Eine Frau gedenkt an einem Brunnen in Tel Aviv der Opfer des 7. Oktober 2023.

Interview

Stand: 27.10.2026 • 16:51 Uhr

Angst, Trauer und politische Spaltung prägen seit dem 7. Oktober 2023 Israel. Das Land steckt nach Einschätzung von Psychologin Roth in einer tiefen Identitätskrise. Hoffnung gibt ihr die heutige Wahl - sie könnte zum Neuanfang werden.

tagesschau.de: Frau Roth, seit dem Überfall der Terrororganisation Hamas ist in Israel von einem kollektiven Trauma die Rede. Nun wählt Israel erstmals danach wieder ein neues Parlament. Wie haben der 7. Oktober und der Krieg danach die Gesellschaft verändert?

Merav Roth: Wir stecken in einer tiefen Identitätskrise, so würde ich es nennen. Wir trauern nicht nur um die Menschen, die wir verloren haben. Die Atmosphäre im Land, das Vertrauen in die Welt haben sich verändert. Das Vertrauen in unsere Regierung ist zusammengebrochen oder wenigstens schwer erschüttert. Wir sind sozial aus dem Gleichgewicht geraten, haben alle Sicherheit verloren. Die Idee, dass wir das "Niemals-Wieder-Land" unserer Eltern und Großeltern sind, wo all die schlimmen Dinge, die Juden angetan wurden, nicht passieren können, weil es ihr Land ist - das wurde uns alles genommen.

Merav Roth

Zur Person

Merav Roth ist klinische Psychologin und Trauma-Expertin. Die 59-Jährige hat nach dem 7. Oktober 2023 auch Überlebende des Hamas-Massakers, freigelassene Geiseln und deren Familien begleitet. Roth ist die Tochter des Holocaust-Überlebenden und früheren Vize-Premiers, Josef Lapid. Ihr Bruder Jair Lapid ist heute Israels Oppositionsführer.

tagesschau.de: Wie drückt sich das bei den Menschen aus?

Roth: Die Leute sitzen in Restaurants, im Theater und wirken voller Lebensfreude. Aber wenn man näher hinsieht, sieht man auch die Verzweiflung. Depressionen und Suizide haben stark zugenommen. Tausende Israelis haben das Land verlassen, weil sie es nicht mehr ausgehalten haben. Viele Menschen sind traurig und in sich gekehrt. Andere tragen Rachegefühle und Gewalt in sich. Und wieder andere sind von der Realität völlig entkoppelt. Alle Varianten sind Ausdruck erlittener Traumata. Wir sind eine traumatisierte Gesellschaft. Jeder von uns ist irgendwie kaputtgegangen.

tagesschau.de: Viele Israelis haben nicht nur das Hamas-Massaker als einschneidend erlebt, sondern auch die Jahre danach: das Bangen um die Geiseln, die Kämpfe im Gazastreifen, die Bedrohung durch Iran und die Hisbollah.

Roth: Die Traumata sind in ihrer Komplexität und Fortdauer wohl einzigartig. Jeder Verlust gehörte einer Familie, einer Gemeinschaft. Dazu gibt es die politische Krise im Land, die Spaltung in unversöhnliche Lager. Die Kriege dauern an. Über Monate rannten wir mit unseren Kindern wieder und wieder vor Raketen in die Schutzräume. Wir hatten das Gefühl, dass wir schwach sind und keinen Einfluss auf unser Leben haben. Wir nennen das "erlernte Hilflosigkeit".

"Wir haben eine Wahl, wie wir weitermachen"

tagesschau.de: Wie kann man der begegnen?

Roth: Als Therapeutin erinnere ich die Menschen daran, dass sie für ihr Leben immer noch verantwortlich sind. Wir tragen selbst die Verantwortung, dass wir nicht die Hoffnung verlieren, wie wir unser Leben leben wollen, dass wir uns nicht der Rache oder Verzweiflung hingeben. Wir haben eine Wahl, wie wir weitermachen, als Individuen und als Gesellschaft.

tagesschau.de: Israel hat seit seiner Gründung mehrere Kriege durchlebt. Kann man aus den Erfahrungen für den Umgang mit den aktuellen Traumata lernen?

Roth: Der 7. Oktober war in seiner Wucht einzigartig. 1.200 Menschen wurden an einem Tag brutal ermordet, 251 weitere verschleppt. Wir haben mehr als zwei Jahre gewartet, bis der letzte zu uns heimgekehrt ist. Gleichzeitig habe ich erlebt, dass mir ausgerechnet meine Erfahrung als Tochter eines Holocaust-Überlebenden geholfen hat.

"Anerkennung ist entscheidend für den Heilungsprozess"

tagesschau.de: Inwiefern?

Roth: Als Traumaexpertin habe ich bereits wenige Tage nach dem Angriff zwei Jungen getroffen, die überlebt hatten. Eltern, Bruder und Schwester waren ermordet worden. Die beiden Kinder hatten unter ihnen gelegen und nur überlebt, weil die Kugeln nicht zu ihnen durchdrangen. Ich konnte kaum atmen, bevor ich die beiden sah. Und dann sagte ich zu ihnen: "Wisst ihr, unsere Väter haben ihre Eltern im Holocaust verloren. Und sie wurden zu dicken, glücklichen Männern und hatten glückliche Familien." Ich wusste also durch das transgenerationale Trauma etwas über Heilung, über innere Stärke - und über die Möglichkeit von Zukunft.

tagesschau.de: Wie wichtig ist für diese Zukunft die Aufarbeitung des politischen Versagens um den 7. Oktober?

