitslast bei Männern weltweit um 16 Prozent höher liegt als bei Frauen. Das bedeutet: Sie verbringen mehr Zeit ihres Lebens mit einer Krankheit und sterben früher. Das berichtet eine internationale Forschergruppe in einer ausführlichen Reihe von Artikeln und Studien im Fachmagazin The Lancet.

In Deutschland liege der Wert bei 14 Prozent, in der Schweiz nur bei vier Prozent. Den Berichten zufolge haben demnach Männer weltweit eine höhere Krankheitslast. Aber woran liegt das?

Neue Forschungsmethode

Die Forschergruppe wollte herausfinden, ob Männlichkeitsnormen und gesellschaftliche Ansprüche an Männer damit etwas zu tun haben. Sie analysierten dazu mit einer neuen Forschungsmethode Daten aus mehreren Ländern und berücksichtigten dabei auch den Einfluss weiterer Faktoren wie wirtschaftlicher Unsicherheit, Armut und Bildung. Dabei zeigt sich, dass nicht alle Männer gleich sind.

Gerade Männer, die in schlechten Lebensumständen leben, ausgegrenzt werden - zum Beispiel aufgrund ihrer Herkunft, Sprache, sexuellen Orientierung - oder unter starkem wirtschaftlichem Druck stehen, führen ein kürzeres und ungesünderes Leben. Ein wesentlicher Teil sei dabei, dass das Männerbild weltweit zu einem großen Teil ein klassisches ist. Es sieht Männer in der Rolle des Ernährers der Familie, oft verbunden mit einem Bild von Stärke.

Wissenschaftler begrüßen neuen Forschungsansatz

Der Psychotherapeut Andreas Walther von der Universität Graz, der nicht an der Veröffentlichung beteiligt war, äußert sich positiv über den neuen Forschungsansatz, weil er Männergesundheit nicht nur auf individuelles Risikoverhalten und traditionelle Rollenbilder reduziere, sondern auch biologische, psychologische, soziale und strukturelle Einflüsse berücksichtige.

Er warnt jedoch davor, den schwarzen Peter ausschließlich zu den gesellschaftlichen Vorstellungen von Männlichkeit zu schieben: "Nicht sämtliche traditionelle Männlichkeitsnormen sind grundsätzlich gesundheitsschädlich. Entscheidend ist vielmehr, wie rigide diese Normen vertreten werden, in welchem sozialen Kontext sie wirken und welche individuellen Ressourcen zur Verfügung stehen. Nicht Männlichkeit an sich macht Männer krank, sondern insbesondere starre Vorstellungen davon."

Michael Mühlichen vom Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung in Wiesbaden, der ebenfalls nicht an der Veröffentlichung beteiligt war, sieht auch einen Zusammenhang in der Berufswahl: "Körperlich belastende Arbeit, Schichtarbeit, Unfallrisiken und geringe Kontrolle über die Arbeitsbedingungen betreffen viele Männer in Industrie, Bau, Transport und Handwerk. Berufsgruppen, die diesen Risiken nicht ausgesetzt sind, weisen eine deutlich höhere durchschnittliche Lebenserwartung auf."

Erhebliche Unterschiede zwischen den Geschlechtern

In vielen Kulturen gilt laut der Studien der männliche Körper als robuster gegenüber Krankheiten, was jedoch rein medizinisch betrachtet nicht stimmt. Die Forschenden fordern deshalb, soziale Aspekte bei der Ausgestaltung von Gesundheitsangeboten für Männer stärker zu berücksichtigen. Mühlichen sieht das ähnlich: "Wenn Männer beispielsweise seltener Vorsorgeuntersuchungen wahrnehmen, können dafür rigide Selbstständigkeitsideale, schlechte Erfahrungen mit dem Gesundheitssystem, berufliche Zeitrestriktionen oder andere Gründe verantwortlich sein."

