Bahn-Bauarbeiten bei Schönhausen, Sachsen-Anhalt

Sanierung der ICE-Strecke Berlin-Hannover Auswirkungen für Pendler schlimmer als befürchtet

Stand: 07.11.2026 • 03:54 Uhr

Dass die Generalsanierung der Bahnstrecke Berlin-Hannover massive Verspätungen bedeutet, war klar. Doch nun zeigt sich: Die Pünktlichkeit auf der Ausweichstrecke ist selbst für Bahnverhältnisse unterdurchschnittlich.

Andre Kartschall

Saskia Hiebs Arbeitsweg beginnt am Bahnhof Spandau, einem der westlichsten Zipfel Berlins. Das ist günstig gelegen für die Pendlerin, die zur Arbeit nach Wolfsburg fährt. Dort arbeitet sie für die Verwaltung von Volkswagen.

Normalerweise benötigt die Bahn für die Strecke Berlin-Wolfsburg eine Stunde. Hin und zurück zusammengerechnet also 2 Stunden Fahrzeit pro Tag. Nicht wenig, aber noch völlig im Rahmen für viele Arbeitnehmer, die längere Strecken pendeln.

Seitdem die Bahn die Strecke Berlin-Lehrte, die über Hannover und Wolfsburg führt, generalsaniert, ist aber alles anders. 3,5 Stunden dauert die Fahrt jetzt - pro Richtung. Theoretisch also 7 Stunden hin und zurück. Völlig undenkbar für Pendlerin Saskia Hieb.

Zum Glück kann sie ihren Bürojob an vielen Tagen aus dem Homeoffice erledigen. Pendeln wäre auf Dauer auch schlicht unmöglich. Wenn sie aber in Präsenz im Büro sein muss, fährt sie immer schon am Vorabend des Arbeitstages nach Wolfsburg.

Bangen um die Anschlüsse

"Ich nehme den letzten Zug. Das ist ungefähr um viertel vor neun Uhr abends", sagt Hieb. Statt einer entspannten Direktfahrt ist der Arbeitsweg zu einer größeren Reise geworden - in mehreren Etappen. "Von hier aus Richtung Berliner Hauptbahnhof, dann mit dem ICE nach Braunschweig", geht sie die Stationen durch. "Und dann mit der Regio-Bahn nach Wolfsburg-Fallersleben."

Damit die Fahrzeit von dreieinhalb Stunden eingehalten wird, muss sie alle Anschlüsse erreichen. "Dann muss auch wirklich alles klappen ohne Verspätung oder Ausfall. Sonst strande ich nämlich", sagt Hieb.

Fast zwei Drittel aller Züge verspätet

Doch: es klappt sehr häufig nicht auf der Ausweichstrecke. Das zeigt eine Datenauswertung des Unternehmens Railwise, deren Ergebnisse der Rundfunk Berlin-Brandenburg diese Woche exklusiv veröffentlichte. Demnach liegt der Anteil der unpünktlichen Züge auf der Strecke in Fahrtrichtung Hannover bei 48 Prozent. Fast jeder zweite Zug also war verspätet.

Als verspätet gilt ein Zug, der mehr als 6 Minuten nach der im Fahrplan ausgewiesenen Ankunftszeit eintrifft. Untersucht wurden 1.611 ICE-Fahrten und 119 vom Anbieter Flixtrain zwischen dem 2. und 23. Oktober.

Die eigentlichen Schreckenszahlen liefert die Auswirkung für die Fahrtrichtung Berlin: 75 Prozent aller Fahrten waren verspätet, so die Railwise-Auswertung. Damit ergibt sich in beide Fahrtrichtungen zusammengerechnet, dass 62 Prozent aller Züge unpünktlich waren. Eine Anfrage des rbb nach den Gründen für die Verspätung beantwortete die Deutsche Bahn bislang nicht. Im Schnitt lag die Pünktlichkeitsquote im gesamten Fernverkehr nach Angaben der Bahn im vergangenen Monat bei 56,2 Prozent.

Auswirkungen auf Regionalverkehr

Die Railwise-Untersuchung zeigt auch: Die Verspätungen auf der offenbar stark belasteten Ausweichstrecke zwischen Berlin und Braunschweig haben auch negative Auswirkungen bis in den Regionalverkehr. Die Streckensperrung und der Ausweichverkehr belasten eine ganze Region. Betroffen sind Fahrgäste in Niedersachsen, Sachsen-Anhalt, Brandenburg und Berlin.

Ein Beispiel: die Strecke Berlin-Rathenow, ebenfalls eine klassische Pendlertrasse. Normalerweise nehmen Bahnkunden den Regionalexpress RE4: 40 Minuten, eine Fahrt. Nun müssen sie auf eine andere Strecke über das abseits der Route gelegene Nauen ausweichen. 40 Minuten länger dauert die Fahrt somit - zumindest auf dem Papier.

Denn die Datenauswertung zeigt: Auch diese Züge sind unpünktlich. Insbesondere zu den Stoßzeiten, früh in Richtung Berlin, abends in Richtung Nauen, häufen sich die Verspätungen. So kommt beispielsweise zwischen 16 und 19 Uhr mehr als jeder dritte Zug, der die Hauptstadt in Richtung Nauen verlässt, zu spät an.

Hoffnung auf 2027

Pendlerin Saskia Hieb beobachtet genau, wie die Großbaustelle zwischen Berlin und Lehrte sich entwickelt und ob die Pünktlichkeit des Ausweichverkehrs besser wird. "Die Hoffnung ist, dass sich die Lage ab Januar etwas entspannt", sagt sie. "Die Informationslage wechselt aber gefühlt wöchentlich."

Das Homeoffice sei schließlich nur eine Notlösung. So oft wie derzeit werde die Fernarbeit im kommenden Jahr auf Dauer wohl nicht möglich sein, fürchtet Hieb.

Mit Informationen von Martin Küper, Gina La Mela und Jacqueline Piwon, rbb.

Source: Tagesschau · Andre Kartschall

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