Roth: Wir wissen aus der Behandlung von Missbrauchsopfern, wie entscheidend die Anerkennung des Übergriffs für den Heilungsprozess ist. Die Regierung aber hat bis heute keine unabhängige Untersuchung zugelassen. Das zahlt auf das Trauma ein.

"Die Polarisierung hat nicht erst mit den Kriegen zugenommen"

tagesschau.de: In welcher Weise?

Roth: Sehen Sie, als Babys lernen wir, dass wir in den Armen unserer Eltern sicher sind. Dass Groß sich um Klein kümmert. Darauf baut unsere gesunde Welt auf, es ist ein ethisches Gebot. Dann wird diese Welt durch ein Trauma zertrümmert und niemand übernimmt Verantwortung. Die Eltern erkennen den Angriff auf ihr Baby nicht einmal an, wollen keine Aufklärung. Sie lassen ihr Kind im Stich. Und so fühlen sich viele Israelis bis heute.

tagesschau.de: Inwiefern wird das die Wahl bestimmen? Premier Netanjahu hat vor der Wahl ja trotzdem vor allem auf die Themen Stärke und Sicherheit gesetzt.

Roth: Ich halte es für zentral. Ein misshandelnder Vater spielt bewusst mit den tiefsten Ängsten seiner Kinder, um sie in seine Arme als vermeintlich schützende Vaterfigur zu treiben. Aber viele Menschen, darunter die Familien der Geiseln und Überlebenden, brauchen und kämpfen für die Anerkennung. Die Aufarbeitung der Vergangenheit ist auch ein wesentliches Versprechen der Oppositionsparteien, die den Wandel wollen.

tagesschau.de: In welchem Ausmaß haben die Erfahrungen der letzten Jahre die Politik beeinflusst?

Roth: Die Polarisierung hat nicht erst mit den Kriegen zugenommen, sondern schon davor, als Hunderttausende in den Straßen gegen Netanjahus Justizreform und den Abbau der Demokratie demonstrierten. Seit dem 7. Oktober hat sich diese Spaltung noch einmal verstärkt. Gleichzeitig haben wir aufgehört, miteinander zu reden.

Ich würde nicht sagen, dass die Gesellschaft insgesamt nach rechts gerückt ist. Extremisten wie Itamar Ben-Gvir (Israels Polizeiminister, Anm. d. Red.) nimmt man natürlich am stärksten wahr, sie sind Teil der Regierung und sehr gefährlich. Aber es gibt auch eine sehr große Gruppe von Menschen, die ihre Demokratie und ihre liberalen Werte zurückwollen.

"Das Entmenschlichen muss aufhören"

tagesschau.de: Israels Linke hat sich früher für die Koexistenz mit den Palästinensern eingesetzt. Nach dem 7. Oktober beschrieben jedoch auch von ihnen viele, dass sie sich eine solche Zukunft nicht mehr vorstellen können.

Roth: Wenn sie das unter Rechtsruck verstehen, muss ich Ihnen zustimmen. Es gab einen Wandel, was den Optimismus bezüglich einer Zweistaatenvereinbarung angeht. Wir sind in Gedanken immer noch im Krieg mit der Hamas. Und die linken Gemeinschaften in den Kibbuzim wurden damals von der Hamas am brutalsten angegriffen.

tagesschau.de: Glauben Sie, Verständigung ist nach dem 7. Oktober und dem Gaza-Krieg noch möglich?

Roth: Die Voraussetzung ist, dass wir nach einer Zeit der Trauer die Realität anerkennen. Das Leugnen, Entmenschlichen und Dämonisieren des anderen muss aufhören und durch Akzeptanz ersetzt werden. Das ist ein langer Weg und braucht Aufklärung, aber es ist möglich.

Wir müssen wieder für die Komplexität unserer Situation Verantwortung übernehmen, auch für den Gegenüber als menschliches Wesen. Das heißt auch, dass wir die Traumata und die Grausamkeiten, die wir einander zugefügt haben, anerkennen. Das bedeutet nicht, dass wir in einer grausamen Welt leben wollen. Wenn wir für unsere Kinder etwas anderes wollen, müssen wir sie zu einem friedvollen Leben erziehen.

"Nicht alle, die auf uns wütend sind, sind Antisemiten"

tagesschau.de: Israel hat sich durch sein Vorgehen im Gazastreifen international weitgehend isoliert. Auch antisemitische Übergriffe haben in der Welt seither stark zugenommen.

Roth: Die Verbitterung darüber lässt sich nicht vermitteln. Viele verwechseln Israels Regierung mit den Menschen im Land. Gleichzeitig sind nicht alle, die auf uns wütend sind, Antisemiten - viele üben berechtigte Kritik. Sie waren mit uns solidarisch und sahen sich gezwungen, uns den Rücken zu kehren. Aber sie kehren auch jenen Menschen in Israel den Rücken zu, die ihre Werte teilen.

Auch in Israel fühlen sich viele Menschen in ihrer Moral verletzt und kämpfen für die liberale Demokratie, ein Ende des Krieges, den Wiederaufbau des Gazastreifens und der israelischen Gesellschaft. Ich bin zuversichtlich, dass jene, die uns jetzt kritisieren, wieder unsere Freunde werden, sollte es zu einem politischen Wandel kommen.

Als Psychoanalytikerin glaube ich fest an die Möglichkeit, Traumata zu betrauern und aus Zerstörung etwas Neues aufzubauen. Die Wahlen könnten eine Plattform sein, um diesen Prozess in Gang zu setzen.

Das Gespräch führte Anne Armbrecht für tagesschau.de. Es wurde für die schriftliche Form aus dem Englischen übersetzt und angepasst.

Source: Tagesschau · tagesschau.de

At a glance

Topic
World
Country
🇩🇪 DE
Publisher language
DE
Added to Allnira