Sein Popliteratur-Roman »Mai, Juni, Juli« war Joachim Lottmanns Debüt und einer seiner größten Erfolge – wenngleich dieser sich erst spät einstellte. Zuletzt schrieb der 70-Jährige aus dem Hospiz: »Ich erwarte täglich das Aus.«

26.10.2026, 11.27 Uhr

Schriftsteller Lottmann Schriftsteller Lottmann

Schriftsteller Lottmann

Foto: Wolfgang Paterno / APA / picture alliance

Joachim Lottmann, Schriftsteller und Vorreiter der modernen Popliteratur, ist tot. Er starb nach schwerer Krankheit am Sonntag im Alter von 70 Jahren, wie mehrere Medien übereinstimmend berichteten. Die Nachrichtenagentur dpa meldete, der Tod Lottmanns sei ihr aus dem persönlichen Umfeld des Autors bestätigt worden.

Lottmann litt an Krebs, die Erkrankung hatte er selbst öffentlich gemacht. In sozialen Medien schrieb er zuletzt über seine Zeit in einem Wiener Sterbehospiz.

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Schon seit Anfang 2026 dokumentierte Lottmann unter dem Titel »Langweiliges Tagebuch« seine Erkrankung im Internet, sein Hoffen und Bangen. »Sterben ist langweilig«, schrieb er darin zum Beispiel. »Man fährt mich zum Röntgen. Das Wasser ist noch immer in der Lunge. Ich kann nicht mehr atmen, nicht mehr denken. Nur noch schreiben.«

In seinem letzten Tagebuch-Beitrag schrieb er am vergangenen Freitag mit Blick auf die medizinische Versorgung, eigentlich müsse es doch aufwärtsgehen. »Tut es aber nicht. Ich erwarte täglich das Aus. Tod durch Ersticken.«

Geboren in Hamburg, aufgewachsen in Bayern, »Generation Golf«

Lottmann gilt vielen als Nestor der Popliteratur. 1956 in Hamburg geboren und anschließend in Bayern aufgewachsen, ist er eher zu den älteren Vertretern der »Generation Golf« zu zählen. »Ich war ja immer mit Jüngeren befreundet gewesen, zum Beispiel der Popjugend«, schrieb er in seinem Online-Tagebuch. Ab 1976 studierte er Theatergeschichte und Literaturwissenschaft in Hamburg.

Lottmann 2025 in seiner Wiener Wohnung

Lottmann 2025 in seiner Wiener Wohnung

Foto: Wolfgang Paterno / APA / picture alliance

1987 erschien sein Debüt »Mai, Juni, Juli« über einen depressiven Schriftsteller auf der Suche nach einem Romanstoff im Umkreis des legendären Avantgarde-Pop-Magazins »Spex«. Anfangs von der Fachkritik verrissen, erfuhr das Buch später seine Würdigung: Im Jahr 2002 schrieb die »Frankfurter Allgemeine«, dieser Roman sei »der Anfang von vielem, großem, schönem, lebensgenauem, was in den Neunzigerjahren zu erleben und zu lesen war«.

Joachim Lottmann schrieb auch für den SPIEGEL

Lottmann hat insgesamt mehr als ein Dutzend Bücher geschrieben, teils gnadenlose, teils diffamierende Abrechnungen mit der Gesellschaft und dem Kulturbetrieb. Mitte der Nullerjahre war er auch kängere Zeit für den SPIEGEL tätig.

Am Ende seines Lebens kam der Schriftsteller zu der Erkenntnis: »Mir ist jetzt erst klar, dass ich ein außergewöhnlicher Mensch gewesen bin.« Im selben Interview mit dem 3sat-Magazin »Kulturzeit« vom September 2026 stellte er auch fest: »Ich würde so gerne weiterleben, (...) jetzt, wo's interessant geworden ist.«

2014 erschien Lottmanns Roman »Endlich Kokain«. Damit habe sich »der große Lügner, Fabulierer und Klischee-Penetrierer Joachim Lottmann dem Kulturbetrieb zugewandt – mit fast realen Protagonisten namens Kai Diekmann und Helene Hegemann«, schrieb der SPIEGEL damals. Lesen Sie die ganze Rezension hier.

mkh/dpa

Source: Der Spiegel · DER SPIEGEL

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