Jedes Land soll neue Gesundheitsbedrohungen innerhalb von 24 Stunden nach ihrem Auftreten erkennen und einordnen können. Das ist das Ziel der World Health Organization (WHO), genauer des WHO Hub for Pandemic and Epidemic Intelligence (WHO Hub). Dieser hat Mitte Oktober auf dem World Health Summit in Berlin seine Strategie zur künftigen Abwehr von Pandemien veröffentlicht. Beim World Health Summit ging es in den vergangenen Jahren bereits mehrfach um den Einsatz von künstlicher Intelligenz im Gesundheitswesen.

Die WHO will ihre Strategie bis 2030 umsetzen

Laut der WHO-Mitteilung zur neuen Strategie soll bis 2030 ein globales, intelligentes System entstehen, in dem Länder und Partner besser zusammenarbeiten. Jedes Land soll gut genug ausgerüstet werden, um Epidemien und Pandemien schnell zu erkennen und möglichst zu verhindern. Dabei helfen sollen unter anderem KI-gestützte Simulationen, Genomsequenzierung und Open Source Intelligence (OSINT).

Bei der Eröffnung des World Health Summit sagte der Parlamentarische Staatssekretär im Bundesgesundheitsministerium (BMG), Georg Kippels (CDU), Deutschland sei stolz darauf, den WHO Hub zu beherbergen. WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus dankte den Gründungspartnern, dem Robert Koch-Institut (RKI) und der Charité – Universitätsmedizin Berlin. Mit der neuen Strategie könne die Welt nun deutlich schneller auf gesundheitliche Bedrohungen reagieren. Bereits auf dem World Health Summit 2023 hatten Experten der Charité eine bessere Verknüpfung von Gesundheitsdaten gefordert, etwa durch Gesundheitsclouds und verbessertes Record Linkage.

Die Initiative entstand vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie, die einige Lücken in der Vorbereitung auf globale Gesundheitsbedrohungen aufgezeigt hat. Erst im Mai 2023 hatte die WHO den Gesundheitsnotstand im Zusammenhang mit der Coronavirus-Pandemie aufgehoben, nachdem das Virus weltweit Millionen Todesfälle gefordert hatte. Um Gesundheitsbedrohungen künftig schneller zu erfassen und eine weltweite Überwachung zu fördern, etablierten die damalige Bundeskanzlerin Angela Merkel und WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus im September 2021 den WHO Hub for Pandemic and Epidemic Intelligence in Berlin. Das BMG förderte die Einrichtung mit 90 Millionen Euro. Kurz darauf beschlossen die Mitgliedsstaaten der WHO bei einer Sondersitzung der Weltgesundheitsversammlung, ein internationales Pandemieabkommen zu entwickeln. Im Mai 2025 verabschiedete die Weltgesundheitsversammlung das Abkommen schließlich. Seitdem arbeitet der WHO Hub mit mehr als 160 Ländern, 190 Partnern sowie tausenden Wissenschaftlern und Entscheidungsträgern zusammen.

So will die WHO sich besser auf künftige Pandemien vorbereiten

Den Kern der Strategie für 2030 bilden fünf Initiativen. Zunächst soll ein gemeinsames Überwachungsnetz (Collaborative Surveillance) zum Standard werden. Beteiligte profitieren demnach von einem gemeinsamen Ansatz, der Kompetenzen über geografische Regionen hinweg miteinander verknüpft. Die zweite Säule bildet die Initiative „Epidemic Intelligence from Open Sources (EIOS)“: Sie erkennt Gesundheitsbedrohungen früh, indem sie öffentlich zugängliche Informationen (OSINT) analysiert. Hier will der WHO Hub fortschrittliche KI-Funktionen weiterentwickeln, um die automatisierte Signalerfassung und die Risikobewertung zu verbessern. Beim Einsatz solcher KI-Systeme im Gesundheitswesen mahnte die WHO bereits 2023 zur Vorsicht, denn generative Sprachmodelle wie ChatGPT könnten Risiken für Patienten mit sich bringen, wenn sie unzureichend geprüft würden.

Als dritte Säule sollen die Kooperationsnetzwerke der „Collaboratory“ Experten aus verschiedenen relevanten Feldern zusammenbringen. Das soll Staaten und Partnern dabei helfen, effektiv zusammenzuarbeiten und bevorstehende Gesundheitskrisen besser zu verstehen. Als vierte Säule will das „International Pathogen Surveillance Network (IPSN)“ diagnostische Innovationen, Genomsequenzierung und Bioinformatik als feste Bestandteile in Überwachungssysteme integrieren und diese dadurch stärken. Abgerundet wird das Konzept durch sogenannte „Digital Enablers for Public Health Intelligence“: Vertrauenswürdige und bewährte Technologien sollen die Auswertung von Gesundheitsdaten stützen, sodass alle Staaten vom digitalen Fortschritt beim schnellen Erkennen gesundheitlicher Bedrohungen profitieren.

Diese Maßnahmen will der WHO Hub bis 2030 umsetzen. Eine nachhaltige internationale Zusammenarbeit und eine verantwortungsvolle Führung sollen dabei helfen, Innovationen schneller in die Praxis zu bringen.

Auch wenn die neue Initiative vielversprechend scheint, muss sich die WHO Herausforderungen hinsichtlich der Finanzierung stellen. Zuletzt kürzten einige Länder ihre Entwicklungshilfe. Das verschärft ein bekanntes Problem: Schon 2023 hatte die WHO vor einer digitalen Kluft im europäischen Gesundheitswesen gewarnt, da Millionen Menschen von digitalen Gesundheitstools ausgeschlossen blieben. Besonders schwer wiegen die ausgebliebenen US-Beiträge und der im Januar 2026 wirksam gewordene WHO-Austritt der USA. Die dadurch entstandene Finanzlücke hat zu einem Personalabbau geführt.

(vza)

Source: Heise · Dafina Maloku

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