Obwohl Deutschland, Österreich und die Schweiz dem Lancet-Bericht zufolge über gut ausgebaute Gesundheitssysteme verfügen, bestünden auch bei uns erhebliche Unterschiede zwischen den Geschlechtern, sagt der Psychotherapeut Andreas Walther von der Universität Graz: "Besonders relevant sind dabei Männer in sozial benachteiligten Lebenssituationen, mit geringerem Bildungsniveau, prekären Beschäftigungsverhältnissen oder eingeschränkten sozialen Unterstützungsnetzwerken. Die Ergebnisse unterstreichen deshalb, dass Männer keine homogene Bevölkerungsgruppe darstellen und gesundheitliche Präventionsmaßnahmen stärker auf unterschiedliche Lebensrealitäten zugeschnitten werden müssen."

Lücken bei der ärztlichen Vorsorge

In Deutschland sind Männer in der geschlechtsspezifischen Versorgung gegenüber Frauen im Nachteil. Während für Frauen ab der Pubertät Aufklärung und regelmäßige Untersuchungen beim Frauenarzt vorgesehen sind, gibt es für Männer hierzulande kein vergleichbares geschlechtsspezifisches Angebot. Sie erhalten es erst mit 45, mit der Vorsorgeuntersuchung gegen Prostatakrebs. Eine persönliche und medizinisch fundierte Aufklärung und Untersuchung können Männer zwar auf eigenen Wunsch bei einem Urologen oder Andrologen in Anspruch nehmen, verbreitet ist dies jedoch nicht. Auch wenn einige Praxen mit einer sogenannten Jungensprechstunde versuchen, dies zu verbessern.

Die Studienautoren beschreiben, dass in Nordamerika Männer mit geringem Einkommen und geringem sozialem Status ein höheres Risiko haben, an Krebs oder Herzkrankheiten zu erkranken. Sie führen das auf eine schlechtere Versorgung mit gesunden Lebensmitteln und einem hohen Tabak- und Alkoholkonsum zurück. Für Deutschland liegen keine Einzelfallbetrachtungen einzelner Männergruppen vor.

Psychische Gesundheit oft vernachlässigt

In einem weiteren Beispiel haben die Forschenden die Ursachen für psychische Erkrankungen von Geflüchteten aus und im Nahen Osten und Nordafrika untersucht. Sie schreiben, dass geflüchtete Männer, die dort in der Regel in einer patriarchalischen Gesellschaft aufgewachsen sind, unter dauerhaften Stress geraten, weil es ihnen nicht gelingt ihre Familien, von denen sie getrennt wurden, zu versorgen und zu beschützen.

Rassismus und Ausländerfeindlichkeit in den Zufluchtsländern führten zudem häufig dazu, dass sie sich kaum sozial integrieren und keine Gesundheitsangebote annehmen. Die Folge seien zum Beispiel Depressionen oder eine posttraumatische Belastungsstörung - wie sie auch Soldaten nach Kriegseinsätzen erleben können. In der Folge treten Aggression, Selbstverletzung und Drogenmissbrauch auf.

"Die Autorinnen und Autoren knüpfen hier an das bereits in den 1980er-Jahren entwickelte 'Gender Role Strain Paradigm' an, demzufolge psychische Belastungen entstehen, wenn Männer gesellschaftliche Männlichkeitserwartungen aufgrund struktureller Bedingungen nicht erfüllen können, zum Beispiel die Rolle des Familienernährers", sagt Silvia Krumm, Leiterin der Arbeitsgruppe Qualitative Sozialforschung am Universitätsklinikum Ulm.

Studie erhält viel Lob, aber auch Kritik

Krumm sieht in der neuen Methodik der Forschung einen großen Schritt nach vorne: "Das theoretische Framework überzeugt mich vor allem durch die machtkritische Perspektive, die theoretische Ansätze und empirische Befunde zu Männergesundheit zusammenführt. Damit zeigt es, wie gesellschaftliche Ungleichheiten, Männlichkeitsnormen und individuelle Handlungsoptionen zusammenwirken und bildet so eine wichtige Grundlage für weitere Forschungen."

Mühlichen vom Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung schließt sich dem an, bemängelt zugleich, dass biologische Einflussfaktoren kaum berücksichtigt wurden. Auch sei eine Studie nicht berücksichtigt worden, die zeige, dass sich der Unterschied in der Lebenserwartung zwischen Männern und Frauen unter vergleichbaren Lebensbedingungen deutlich verringert, aber nicht komplett verschwindet.

Source: Tagesschau · Niels Walker, NDR

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